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Die Liebe auf Seite 28

6. November 2019

Schöne Titel verführen mich sehr dazu, einem bestimmten Film mehr Aufmerksamkeit zu schenken. „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“ war so ein Fall, wo das damals zum Beispiel sehr gut funktioniert hat. Bei „The Lady in the Car with Glasses and a Gun“ waren am Ende nur die Bilder und der Titel toll, der Rest eher nicht so. Jetzt bin ich mal wieder über einen Film gestolpert, der mich schon beim Titel aufhorchen ließ… und zum Glück, so viel kann ich jetzt schon mal verraten, ist der tatsächliche Film genau so klangvoll und schön wie es sein Titel vermuten lässt: „Porträt einer jungen Frau in Flammen“.

Irgendwann um das Jahr 1770 herum reist die junge Malerin Marianne (Noémi Merlant) auf eine kleine, abgeschiedene Insel. Hier lebt eine alte, italienische Gräfin (Valeria Golino) mit ihrer Tochter Héloïse (Adèle Haenel). Die soll Marianne porträtieren. Eine vermeintliche Aufgabe, die nur einen Haken hat: Das Porträt ist für einen Adeligen aus Mailand, den Héloïse heiraten soll. Von daher verweigert sie sich jedem Maler… und Marianne muss ihr Bild zeichnen, indem sie Héloïse bei ihren Spaziergängen begleitet und beobachtet. Mit der Zeit gewinnt sie das Vertrauen der scheuen Frau und verliebt sich in sie…

Was für ein Film! Was für ein poetischer Film – ohne dabei prätentiös zu sein! Was für ein künstlerischer Film – ohne dabei zu träge zu wirken. „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ ist ein kleines, feines Meisterwerk. Das einfach mal so vorweg. Es ist unglaublich beeindruckend, wie es Regisseurin Céline Sciamma schafft, diese Liebesgeschichte so intensiv und gleichzeitig so gefühlvoll zu erzählen.

So wie Marianne eine begnadete Künstlerin ist, so stellt auch Sciamma das unter Beweis. Gefühlt jedes zweite Bild in diesem Film ist es wert, pausiert und bestaunt zu werden. Sciamma malt selbst kleine Gemälde, die man sich stundenlang anschauen könnte. Sie zwing uns sogar in die Position von Marianne, indem sie uns lange Einstellungen von Adèle Haenels Gesicht zeigt… wir prägen uns ebenfalls jede Kurve ihres Gesichts ein, wir inhalieren sie förmlich. Was jetzt nach einem ewig langen Film mit ewig langen Einstellungen klingt, ist nie so. Sciamma hat ein perfektes Gespür für ihre Bilder, für die Blicke, die sich die Darstellerinnen zu werfen und weiß genau, wie sie ihre kleinen szenischen Gemälde perfekt einsetzt, um uns in diesem Bilderrausch ertrinken zu lassen. Ich weiß, das klingt alles sehr pathetisch, aber es war mir einfach so. Dieser Film hat so eine unglaublich schöne Bildsprache, so eine innere Ästhetik, man kann sich gar nicht satt sehen.

Neben der Ästhetik ist es aber natürlich auch die Geschichte der beiden Frauen, gespielt von zwei wunderbaren Schauspielerinnen. Ihr Zusammenspiel ist unglaublich zart und behutsam, sie wirken nie aufgesetzt, alles an ihnen erscheint gleichzeitig unwirklich und so unglaublich nahbar. Das macht sie ganz besonders und faszinierend. Es sind beides Frauen, die sich gegenseitig brauchen. Zwei Menschen, die etwas in ihrem Leben suchen und es an diesem unmöglichen Ort unter diesen unglaublichen Umständen finden. Auch das klingt wieder sehr pathetisch, aber es fühlt sich alles echt und ehrlich an. Noémie Merlant ist ein Traum – ganz oberflächlich gesagt: Ich war sofort in sie verliebt. Denn ähnlich wie wir Héloïse die ganze Zeit anstarren, so starren wir ihre Marianne noch viel mehr an… und irgendwann verliert man sich in ihren Konturen, in ihren Augen.

Oh Gott… okay… ich höre besser auf. Ihr seht, dieser Film hat mich echt umgehauen, ohne dass ich es je geahnt hätte. Was ich aber an dieser Stelle noch erwähnen möchte, ist das Sound-Design… etwas, worüber ich mir sonst nie groß Gedanken mache. Im ganzen Film gibt es genau zwei Musikstücke: einmal ein kraftvolles A-cappella-Stück von mehreren Frauen und dann etwas aus Vivaldis „Vier Jahreszeiten“. Sonst herrscht nur das Knarren der Holzdielen, das Streichen des Pinsels über die Leinwand, der Wind und das Meer. Aber gerade die beiden Musikstücke treffen dann auch mit so einer Wucht, das sie einen förmlich umhauen.

Ich habe jetzt nur in Lobpreisungen von diesem Film geschwärmt. Fast schon zu sehr, dass man das hier weniger als Kritik als vielmehr als schwülstigen Liebesbrief bezeichnen muss. Aber es ist halt wie es ist… das war Liebe auf den ersten Blick, ein Film – so bildgewaltig, so zart, so feinfühlig, so wunderbar gespielt… das ist mir schon lange nicht mehr untergekommen. „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ ist einfach wunderschön.

Wertung: 10 von 10 Punkten (jedes Bild ein kleines Kunstwerk – toll inszeniert, bewegend gespielt)

4 Kommentare leave one →
  1. 6. November 2019 18:57

    Ich wollte ihn am Freitag sehen, stand schon mit meiner Begleitung an der Kinokasse – und dann hieß es, es sei nur noch ein Platz frei. Hat mich extrem geärgert, und jetzt mach dieser Bewertung erst recht

    • donpozuelo permalink*
      6. November 2019 19:03

      Verdammt. Wie ärgerlich. Hol den unbedingt nach. Der ist einfach so toll.

  2. 17. November 2019 13:06

    Ich kenne bisher nur Sciammas Werk „Bande de Filles“ Aber auch da ist die Bildsprache und die Zeichnung der Figuren überaus gut gelungen. https://stepnwolf.wordpress.com/2017/05/17/52filmsbywomen-bande-de-filles-von-celine-sciamma/

    Der hier interessiert mich aber auch brennend. Muss mal schauen, ob der Film bei mir irgendwo läuft…

    • donpozuelo permalink*
      17. November 2019 18:23

      Ja… unbedingt gucken. Der ist der Wahnsinn 👍👍👍

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