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Brennende Gewächshäuser

9. August 2019

Haruki Murakami steht bei den Schriftstellern ganz oben auf meiner Liste. Der Mann kann ein neues Buch ankündigen und ich weiß ganz genau, dass es in meinem Regal landen wird. Ich Murakamis Art zu schreiben… diese Mischung aus Surrealismus, Märchenhaftem und Realem –  vereint mit einem unvergleichlichen Musik-Geschmack, der jedem Roman seinen ganz eigenen Soundtrack gibt und noch vielen Dingen mehr – machen Murakamis Geschichten immer zu einem Highlight (obwohl ich gestehen muss, dass sein letztes Werk „Die Ermordung des Commendatore“ jetzt nicht ganz so stark war). Eigentlich bin ich sehr froh, dass sich bislang nicht sehr häufig an Murakamis filmisch „vergriffen“ wurde, lässt sich seine „Magie“ doch sicherlich nur schwer auf Film einfangen. Eine Kurzgeschichte aus den 80ern hat es nun dennoch geschafft… und ich muss sagen, ich war / bin hin und weg. Lee Chang-dongs „Burning“ ist für mich jetzt schon heißer Anwärter für den Film des Jahres. Dieser Film ist einfach nur großartig.

Jong-su (Yoo Ah-in) ist ein angehender Schriftsteller. Der junge Mann hat zwar studiert, hält sich jedoch mit kleineren Jobs über Wasser und muss im Laufe des Films den Bauernhof seines Vaters übernehmen, der vor Gericht sitzt. Eines Tages trifft Jong-su zufällig Haemi (Jeon Jong-seo), eine alte Bekannte von früher. Sie will demnächst verreisen, bitten ihn daher, auf ihre Katze aufzupassen… und naja, schläft dann auch noch mit ihm. Als sie von ihrem Urlaub wieder zurückkehrt, holt Jong-su sie vom Flughafen ab. Leider ist sie nicht allein: sie hat den reichen Ben (Steven Yeun) im Schlepptau. Es entwickelt sich ein kompliziertes Liebesdreieck, in dem Jong-su scheinbar immer den Kürzeren zu ziehen scheint. Doch dann, eines Tages, verschwindet Haemi spurlos… und in Jong-su kommt ein bitterer Verdacht auf.

Ich wusste nicht wirklich, worauf ich mich bei diesem Film einlasse. Es beginnt als scheinbar harmlose, aber sehr rührend gespielte Liebesgeschichte, die dann durch das Auftreten eines Dritten verkompliziert wird. Mit dem Auftauchen von Ben erlaubt sich „Burning“ gleichzeitig auch ein wenig, zeitpolitisch zu werden und das Thema Arm und Reich in Südkorea anzusprechen. Jon-su ist Akademiker, hat aber kaum Kohle; Ben dagegen macht irgendwas und das auch noch erfolgreich. Er verkörpert wohl so ziemlich das, was jeder gerne wäre: reich, viele Freunde, schöne Wohnung, schönes Auto. Zum Glück vermeidet es Regisseur Lee Chang-dong dabei aber, alles zu sehr in Schwarz und Weiß zu unterteilen. Beide Männer haben ihre Vor- und Nachteile, jeder hat etwas zu bieten und jeder vermisst etwas. Die junge Haemi ist so ein Zwischending, ein Freigeist, die sich nicht an die Normen hält, der es egal ist, was sie macht, so lange sie etwas macht. Dadurch kommt auch die Faszination beider Männer für sie.

Wir haben hier ein unglaublich charmantes und interessantes Liebesdreieck, das wirklich sehr natürlich rüberkommt. Gut, „Burnin“ geht knapp zweieinhalb Stunden, da hat Lee genug Zeit, dass alles aufzubauen. Seine Darsteller sind dabei einfach nur unglaublich gut. „The Walking Dead“-Star Steven Yeun hätte seinen Ben schnell zu einem Klischee verkommen lassen können, umschifft das aber gekonnt. Debütantin Jeon Jong-seo ist einfach nur ein Traum… und Yoo Ah-in ist der perfekte „Held“, der sich still durch diesen Film arbeitet.

Wer jetzt jedoch denkt, „Burning“ wäre nur eine moderne, der Zeit angepasste Liebesgeschichte, der irrt. Denn ab der Hälfte kippt das Ganze. Mit dem Verschwinden von Haemi wird der Film zu einem Thriller, in dem Paranoia und Selbstzweifel herrschen. Die große Frage hier ist: Hat Ben etwas  mit dem Verschwinden zu tun? Lee Chang-dong streut meisterhaft Hinweise, die man so und so interpretieren könnte. Das Spannende dabei ist, dass der Film uns nicht vorschreibt, was wir denken sollen. Wir dürfen gemeinsam mit Jong-su rätseln… und somit seiner Paranoia und seinen Zweifeln ebenfalls verfallen. Es ist soooooo unglaublich gut, wie spielerisch der Film mit unseren Erwartungen umgeht, wie sich diese Geschichte entwickelt. Ganz ehrlich, es klingt jetzt zwar wie eine blöde Floskel, aber Alfred Hitchock wäre stolz auf diesen Film gewesen.

In zweieinhalb Stunden liefert „Burning“ alles für den perfekten Filmabend. Dieses Meisterwerk bleibt noch lange im Kopf und sorgt dafür, dass man auch noch nach dem Abspann darüber rätselt, was sich nun wirklich abgespielt hat.

Wertung: 10 von 10 Punkten (dieser Film hat wirklich alles: Liebe, Drama, Mystery, Spannung, tolle, tolle Darsteller und viel, viel Paranoia)

5 Kommentare leave one →
  1. 9. August 2019 18:22

    Jaaa, ganz großartiger Film. Dafür geht man doch ins Kino.
    Steven Yeun kann so gut sein, wenn er im richtigen Streifen ist.
    Ich kann mich bis heute nicht entscheiden, ob er tatsächlich schuldig war. Ich liebe solche „Auflösungen“ 🙂

    • donpozuelo permalink*
      9. August 2019 23:41

      Oh ja.. und ich bin so froh, dass er hier tatsächlich noch im Kino gelaufen ist.

      Steven Yeun war super. Die waren aber alle super… und ich glaube wirklich, dass er schuldig ist. Allein wenn er den Satz sagt, Ich glaube, sie hat sich in Rauch aufgelöst. 🙈 Aber ja, praktisch werden wir es nie wissen… und ja, da geb ich dir Recht: Sowas ist toll. Da kann man sich stundenlang mit der „Beweislage“ aufhalten und drüber rätseln.

  2. 11. August 2019 19:40

    Ich habe den leider im Kino verpasst – der lief hier nur in zwei Vorstellungen oder so :/ Muss ich wohl auf den DVD-Start warten – jetzt habe ich nämlich erst recht Lust 🙂

    • donpozuelo permalink*
      11. August 2019 22:14

      Unbedingt. Der lohnt sich auf jeden Fall.

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