Zum Inhalt springen

Angst essen Engel auf

28. August 2019

Meine Manga-Phase war erstaunlich kurz. Sie dauert nicht länger als ein paar Monate, bescherte mir aber „Akira“, „Battle Angel Alita“, Miyazakis „Nausicäa“ und vor allem Kentaro Miuras „Berserk“ (der einzige Manga, den ich bis heute noch lese und mich gleichzeitig auch frage, wann das Ding endlich mal beendet wird). Zu den Mangas meiner kurzen Phase gehörte natürlich auch „Neon Genesis Evangelion“, eine Reihe, die ich echt toll fand. Als mein bester Freund mir damals stolz erzählte, er hat sich die Serie dazu gekauft, war ich hin und weg. Wir haben das Ding dann gefühlt in einem Rutsch an einem Wochenende durchgesuchtet… aber so richtig begeistert war ich am Ende nicht (das Finale ist auch vielleicht nicht unbedingt geeignet für ein junges Publikum). Daher war ich Netflix ganz dankbar, dass sie die Serie und sogar die beiden alten Filme, die ein alternatives Ende erzählen sollen, in ihr Programm aufgenommen haben. So konnte ich jetzt, nach Jahren, noch einmal „Neon Genesis Evangelion“ in Ruhe schauen… und ja, es ist schon eine großartige Serie, aber auch verdammt deprimierend.

15 Jahre nach dem „Second Impact“, einem katastrophalen Vorfall in der Antarktis, bereitet sich die Menschheit auf die Angriffe sogenannter Engel vor. Um gegen diese Wesen vorzugehen, werden riesige Roboter gebaut, die EVAs genannt werden. Gesteuert werden die von Kindern. Eines davon ist der Junge Shinji Ikari, dessen Vater Leiter der Organisation NERV ist, die die Menschheit gegen die Engel beschützen will. Gemeinsam mit dem First Children Rei (englische Grammatik ist nicht die Stärke dieser Serie) und dem Second Children Asuka und unter der Anleitung von Misato muss sich Shinji an seine neue Rolle gewöhnen, denn die ersten Engel machen bereits ihre Aufwartung.

 

Puh, so eine Inhaltsangabe zu „Neon Genesis Evangelion“ kann das Ganze ordentlich versauen. Denn so wie es jetzt klingt, besteht die Serie nur aus Robotern vs. Engel / Aliens. Und ja, zu einem gewissen Teil macht das natürlich auch die Serie aus. Die Action, die uns Regisseur Hideaki Anno liefert, ist super. Die Engel sind abwechslungsreich und interessant, ihre Fähigkeiten fordern die EVAs und NERV jedes Mal aufs Neue heraus, so dass es sich nicht bloß um eine stupide Aneinanderreihung von Gegnern handelt. Die EVAs und ihre Piloten werden immer und immer wieder auf die Probe gestellt und können sich nie sicher sein, dass sie es gleich beim ersten Mal schaffen. Allein das ist schon mal verdammt toll.

Doch es ist nicht zwingend die Action, die „Neon Genesis Evangelion“ so toll macht. Immerhin wird die Serie als eine der besten Anime-Serien aller Zeiten gefeiert, was macht Hideaki Anno also anders? Nun, zum einen ist es die Story selbst. Er versteht es, uns nach und nach erst mit Informationen zu füttern, was es mit diesem Second Impact und den Engeln wirklich auf sich hat. Wenn man am Ende so langsam die Puzzleteile zusammenfügt, ist das schon eine verdammt epische Geschichte. Eine Geschichte bestückt mit religiösen Verweisen ohne Ende, die allein auseinander zu nehmen, schon Bücher füllen könnte. Es gibt so viel Subtext in dieser Serie, dass man sie tausend Mal schauen könnte und immer noch nicht alles begriffen hätte.

Zum anderen, und das ist der viel wichtigere Punkt, sind es die Charaktere. Keiner von denen ist der strahlende Held. Shinji will ja nicht einmal wirklich in seinen Roboter steigen. Jeder dieser Charaktere ist ein gebrochenes Wesen, das verzweifelt seinen Platz in dieser Welt sucht, das Anerkennung sucht und ständig an sich selbst zweifelt. Man liest überall, dass Anno hier seine eigene Depression verarbeitet haben soll… wenn das wirklich stimmt, ist ihm das mehr als nur gelungen. Ähnlich wie „Hellblade“ als Spiel einem Psychosen auf erschreckende Weise näher gebracht hat, bringt einem „Neon Genesis Evangelion“ Depression und alles, was dazu gehört, auf bedrückende Art und Weise näher. Gerade über die finalen Folgen, die ja dann wirklich zu reinen Psychoanalysen der Charaktere werden (und mich immer an Tetsuos Trip in sich selbst bei „Akira“ erinnern). Spätestens hier sollte dann wirklich jedem klar werden, dass NGE etwas ganz Eigenes ist. Eine Serie über verletzte Menschen, zerbrechliche Wesen, die weniger Angst davor haben, gegen Engel zu kämpfen als gegen sich selbst. Auf dieser psychologischen Ebene ist „Neon Genesis Evangelion“ unglaublich intensiv.

„Neon Genesis Evangelion“ ist oberflächlich eine Action-Serie mit großen Monstern und großen Robotern, aber das ist nur die Spitze des Eisbergs. Die Serie ist wirklich der Hammer, fordert seinen Zuschauer aber auch ordentlich heraus… gerade auch mit dem Finale, das vielen dann nicht wirklich passte, weswegen Hideako Anno zwei Filme nachlieferte, die ein alternatives Ende zeigen… und die ich mir demnächst auch mal anschauen muss.

Wertung: 9 von 10 Punkten (schwere Kost, die nur schwer zu verdauen, aber dennoch einfach nur großartig ist)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: