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Filmreise Etappe #13: Der pfeifende Mörder

29. November 2019

Als ich in der letzten Woche nach einem deutschen Stummfilm gesucht habe, stolperte ich natürlich auch immer wieder über Fritz Lang. Geht ja auch gar nicht anders, ist Lang doch einer der großen deutschen Regisseure, der sich allein schon mit seinem „Metropolis“ auf Ewigkeiten in die Annalen der Filmgeschichte eingetragen hat. Dennoch bin ich ganz froh, dass ich dann mit „Das Cabinet des Dr. Caligari“ gegangen bin, der Film war einfach großartig. Fritz Lang musste so einfach eine Woche warten. Denn jetzt habe ich mir endlich, endlich, endlich mal (diese Zeitreise-Kategorie ist wirklich super!!!) „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ angeschaut. Einer der ersten deutschen Tonfilme aus dem Jahre 1931 und auch einer dieser Filme, der immer und immer wieder irgendwo Erwähnung findet, wenn man sich mit Filmgeschichte auseinandersetzt.

Ein unbekannter Mörder (Peter Lorre) versetzt Berlin in Angst und Schrecken. Der Serienmörder hat schon mehrere Kinder auf dem Gewissen… und spielt sogar noch mit den Behörden, in dem er Briefe an die Polizei und auch an die Presse schickt. Doch die Stadtverwaltung und die Polizei sind ratlos. Mit zahlreichen Razzien im Verbrecher-Milieu versucht man Herr der Lage zu werden und kommt keinen Schritt weiter. Die unzähligen Übergriffe auf ihre „Mitglieder“ lässt schließlich auch das organisierte Verbrechen unruhig werden… und so beginnen auch die Kriminellen eifrig nach dem Täter zu suchen, um wieder für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Ein Katz-und-Maus-Spiel beginnt…

Mit „The General“ hatte ich jetzt quasi den ersten richtigen Action-Film, „Das Cabinet des Dr. Caligari“ war ein ausgezeichnetes Beispiel für perfekten frühen Horror und „M“ ist jetzt ein Grundbaustein für das Serienkiller-Thriller-Genre. Hier ist echt alles mit dabei, was später Filme wie „Sieben“ und Co. auszeichnet – gerade, weil sich Lang in der Recherche zu „M“ auch intensiv mit Serienmördern auseinandersetzte und somit die Pathologie des Verbrechers ergründet. Das wird deutlich durch „klassische“ Mittel, wie eben das Schreiben an die Polizei oder auch die Einschätzung der Experten zu diesem Täter… und am Ende durch den Mörder selbst, der in einer erstaunlich bewegenden Rede deutlich macht, dass er gar nicht in der Lage ist, seine Gelüste unter Kontrolle zu halten.

Peter Lorre als Mörder Hans Beckert ist aber auch der Inbegriff des unscheinbaren Serienkillers, den Leute im Nachhinein wahrscheinlich als „Oh, er war immer so nett und freundlich“ beschreiben würden, wenn sie dann erfahren, was für ein Monster in ihm steckte. Lorre sieht so absolut unschuldig aus, reagiert fast schon kindlich – immer diese aufgerissenen Augen, wenn etwas Unerwartetes passiert. Gleichzeitig inszeniert ihn Fritz Lang aber auch gekonnt als Wolf im Schafspelz… wenn er etwa nur seinen wachsenden Schatten vor seinem nächsten Opfer zeigt oder man nur sein Pfeifen hört, wenn er mal wieder Edvard Grieg zum Besten gibt. Tolle Inszenierung, die im Kopf bleibt.

„M“ ist aber so viel mehr als einfach nur ein Thriller… anfangs wird hier erstaunlich dokumentarisch Polizei-Arbeit beschrieben, bevor sich der Film fast schon satirisch auf die wachsende Hysterie der Bevölkerung stürzt, die gefühlt jeden beschuldigt, sobald er nur mit einem Kind spricht. Anschließend kommt der spannende Teil, in dem Lang mit gekonnter Parallelmontage die Planung der Suche nach dem Täter sowohl aus der Sicht der Polizei als auch der Kriminellen zeigt. Hier wird aus zwei Gesellschaften fast eine, die – würden sie irgendwie zusammenarbeiten können – wesentlich besser vorankommen würde. Anschließend gibt es halt die wilde Hetzjagd, bevor das ganze zu einem absurden Gerichtsdrama wird, in dem Peter Lorre dann einmal mehr seine Schauspielkunst unter Beweis stellen kann. Dieser Film hat wirklich alles zu bieten und baut sich immer weiter zu einem wahrhaftig spannenden Meisterwerk auf.

Und… eben weil es einer der ersten Tonfilme Deutschlands ist, darf man den Ton nicht vergessen. Das Pfeifen habe ich ja schon angesprochen, aber selbst so einfache Dinge wie Schritte, das Anrollen von Autos oder das schrille Pfeifen der Polizei – das alles gibt dieser unheimlichen Welt von „M“ einen sehr natürlichen Klang, der aber auch immer wieder von absoluter Stille unterbrochen wird… nur um uns dann mit einem Geräusch wieder zu überraschen. Fritz Lang verlässt sich nicht auf den Ton, einfach weil er endlich einsetzbar ist, sondern untermalt damit gekonnt seine Bilder. Die könnten letztendlich auch ohne Ton funktionieren (da merkt man, dass er eben noch frisch vom Stummfilm kommt), werden aber durch die Musik und die Geräusche und die Dialoge noch so viel besser.

Wertung: 10 von 10 Punkten (spannender Film, der das Serienkiller-Schema perfekt für Film vorschreibt)

9 Kommentare leave one →
  1. 29. November 2019 17:30

    Du suchst dir aber auch echt die Perlen aus für diese Etappe 😉

    • donpozuelo permalink*
      29. November 2019 18:18

      Es bietet sich einfach so gut an. Endlich mal so wirklich ein paar Klassiker aufzuholen, die man sonst so gar nicht gucken würde…

  2. 30. November 2019 11:17

    Wirklich ein zeitloser Klassiker 😊

    • donpozuelo permalink*
      30. November 2019 11:46

      Oh ja… und wirklich zeitlos zeitlos. Der hat den Test der Zeit definitiv überstanden.

  3. 11. Dezember 2019 17:28

    Gerade auch die markant gepfiffene Melodie ist natürlich ein erstes wichtiges Utensil des Tonfilms. Lang nutzt das Element ja sogar für die Lösung des Falls. Im Stummfilm hätte er sich da wohl was anderes einfallen lassen müssen.

    • donpozuelo permalink*
      11. Dezember 2019 20:02

      Absolut richtig. Das ist schon wirklich toll, wie gekonnt er Ton hier tatsächlich einsetzt… und das bei der damals ja noch jungen Neuerung.

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