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Introvertierter Puppen-Fotograf

1. April 2019

Es klingt immer wieder wie eine Floskel: „Die besten Geschichten schreibt das wahre Leben! So unglaublich, dass es nur wahr sein kann!“ Blablabla… Wenn man nach dieser Logik gehen würde, sollten wir ab jetzt nur noch Filme haben, die auf wahren Begebenheiten basieren. Doch solche „Biopics“ sind nicht immer das, was man gerne sehen will. Schließlich soll Kino ja auch immer noch eine Form von Eskapismus bieten… immer nur die harten und krassen Geschichten sehen, die das Leben schreibt, würde auf Dauer wahrscheinlich zu heftig sein. Und dennoch sind natürlich auch die Filme, die auf wahren Begebenheiten basieren, sehenswert… vor allem, weil sie uns zeigen, was uns die wahren fiktionalen Filme schon lange erzählen: Die wahren Helden dieser Welt brauchen nicht zwingend ein Cape. Im Fall von „Willkommen in Marwen“ reichen schon ein paar Puppen und ein Fotoapparat.

Mark Hogencamp (Steve Carell) wurde von dummen Nazis in einer Kneipe halb tot geprügelt, weil er ihnen betrunken gestand, dass er gerne Frauenschuhe trägt. Mark entkommt nur knapp dem Tod, hat aber die meisten seiner Erinnerungen verloren und leidet psychisch stark unter dem Vorfall. Um irgendwie mit seinem Trauma zurechtzukommen, entflieht er in eine Fantasie-Welt: In seinem Garten baut er ein kleines belgisches Dorf nach, dass er Marwen nennt. In der Zeit des Zweiten Weltkriegs stürzt hier der Fliegerpilot Cap’n Hogie (Steve Carell als animierte Puppe) ab… und gerät in die Fänge von fiesen (und dummen) Nazis. Zur Hilfe eilen ihm die Frauen von Marwen (die im wahren Leben Frauen sind, die Mark auf die eine oder andere Weise mit seinen Problemen geholfen haben): seine russische Hausfrau Anna (Gwendoline Christie) ist mit dabei, aber auch Carlala (Eiza González), die in der Bar arbeitet, in der auch Mark hin und wieder sauber macht. Als seine neue Nachbarin Nicol (Leslie Mann) einzieht, verliebt sich der introvertierte Mark in sie…

„Willkommen in Marwen“ ist ein sehr gelungener Mix aus Animationsfilm und Real-Film-Drama. Dabei ist der Film bei weitem nicht perfekt, aber trotzdem sehr sehenswert. In der „realen“ Welt brilliert ein umwerfend gut aufspielender Steve Carell, der in dieser Rolle einmal mehr beweisen kann, dass er nicht nur lustig sein muss, um gut zu sein. Ich meine, klar, dass hat er auch schon in Filmen wie „Foxcatcher“ gezeigt, aber „Willkommen in Marwen“ ist noch einmal eine ordentliche Steigerung für ihn. Carell trägt den Film mit all seinen emotionalen Höhen und Tiefen.

Was leider ein bisschen zu kurz kommt, sind die anderen Darsteller – hier wird der Film etwas dünn. Die Verbindungen der Frauen zu Marks Fantasien werden relativ schnell abgefrühstückt, so dass die Damen, die eigentlich das Wichtigste in Marks Leben sind, so gar nicht wirklich zur Geltung kommen… in der „realen“ Welt des Films wohlgemerkt. Dadurch funktioniert auch die kleine Liebesgeschichte zwischen Mark und Nicol nie so ganz. Da wird dann noch ihr Ex-Freund mit ins Spiel gebracht, den man sich aber für den Film komplett hätte sparen können.

„Willkommen in Marwen“ hat aber eine große Stärke, die die Schwächen der „Real-Story“ wieder wettmacht – und das ist der animierte Teil. Via Motion-Capture / Performance-Capture spielen sich die Schauspieler in der animierten Version alle selbst, was dann natürlich gut die Verbindung zur „Realität“ von Mark Hogencamp wiederspiegelt. Während die „Realität“ das Drama um Marks brutalen Überfall zeigt, ist die „Fantasie“ so eine Art Tarantino-eske Gewalt-Fantasie a la „Inglorious Basterds“. Cap’n Hogie ist hier auf die Hilfe der Frauen angewiesen, die ihr Dorf und den Cap mit aller Waffengewalt verteidigen. Das ist brutal und brutal-witzig, wenn die animierten Figuren wieder in die Realität wechseln und wir sehen, dass da doch noch nur eine Puppe in zwei Hälften geteilt wurde. Die Animationen sind überzeugen, die Geschichte, die hier erzählt wird, spannend und action-geladen. Vielleicht zu sehr… denn so wirkt dieser Mix etwas unausgeglichen, das Animierte zu sehr Tarantino, die Real-Verfilmung zu sehr nach… wer auch immer etwas zu stereotype Dramen mit noch dramatischeren Reden und viel Herz schreibt. Denn ja: Auch wenn man an diesem Film sicherlich einiges aussetzen kann, er geht doch ans Herz!

Wertung: 7 von 10 Punkten (animiertes Tarantino-Action-Abenteuer trifft auf Drama – und das basiert alles auf echten Begebenheiten)

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