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Zerstörerische Selbstfindung

22. Juli 2019

Es kommen immer mal wieder Filme in mein Leben, die zum richtigen Zeitpunkt bei mir den richtigen Nerv treffen. Das sind so Filme, bei denen ich mir manchmal denke, dass sie zu einem ungünstigeren Zeitpunkt nicht so in meiner Gunst gestanden hätten. Vielleicht, und das ist jetzt mal ganz esoterisch gedacht, ist das filmisches Schicksal. Oder es ist einfach nur emotionaler Kram, den man in seinem aktuellen Leben mit sich rumschleppt, sich unterbewusst genau den Film heraussucht, der gerade dazu passt und schon fängt man an, schicksalshafte Umstände zu sehen. Wie auch immer, ich hatte letztens wieder so ein Erlebnis mit einem Film, der eigentlich gar nicht so besonders ist, aber mich dennoch irgendwie genau an der richtigen Stelle getroffen hat. Die Rede ist von „Demolition“ mit Jake Gyllenhaal.

Davis Mitchell (Gyllenhaal) ist ein erfolgreicher Investmentbanker, der mit einem Schlag alles verliert. Bei einem Autounfall stirbt seine Frau Julia (Heather Lind)… doch so wirklich trauern kann Davis nicht. Da regt ihn schon mehr der kaputte Süßigkeiten-Automat im Krankenhaus auf, weswegen er der Firma lange Beschwerde-Briefe schreibt, in denen er mehr über sein eigenes Leben schreibt als über den Automaten. Durch die Briefe wird ihm bewusst, dass er seine Frau eigentlich nie wirklich geliebt hat, dass sein Leben irgendwie stumpf und sinnlos ist… und das er nicht weiter weiß. Überraschenderweise meldet sich jemand von der Automaten-Firma: Karen (Naomi Watts), in der Davis schnell eine Art Seelenverwandte findet, ist sie doch auch unzufrieden mit dem was in ihrem Leben passiert. Durch sie und vor allem ihren Sohn Chris (Judah Lewis) findet Davis bald eine Lösung: Dinge kaputt machen…

Eins gleich vorweg: „Demolition“ ist keine RomCom. Der Film kratzt zwar an einigen Stellen hart an diesem Genre (allein das Wort „Seelenverwandte“ lässt ja schon arg darauf schließen), aber dennoch geht es nie darum, dass Davis und Karen zusammenkommen. „Demolition“ ist Davis‘ Film, sein Weg zur Selbstfindung, sein Weg, um seine wirklichen Gefühle zu erkunden – auch wenn das nur durch die Zerstörung von Dingen und u.a. seinem Haus geht.

Dabei muss ich gestehen, dass „Demolition“ jetzt nicht sonderlich viel neu macht. Im Gegenteil, „Dallas Buyers Club“-Regisseur Jean-Marc Vallée kratzt viele Klischees an: Davis‘ Schwiegereltern, die ihn nicht mögen; Karens Beziehungsprobleme; Chris‘ eigene Selbstfindungsprobleme. In jedem dieser Dinge steckt eigentlich genügend Stoff für eigene Filme, aber leider kann all das nur kurz angerissen werden. Es sind schließlich nur Weg-Markierungen auf Davis‘ Selbstfindung… und dennoch sind sie passend platziert. Wie gesagt, es geht in diesem Film hauptsächlich um Davis. Die Probleme der anderen zwingen ihn dazu, zu reflektieren. In einem seiner Briefe schreibt Davis, dass er das erste Mal klar sieht, dass seine Augen offen sind und er anders wahrnimmt als sonst. Das schreckliche Ereignis, der Tod seiner Frau, hat ihn quasi wachgerüttelt, aus seinem Trott gebracht und jetzt muss er sich erst einmal wieder in dieser für ihn scheinbar neuen Welt zurechtfinden. Dieser Weg der Trauerbewältigung war für den Film schon irgendwie sehr passend.

Wodurch „Demolition“ all diese Elemente mit einer starken Glaubwürdigkeit tragen kann, ist durch die Darsteller. Allen voran natürlich der großartige Jake Gyllenhaal, der echt viel Spaß bei diesem Dreh gehabt haben muss – also wegen all der Dinge, die er die ganze Zeit kaputt hauen darf. Davon aber mal abgesehen, liefert „Demolition“ Gyllenhaal die Möglichkeit, die ganze Bandbreite seines Könnens auszuspielen – von depressiven, eingeknickten Davis zum erleuchteten neuen Mann, der auch mal einfach mitten auf der Straße tanzen kann und sich nicht darum schert, was andere denken. Gyllenhaal passt großartig in die Rolle des Davis und schafft es so, mit Hilfe der wunderbaren Nebendarsteller, aus „Demolition“ ein interessantes Stück Selbstfindungskino zu machen. Ich habe zwar nie „Eat Pray Love“ gesehen, aber vielleicht ist das mit „Demolition“ gleichzusetzen – nur das das die Art Selbstfindungsfilm ist, die sich doch eher an ein männliches Publikum richtet: Selbstfindung durch das Zerstören von Dingen 😉

Wertung: 8 von 10 Punkten (starker Gyllenhaal, starker Cast, starker Soundtrack und viel Zerstörung führen zu einem interessanten Selbstfindungstrip)

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