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Pinkes Pulverfass

9. Oktober 2019

Es ist kein Geheimnis, dass ich mit dem modernen deutschen Kino nicht viel anfangen kann. Ich weiß, meine Sicht ist da vielleicht (mit Sicherheit) etwas engstirnig, aber für mich besteht deutsches Kino gefühlt nur aus Komödien oder irgendeiner Form von Vergangenheitsbewältigung. Genrekino, das mal ein bisschen davon abweicht, gerät nur selten in mein Blickfeld. Ich glaube, der letzte deutsche Film, den ich im Kino gesehen habe, war „Victoria“ – aber auch nur, weil der Film ja einen gewissen Hype abbekam. Ansonsten halte ich mich da sehr bedeckt, wenn es um Filme aus der Heimat geht. Jetzt bin ich letztens zufällig über einen Trailer gestoßen, der mich wirklich umgehauen hat… und da war mir klar, „Systemsprenger“ wird im Kino geguckt.

Die junge Benni (Helena Zengel) ist extrem verhaltensauffällig. Ihre eigene Mutter (Lisa Hagmeister) kommt nicht mit ihrer unberechenbaren Tochter klar, so dass die von einer Pflegefamilie in die nächste Einrichtung und wieder zurück wandert. Doch für Benni wird es eng. Nirgends kommt man mit dem in frühester Kindheit schwer traumatisierten Kind klar… und sie droht zum „Systemsprenger“ zu werden: sie würde dann aus dem Hilfesystem fallen. Dabei will sie doch nur zu ihrer Mama. Ihre letzte Chance scheint der Schulbegleiter Micha (Albrecht Schuch) zu sein.

Okay… wenn ihr mehr Filme mit der Wucht von „Systemsprenger“ kennt, sagt mir bitte unbedingt Bescheid. Das war ja mal ein Film, wie ich ihn nicht erwartet habe. Dieser Film haut einem mit Volldampf die Luft aus der Lunge, packt dich an sich und lässt dich nicht wieder los. Dieser Film ist gefühlvoll und mächtig, laut und kraftvoll… und in seinen ruhigen Momenten so herzzerreißend, dass ich irgendwann die Tränen auch nicht mehr halten konnte. „Systemsprenger“ ist vielleicht in diesem Jahr der Film, der mich am emotionalsten gepackt hat… weil Regisseurin Nora Fingscheidt (die auch das Drehbuch geschrieben hat) einen unglaublichen Sog entwickelt. Je tiefer Benni durch das System fällt, je hilfloser die Erwachsenen um sie herum werden, umso mehr ergreift einen dieses Schicksal – weil man selbst einfach nur zu einem hilflosen Zuschauer degradiert wird (ohne dass der Film einen jetzt mit erhobenem Zeigefinger belehren will).

Dass das alles aber überhaupt funktioniert, hat Fingscheidt ihrer großartigen Hauptdarstellerin zu verdanken. Meine Güte, Helena Zengel spielt sich hier echt die Seele aus dem Leib. Die bringt eine Energie zum Vorschein, das ist unglaublich. Dabei wirkt sie aber nicht gestellt… und sie schafft es, jede Nuance zu treffen. Ob sie nun ausrastet, Schimpfwörter benutzt und zu einem wilden Teufel wird oder ob sie in ihren ruhigen Momenten ihrer Sehnsucht nach Mama, nach Normalität Luft verleiht – Zengel ist jederzeit Herrin ihrer Emotion. Laut in selbst in den leisen Moment. Unglaublich… aber das trifft auf alle Darsteller zu. Ihr Gegenpart Albrecht Schuch liefert ihr ordentlich (schauspielerisch) Paroli. Die Zwei liefern ein sympathisches Gespann ab, denen man von Sekunde 1 wünscht, dass es irgendwie alles funktioniert.

„Systemsprenger“ hat mich wirklich kalt erwischt. Dieser Film ist wirklich eine Tour de Force, ein Film, der an die Nieren geht… und der einen noch lange danach ganz schön beschäftigt. Es ist ein hässlich-schöner Film… hässlich, weil diese Hilflosigkeit einfach unerträglich ist; hässlich, weil man keinem Kind so eine Erfahrung wünscht. Schön, weil die Menschlichkeit vieler Beteiligten einen noch hoffen lässt, dass Superhelden keine Capes tragen müssen; schön, weil er einfach nur schön ist. „Systemsprenger“ ist keine leichte Kost, aber dennoch ein Film, den man nicht verpassen sollte.

Wertung: 10 von 10 Punkten (grandios inszeniert, noch grandioser gespielt… wenn deutsches Kino öfter mal so sein kann, bin ich auch wieder bereit, mehr dafür ins Kino zu gehen)

15 Kommentare leave one →
  1. 9. Oktober 2019 19:49

    Ich glaube, der letzte deutsche Film, den ich im Kino gesehen habe, war „Victoria“

    Das wären ja vier Jahre und eine extrem lange Differenz. Da schaue ja sogar ich mehr deutsche Filme und ich mag deutsche Filme am wenigsten von allen Ländern 😀 Hätte jetzt vermutet, zumindest Toni Erdmann hättest du gesehen, aber laut Index scheinbar nicht.

