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Tinkerbell und das unsterbliche Monster

11. September 2019

Okay, bevor jetzt jemand eine Rezension zu diesen billig produzierten und furchtbar animierten Tinkerbell-Kinderfilmen erwartet, kommt hier die Entwarnung: Darum geht es ganz und gar nicht. Vielmehr geht es um die Serie, bei der „Die Zeit“ meinte, sie würde versuchen wollen, das Loch zu stopfen, das „Game of Thrones“ hinterlassen hat. Allerdings ist das sehr optimistisch gedacht – wenn eine Serie dazu wirklich das Zeug hat, könnte es vielleicht die kommende „Herr der Ringe“-Serie sein. Aber definitiv nicht die Serie, in der Cara Delevingne Tinkerbell spielt. Dennoch ist „Carnival Row“, amazons neueste Original-Serie nicht schlecht – nur ein weltweiter Kassenschlager wird sie wohl eher nicht. Dafür ist sie dann doch ein wenig zu speziell.

Allein der Einstieg ist schon nicht ganz so einfach: Wir befinden uns in einer Stadt, die einem London der Industrialisierung ähnelt. Diese Stadt heißt The Burgue, hier leben Menschen und Fabelwesen zusammen… doch leider eher ungewollt. Ein Bürgerkrieg im Land der Fabelwesen (vorwiegend Feen und Faun-ähnliche Wesen, die abwertend „Pucks“ genannt werden) sorgt dafür, dass viele als Flüchtlinge ihren Weg nach Burgue suchen. Unter ihnen ist auch die junge Fae Vignette (Cara Delevingne), die in der Stadt zufällig auf Inspektor Rycroft „Philo“ Philostrate (Orlando Bloom) trifft. Als junger Soldat im Land der Fae lernten sich die beiden schon kennen und lieben. Doch Philo brach ihr das Herz… leider kann er sich jetzt nicht darum kümmern, sorgt eine Mordreihe im sozialen Brennpunkt der Stadt, Carnival Row, für Chaos. Vor allem weil auch die Situation mit den Flüchtlingen zusätzlich für Aufruhr und Proteste sorgt.

„Carnival Row“ ist in seiner ersten Staffel noch etwas durchwachsen. Es gibt Dinge, die gut funktioniert haben und welche, die noch besser werden müssen. Was auf Anhieb wirklich gut dargestellt wurde, ist das Gesellschaftsbild in Burgue. Die Flüchtlinge sind unerwünscht und werden in Carnival Row wie in einem Ghetto gehalten. Sie sind unter der Würde der Menschen, weswegen die sie gerade als Haushälter oder als Prostituierte akzeptieren können. Was Netflix mit „Bright“ verzweifelt versucht hat, funktioniert in „Carnival Row“ wirklich gut – die Serie greift hier die politischen Themen der Rassentrennung und der Flüchtlinge wirklich gut auf und lässt sie leider auch so ausspielen, wie man es aus der Geschichte schon kennt. In diesem Punkt ist die Serie nicht nur interessant, sondern auch ziemlich aktuell – nur wird das Ganze eben mit hübschen Feen und Faunen geschmückt.

Diese politische Story ist dann gewürzt mit ein bisschen Sex (eine feine Dame bandelt mit einem Puck an) und Intrigen – hier besonders rund um den Kanzler von Burgue (gespielt von Jared Harris) und seiner Familie. Leider ist auch dieser Handlungsstrang längst nicht so spannend und stark wie er sein könnte. Hier werden dann auch zu viele kleinere Geschichten erzählt (unter anderem die feine Dame!!!), die nicht so stark sind und manchmal sehr gewollt anrüchig sein wollen. Erst zum Ende der ersten Staffel offenbart sich aber gerade bei dem ganzen Politikum der Serie großes Potenzial, das die Macher hoffentlich in Staffel 2 zu nutzen wissen.

Der Mordfall, der „Carnival Row“ dann heimsucht, wird irgendwie da reingewoben. Durch die Augen von Philo lernen wir dann diese neue Welt etwas besser kennen. Orlando Bloom hat mich dabei ständig an Johnny Depp in „From Hell“ erinnert. Bloom nach so langer Zeit mal wieder zu sehen, war interessant. Ich fand ihn gut, ich fand auch Delevingne gut, obwohl sie weniger gut zu Geltung kommt. Folge 3, eine Flashback-Folge, ist für die beiden Darsteller die beste, da sie hier wirklich mal aufspielen können. Ansonsten geraten sie in dem wilden Durcheinander der Story (die wirklich an einigen Stellen zu überfrachtet ist) manchmal ein wenig in den Hintergrund.

Gleichzeitig hat „Carnival Row“ aber trotzdem ein World-Building-Problem. Das ganze Szenario in der Stadt ist noch greifbar, alles andere aber nicht. Dieser Krieg im Land der Fae und deren Feinde, die nur „The Pact“ genannt werden, wird kaum thematisiert, scheint aber doch sehr wichtig zu sein. Ich hatte immer das Gefühl, mir fehlt eine Staffel, die ich vorher hätte gucken müssen, um wirklich alles nachvollziehen zu können.

„Carnival Row“ ist nette Unterhaltung, die tatsächlich so viel mehr sein könnte, wenn die Macher ab Staffel 2 ein wenig mit Bedacht an die Sache gehen.

Wertung: 6 von 10 Punkten (ein guter Start, sollte aber in Staffel 2 echt zulegen)

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