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Filmreise Etappe #12: Der Somnambule

22. November 2019

Ich muss gestehen, dass ich abgesehen von „Metropolis“ und „Nosferatu“ in der Stummfilm-Sektion meist nur im komischen Bereich geblieben bin. Die beiden waren immer so die offensichtlichsten Vertreter einer Ära, die schon so lange zurückliegt, dass man ihr irgendwie doch mehr aus dem Weg geht. Mit Buster Keaton und „The General“ war ich letzte Woche ja dann doch wieder eher im Komödien-Genre… weswegen ich ganz froh war, dass der zweite Film der 20er in der Filmreise Challenge nach einem expressionistischen Werk verlangte. Und welcher Film hätte da besser gepasst als „Das Cabinet des Dr. Caligari“?

Franzis (Friedrich Fehér) erzählt einem älteren Herrn eine Geschichte… die Geschichte des Dr. Caligari. Der kam einst in die Heimatstadt von Franzis und präsentierte dort auf dem Jahrmarkt einen Somnambulen – ein Mann, der seit 23 Jahren im Tiefschlaf liegt. Aufgeweckt durch den Doktor würde er jemandem im Publikum seine Zukunft verraten. Franzis‘ Freund Alan (Hans Heinrich von Twardowski) fragt ihn daraufhin, wann er sterben würde. Cesare, der Somnambule, antwortet daraufhin: „Im Morgengrauen“… und tatsächlich trifft seine Vorhersage zu. Alan wird tot aufgefunden, zu diesem Zeitpunkt schon das zweite Opfer eines unheimlichen Mörders. Franzis ist überzeugt, dass Caligari und sein Schlafwandler etwas damit zu tun haben… nur leider fehlen ihm die Beweise.

Wow! Ich bin echt aus den Socken. Ich habe ja schon viel von diesem Film gehört und hier und da natürlich auch ein paar Bilder gesehen, aber ich war nicht darauf vorbereitet, wie großartig dieser Film ist. Die Story allein ist der absolute Hammer. Regisseur Robert Wiene treibt die Handlung unglaublich rasch voran. „Das Cabinet des Dr. Caligari“ wird zu einem packenden Thriller mit einem leichten Horror-Touch. Das Ganze wird ein kleines Detektiv-Stück, bei dem wir nie ganz greifen können, was nun wirklich mit diesem Doktor los ist. Richtig spannend wird das Ganze mit gleich zwei großen Twists… einmal, wenn es um die Auflösung geht und wie die Morde geschehen sind. Zum anderen, und das ist viel krasser, gibt es so 80 Jahre vor all den M. Night Shyamalans und Co. die große Wendung, die den ganzen Film auf den Kopf stellt. Die Rahmenhandlung – das Gespräch zwischen Franzis und dem alten Mann im Garten – stellt alles auf den Kopf.

Es mag jetzt sehr arrogant klingen und ist es wahrscheinlich auch, aber mit solch Finesse habe ich wirklich nicht gerechnet. Aber meine Güte, die Story ist der Hammer. Packend, selbst jetzt noch, knapp 100 Jahre später. „Das Cabinet des Dr. Caligari“ ist ein besserer Thriller, ein besserer Horror-Film als manch andere Vertreter, die heute so durch die Kinos streifen.

Was natürlich sehr zur Stimmung beiträgt, ist das surreale Set-Design. Nichts passt in diesem „Fiebertraum“ so wirklich zusammen. Franzis‘ Heimatdorf selbst wirkt mehr wie eine Ansammlung aus Zeltartigen Häusern, die sich einen Berg hochreihen, als wollten sie verzweifelt den Himmel berühren. Türen wirken anormal, Winkel und Gassen widersetzen sich der gewohnten Symmetrik. Alles erscheint eng und bedrückend. Die Arbeit von Licht und Schatten ist phänomenal… und selbst wenn solche Dinge nur aus Set gemalt sind, verfehlt es seine Wirkung nicht. Wie gesagt, dieser Surrealismus greift wunderbar in diese verrückte Jagd nach Dr. Caligari…

Dazu tut die Musik, die der Komponist John Zorn für die restaurierte Fassung der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung komponiert hat, ihr Übriges, um die unheimliche Stimmung, das Unheilvolle noch zu steigern.

„Das Cabinet des Dr. Caligari“ hat auch nach 100 Jahren nichts von seiner Faszination verloren. Der Film ist wahrhaftig ein Meisterwerk, das spannend erzählt wird und visuell beeindruckt.

Wertung: 10 von 10 Punkten (grandioser Stummfilm, den wirklich jeder mal gesehen haben sollte)

13 Kommentare leave one →
  1. Ma-Go permalink
    23. November 2019 18:30

    Ich habe den Film irgendwann mal in einer superschlechtem Qualität auf YouTube gesehen. Da hat mich die visuelle Darstellung zu sehr runtergezogen.

    Ähnliches gilt übrigens auch für Nosferatu. Der lief jedoch neulich auf ARTE in einer komplett restaurierten Fassung. Das war dann schon was anderes. Vielleicht kommt der hier ja auch mal

    • donpozuelo permalink*
      23. November 2019 18:53

      Ich hab ihn jetzt tatsächlich auch „nur“ auf YouTube geguckt, aber da war die Qualität wirklich sehr, sehr gut. Also einfach mal suchen… 😅

    • donpozuelo permalink*
      23. November 2019 18:54

      • Ma-Go permalink
        25. November 2019 11:26

        So, jetzt habe ich den Film auch noch mla gesehen und muss sagen, der ist echt krass. Seiner Zeit meilenweit voraus. Der Soundtrack ist richtig cool und das Setdesign der Hammer. Auch wenn man in der Regel die Finger von solchen Meisterwerken lassen sollte, hätte der Film auf jeden Fall ein angemessenes Remake verdient.

        • donpozuelo permalink*
          25. November 2019 12:20

          Freut mich, dass er dir auch gefallen hat. Ich meine, gelesen zu haben, dass es ein Remake gibt. Aber so scharf wäre ich da gar nicht drauf…

        • Ma-Go permalink
          25. November 2019 12:22

          Oh. Davon habe ich noch nichts gehört. Ich weiß nur dass eines von Nosferatu geplant ist. Regisseur: Robert Eggers

        • donpozuelo permalink*
          25. November 2019 21:04

          Ich habe auch nur Sachen gelesen, dass es wohl mal irgendwie Versuche gab, das zu remaken, aber so richtig was waren diese Filme dann auch nie. Robert Eggers und Nosferatu klingt auf jeden Fall sehr interessant.

  2. 25. November 2019 00:28

    Ja sowas lief in meiner Vor-Twen-Zeit sogar noch im Fernsehen. Stimmt, muss man gesehen haben, ganz großartiges Kunstwerk.

    • donpozuelo permalink*
      25. November 2019 12:17

      Oha… naja, heute würde das im Fernsehen wohl auch keiner mehr gucken. Aber ja, absolutes Pflichtprogramm eigentlich.

Trackbacks

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