    Systemsprenger fand ich ganz nett bis gut, grundsätzlich aber nicht so meins vom Sujet her vermutlich. Ich mag Kinder nicht wirklich und „Arschlochkinder“ noch weniger. Die ein oder andere Szene mit Benni fand ich dann auch etwas zu übertrieben bzw. fehlte mir vollends der Zugang zur Figur (aber so ging es den anderen Charakteren ja auch).

    In der Summe ist der Film mit 2 Stunden auch etwas arg lang nach meinem Geschmack, zumal sich ab einem gewissen Punkt die Dinge auch wiederholen. Und ohne dass das jetzt morbide klingt (gerade angesichts meines Kinder-Statements oben), aber ich hätte es dramaturgisch eigentlich besser gefunden, [SPOILER] wenn Justin gestorben wäre (wonach es m.E. angesichts der Menge Blut der Kopfwunde aussah). Der Vorfall wurde letztlich ja doch sehr unter den Teppich gekehrt, außer dass sie nicht zu ihrer Pflegemutter mehr durfte.

    Prinzipiell aber sehr gut gespielt, von allen Beteiligten. Auch die Sozialhelferin und die leibliche Mutter lieferten extrem starke Leistungen ab. Das kann man bei deutschen Darstellern auch nicht laut genug loben.

    • 9. Oktober 2019 19:50

      Seh grad erst, dass du vom deutschen Film im Kino sprachst, nicht per se. Das relativiert es natürlich.

    • 9. Oktober 2019 22:36

      „Ich mag Kinder nicht wirklich und “Arschlochkinder” noch weniger und “Arschlochkinder” noch weniger.“ Ehrlichkeit muss auch mal anerkannt und belohnt werden….Bitte schön……🏆
      Ich glaube, ich könnte den Film auch nur mit einem Internisten an meiner Seite ertragen…..😊

    • donpozuelo permalink*
      10. Oktober 2019 07:43

      Die Bezeichnung „Arschlochkind“ find ich hier nicht ganz so günstig gewählt, wird doch schon deutlich gemacht, was sie für Traumata hat.

      Was du mit der Justin-Szene ansprichst, kann ich nachvollziehen. Das wurde auch sehr so gezeigt, als hätte er wirklich sterben müssen… so brutal, wie sie ihn da auf das Eis schlägt.

      Aber ja… schauspielerisch ist der unglaublich.

  2. kiddo the kid permalink
    11. Oktober 2019 14:32

    Puh, ich glaube, ich kann mir den nicht anschauen. Auch wenn ich gern würde. Aber ich weiß, dass mir Kinder-Themen total an die Nieren gehen.

    Zum Thema „Arschlochkinder“ – denen ist meist auch was arschlochmäßiges zugestoßen. Zum Beispiel, aber nicht nur: Arschlocheltern.

    • donpozuelo permalink*
      11. Oktober 2019 14:47

      Ja. Ich glaube, wenn man selber Kinder hat, wird der Film gleich noch mal schwerer zu verdauen sein.

      Und Amen zum Thema AKs.

    • 11. Oktober 2019 17:42

      Deswegen waren ja auch die „“ bei Thema AK…bevor jetzt die Wokeness-Sonnenbrille rausgeholt wird.

      • donpozuelo permalink*
        11. Oktober 2019 17:52

        Das hat nichts mit Wokeness zu tun. Aber wollen wir das Thema hier jetzt mal nicht zu breit treten.

  3. 11. Oktober 2019 20:11

    Verdammt, nachdem den jetzt alle sooo krass loben, muss ich mir den doch wirklich noch ansehen. Der Toni-Erdmann-Schock wird hoffentlich ausbleiben ^^‘

    • donpozuelo permalink*
      12. Oktober 2019 13:43

      Was ist der Toni-Erdmann-Schock? 😅

      • 12. Oktober 2019 18:50

        Deutsche Filme, die national und international gehypt werden und sich dann als absoluter Bockmist herausstellen

        • donpozuelo permalink*
          12. Oktober 2019 20:06

          Ach so… ja, von Toni Erdmann habe ich viel sehr Unterschiedliches gehört, deswegen habe ich den echt gar nicht erst ins Programm mit aufgenommen 🙈

  4. 12. Oktober 2019 11:28

    Wenn deutsche Filme keine leichte Kost sind, sind es meist die besten. Aber leider auch die sperrigsten und deshalb selten kinotauglich. Ergo: laufen sie bei dir unter dem Radar. Conclusio: Du schaust zu wenig deutsche Filme.

    q.e.d. 😉

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