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Random Sunday #18: A Clockwork Orange

1. September 2019

Ich hatte noch das Vergnügen, an der Schule Russisch gehabt zu haben… und ja, anfangs war es auch noch ein Vergnügen. Gerade weil das Erlernen des kyrillischen Alphabets schon ein bisschen was von „Wir lernen eine neue Geheimsprache“ hatte. Doch der Spaß hörte für mich irgendwann auf. Doch es ist, wie es immer ist, erst jetzt wünschte ich, ich hätte es doch ein bisschen weitergemacht. Jetzt kann ich nur noch die Buchstaben lesen, sprechen kann ich nur noch ein paar Sätze und verstehen kann ich schon gar nichts mehr. Dennoch hat sich meine großartige Schulbildung in Sachen Russisch jetzt aus dem Nichts heraus doch noch einmal bewähren können. Ich habe es nämlich endlich mal geschafft, mir Anthony Burgess‘ „A Clockwork Orange“ durchzulesen. Bislang kannte ich nur den Kubrick-Film

… und Kubrick ist (im Gegensatz zu einigen seiner anderen Literatur-Verfilmungen) dieses Mal ziemlich stark am Buch drangeblieben. Wir befinden uns in einem England einer nicht allzu fernen Zukunft, in der Jugendgangs das Nachtleben terrorisieren. Anführer einer solchen Gang ist der 15-jährige (!!!) Alex, der mit seinen Freunden des Nachts der „ultra-violence“ frönt. Irgendwann führt die Gewalt aber zu weit, Alex tötet durch seine Eskapaden eine Frau und landet im Gefängnis. Dort wendet er sich erst der Religion zu, sorgt dann aber auch für den Tod eines Insassen und wird daraufhin der Ludovico-Methode unterzogen: Eine Konditionierung, die ihn dazu bringt, Sex und Gewalt abstoßend zu finden.

Wie gesagt, die Story übernimmt Kubrick ja so auch für seinen Film. Allerdings schaltet er bei der Gewalt dann doch einen Gang zurück. Burgess‘ Erzähler Alex ist ein grausames Biest, der wahllos und ohne Sinn für Reue Dinge und Lebewesen zerstört. Der Roman bringt diese Grausamkeiten noch viel mehr zum Ausdruck als der Film. Eine junge Frau wird von Alex und seinen drei Freunden brutal vergewaltigt, er prügelt wahllos einen alten Professor halb tot und und und… er bringt es sogar fertig, zwei zehnjährige Mädchen mit Alkohol und Drogen zum Sex gefügig zu machen. Allein schon durch die „Altersgrenze“ zwischen Film und Buch wirkt das Buch gleich noch einmal um ein Vielfaches schockierender und alarmierender.

Interessant ist dabei auch, dass Burgess gar nicht erst versucht, Beweggründe dafür zu suchen, warum Alex so ist, wie er ist. Burgess greift hier gekonnt die uralte Frage auf, ob der Mensch nun von Geburt an schlecht ist oder ob er es erst durch das Leben wird. Alex ist da ein interessantes Fallbeispiel: Wir lernen zwar nicht zu viel über seine Eltern, aber er scheint doch zumindest alle Voraussetzungen dafür zu haben, ein guter Mensch sein zu können. Es bleibt also die Frage, wo er vom rechten Pfad abgekommen ist. Das wiederum wird dann mit der „Ludovico-Methode“ noch weitergedacht: Ist es besser, einem Menschen den Willen zu nehmen, damit er gut wird oder sollte er seinen freien Willen behalten können? „A Clockwork Orange“ ist ein kurzer Roman, in dem aber unheimlich viel an Denkanstößen drinsteckt (ein Grund, warum ich jetzt froh bin, dass ich dieses Buch nie in der Schule lesen musste – da hätte man das wieder bis ins kleinste Detail auseinander gekaut).

