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Das kranke Lachen des Clowns

14. Oktober 2019

DC hat nach wie vor nicht so wirklich seinen Weg gefunden. Ständig wird hin und her gerudert. Ein wirklicher Plan scheint da nicht erkennbar. Nach dem „Justice League“-Flop wurde es fantastisch-bunt mit „Aquaman“. Dem folgte dann perfekte Kids-Unterhaltung mit „Shazam!“. Erst war den Leuten DC zu düster, also wurden sie bunt und grell und witzig. Das hat einigen auch nicht gepasst, also entschied man sich wieder für was Neues. Dieses Mal liefert DC einen Film, der mehr als nur düster ist, der aber auch gar nicht ins DCEU gehört und auch definitiv nicht dahin passt: „Joker“.

Gotham City, irgendwann Anfang der 80er Jahre: Die Stadt versinkt in Kriminalität, Müll und Super-Ratten (das einzige Mal übrigens, dass in diesem Film das Wort „Super“ vor irgendwas gestellt wird). In diesem Moloch lebt Arthur Fleck (Joaquin Phoenix), ein psychisch extrem labiler Mann, der unter Tourette-artigen Lachanfällen leidet. Arthur verdingt sich als Clown, würde aber lieber Stand-Up-Comedian sein. Sein größter Wunsch: Einmal in der Show von Talkshow-Host Murray Franklin (Robert De Niro) auftreten. Doch Arthur wird mehr und mehr Opfer der Stadt und der Verrückten, die in ihr hausen. Da hilft auch nicht die süße Nachbarin Sophie (Zazie Beetz) und erst recht nicht seine Mutter (Frances Conroy), die zudem noch Unglaubliches vor ihrem Sohn verheimlicht.

Als ich das erste Mal hörte, dass „Hangover“-Regisseur Todd Phillips eine Joker-Verfilmung drehen soll, war ich mehr als nur skeptisch. Aber meine Güte, was lag ich mit dieser Skepsis doch falsch! Was Phillips hier abliefert, ist unglaublich. Das ist der erste Comic-Film, der sich nicht wie ein Comic-Film anfühlt. „Joker“ ist dreckig, rau und gruseligerweise sehr realistisch. Die größten Anleihen, die der Film sich gönnt, sind nicht etwa aus Comics (obwohl die ganze Stand-Up-Nummer stark an Alan Moores „The Killing Joke“ erinnert), stammen tatsächlich von Martin Scorsese. „Joker“ fühlt sich an wie eine Neufassung von „Taxi Driver“. Viele der Story-Elemente sind die Gleichen… und Phillips präsentiert uns, wie einst Scorsese, wie ein labiler Mann durch seine kaputte Umwelt umgepolt wird.

Wenn man sich in diesem dreckigen Umfeld aber immer wieder vor Augen hält, dass Joker ein Comic-Superschurke ist, hebt das „Joker“ auf eine ganz andere Ebene. Ist das jetzt also wirklich die Origin-Story des Erzfeindes von Batman? Braucht man so etwas überhaupt? Braucht man nicht, aber Phillips orientiert sich da clever an dem, was Nolan und Ledger schon in „The Dark Knight“ gemacht haben. „Joker“ liefert uns eine Story, bei der wir nie so ganz sicher sein können, was davon sich Arthur nur fantasiert. Das ist wirklich ziemlich clever gemacht (auch wenn es eine Auflösung davon im Film gibt, die ich nicht gebraucht hätte). Phillips inszeniert das alles wie einen gruseligen Fiebertraum (dazu auch noch mit dem passenden Soundtrack!!!), bei dem man selbst am Ende noch rätseln kann, was passiert ist und was nicht. Und gleichzeitig liefert er trotzdem eine ziemlich abgefahrene Origin, die mal nichts Säurebädern oder Chemikalien zu tun hat.

Ohne einen wunderbaren Joker-Darsteller würde aber alles nicht funktionieren. Zum Glück hat Phillips auch den: Joaquin Phoenix hat sich nicht nur runtergehungert, sondern sich auch noch die Seele aus dem Leib gespielt. Allein sein abartiges Lachen ist unheimlich und wirkt markerschütternd. Sein Joker wirkt auf der einen Seite sehr sympathisch, auf der anderen Seite absolut psychopathisch. Wenn er anfängt, zu lachen, wenn er anfängt, zu irgendeiner ungehörten Musik zu tanzen… er ist nicht von dieser Welt, ein Verrückter in einem verrückten Zirkus namens Gotham City. Ein Produkt seiner Vergangenheit, ein Produkt seiner Mutter, ein Produkt der Stadt. Es ist wirklich fast schade, dass „Joker“ ein Einzelfilm sein soll und wir Joaquin Phoenix möglicherweise / sehr wahrscheinlich nie wieder in dieser Rolle sehen werden. Denn er ist absolut großartig.

Todd Phillips liefert mit „Joker“ einen Film, der seinem Comic-Kult-Charakter sowas von gerecht wird. Anders hätte ein Film über den fiesesten aller Batman-Gegner nicht aussehen dürfen.

Wertung: 10 von 10 Punkten (der Abstieg des Arthur Fleck zum Joker ist unheimlich, dreckig, brutal und faszinierend zugleich)

2 Kommentare leave one →
  1. 14. Oktober 2019 19:59

    Habe ihn gestern gesehen und bin ebenfalls begeistert – auch wenn meine endgültige Meinung noch nicht zu 100% steht. Ich war während dieser zwei Stunden so oft hin und her gerissen zwischen Mitleid, Furcht, Bedrückung und Humor – es war schlicht großartig. Ein Film voller Facetten und widersprüchlicher Botschaften, genau also wie seine Hauptfigur. Für mich zusammen mit Parasite und Vice einer der Favoriten auf meinen Kinofilm des Jahres.

    • donpozuelo permalink*
      14. Oktober 2019 21:51

      Oh ja. Die Gefühle kochen bei dem Film echt über. Bislang ist mein Favorit dieses Jahr nach wie vor Burning. Aber Parasite will ich mir unbedingt auch noch anschauen, wenn der rauskommt.

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