Was aber neben der Thematik so faszinierend an „A Clockwork Orange“ ist, ist die von Burgess erfundene Jugendsprache Nadsat… und hier schließt sich dann der Kreis. Denn nur Dank meiner sehr allgemeinen Russisch-Kenntnisse konnte ich mich da oftmals sehr viel einfacher durchlotsen. Denn Burgess vereint hier Russisch mit Englisch… dabei ist das Russische dann teilweise so „ver-englischt“ geschrieben, wie man es schreiben würde, wenn man das Wort nur hört. Das Wort „gut“ wird hier zu „horrorshow“, abgeleitet vom russischen „хорошо“. Sätze sehen dann so aus und erfordern mehrfaches Lesen und Kombinieren, um die Vokabeln aus dem Kontext zu erraten:

The sounds were real horrorshow. … A young devotchka … was being given the old in-out, in-out first by one malchick, then another, then another… When it came to the sixth or seventh malchick, leering and smecking and then going into it, I began to feel really sick. But I could not shut my glazzies. And even if I tried to move my glazz-balls about, I still could not get out of the line of fire of this picture.

Burgess spielt so gekonnt mit der Sprache, dass sich dahinter die Brutalität fast schon ein wenig verstecken kann. Dadurch, dass Alex der Erzähler dieser Geschichte ist und seine Sprache verwendet, wird die Gewalt fast schon verharmlost. Dieses wirre Gebrabbel ist wie eine Nebelwand, durch die wir uns als Leser kämpfen müssen, um zu erkennen, was wirklich vor sich geht. Das macht dann wieder den besonderen Reiz von „A Clockwork Orange“ aus.

Was Burgess hier mit Sprache macht, ist faszinierend und auch sehr komisch… aber jeder Lacher, jeder Schmunzler hat einen bitteren Beigeschmack. „A Clockwork Orange“ ist aber – dank seiner Kürze – wirklich ein Buch, das man mal gelesen haben muss (wobei ich leider nicht sagen kann, wie Nadsat ins Deutsche übertragen wurde).

11 Kommentare leave one →
  1. 1. September 2019 11:36

    Bei Französisch hatte ich diesen Wunsch nie…

    Ja, grandioses Buch, der Sprachmix wirkt auch in der deutschen Version sehr gut. Der Eintrag schreit danach, auch noch eine Filmkritik folgen zu lassen 🙂

    • steffelowski permalink
      1. September 2019 11:44

      Sag Bescheid, wenn es so weit ist. Ich schau dann gen mal vorbei😊

    • donpozuelo permalink*
      1. September 2019 13:13

      Die Filmkritik kommt noch keine Sorge. 😁

      Ist ja schön, dass sie das auch in der deutschen Version gut hinbekommen.

      • 1. September 2019 13:35

        Die deutsche Version ist gar nicht so schlecht. Nur leider ist die deutsche Stimme von Malcolm McDowell echt grausig bzw., unpassend,gewählt, obwohl der Schauspieler Jörg Pleva auf besonderen Wunsch von Kubrick hier zum Sprechereinsatz kam. Es gibt halt Schauspieler die gut spielen, aber eben nicht gut einsprechen können. Umgekehrt gilt diese natürlich genauso ….. Erstaunlicherweise hat Pleva dann u.a. auch noch Jack Torrance in Shining gesprochen.

      • 1. September 2019 17:55

        Ich bin sehr gespannt!

  2. 23. September 2019 20:55

    Woah … 15 Jahre, 10 Jahre … das klingt wirklich übel. Ich fand ja schon, dass der Film harte Kost ist. Nebenbei kann ich mich absolut nicht erinnern, ob in dem Film die Sprache aufgegriffen wurde.
    Vor zwei Jahren ca habe ich freiwillig angefangen Russisch zu lernen. Und habe nach einem Jahr aufgehört… das muss man einfach möglichst jung lernen, denke ich. Aber das kyrillische Alphabet und ein paar Worte sind hängen geblieben. хорошо sagt mir zumindest noch was ^^‘

    • donpozuelo permalink*
      23. September 2019 22:43

      Im Film machen sie es auch mit der Sprache… aber nicht ansatzweise so krass wie im Buch. Da muss man es wirklich entziffern 😅

      Ja, Russisch ist echt schwer.

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