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Unfall auf der Brooklyn Bridge

6. März 2019

Marc Forster ist eigentlich ein toller Regisseur. Es ist jedoch interessant zu sehen, wie jemand dann doch einen „schlechten“ Ruf (ist jetzt vielleicht etwas übertrieben…) bekommt, sobald er sich dem Mainstream zuwendet und gleich zwei Filme produziert, die einfach nicht so gut ankamen. Sein Bond-Abenteuer war eine kleine Katastrophe und auch sein „World War Z“ war ziemlicher Mist (ich empfehle nach wie vor eher das großartige Buch von Max Brooks). Aber Forster nur an diesen beiden Filmen auszumachen, wäre fatal. Immerhin bescherte er mit „Monster’s Ball“ Halle Berry einen Oscar, sein „Wenn Träume fliegen lernen“ war ebenfalls ein gefeierter Erfolg und gerade erst vor kurzem habe ich ja „Stranger than Fiction“ gesehen – auch ein toller Film. Jetzt habe ich einen Film von ihm gesehen, der ja alles noch toppt; ein Film, auf den Hitchcock, Lynch und Shyamalan sehr stolz sein dürften, huldigt er doch irgendwie allen drei Regisseuren und findet dennoch seinen eigenen Stil: „Stay“!

Psychiater Sam (Ewan McGregor) bekommt einen neuen Patienten – den jungen Kunststudenten Henry (Ryan Gosling), ein merkwürdiger Kerl. Henry hört Stimmen, scheint die Zukunft vorhersehen zu können, gibt sich die Schuld für einen Unfall und sagt, dass er sich schon bald umbringen wird. Für Sam ein schwieriger Fall, denn er nur widerwillig mit seiner Freundin (und ehemaligen Patientin) Lila (Naomi Watts) teilt – schließlich hat sie auch versucht, sich einst umzubringen. Sam läuft die Zeit davon, will er Henry irgendwie vom Selbstmord abhalten.

„Stay“ ist die Art von Film, den man Leuten wahrscheinlich wirklich am besten damit schmackhaft machen kann, indem man ihn mit „Sixth Sense“ vergleicht. Zumindest in der Form, dass es sich um einen Film handelt, der am Ende einen ziemlich verrückten Twist hat. Gleichzeitig zieht man „Stay“ mit diesem Vergleich auch ziemlich runter, denn er hinkt. Wenn ich wählen müsste, würde ich sagen, „Stay“ ist der weitaus bessere Film, der viel gekonnter damit spielt, dass es am Ende einen verrückten Plottwist gibt. Denn während „Sixth Sense“ ja recht gradlinig ist und nur zum Schluss die große Twist-Keule auspackt, ist „Stay“ von Anfang an voller (gewollter) Irritationen.

Alles in diesem Film fühlt sich wie ein merkwürdiger Traum. An dieser Stelle muss ich etwas tun, was ich sonst nur selten oder eigentlich nie tue: Die Aufmerksamkeit mal auf den Kamera-Mann und den Cutter richten. Was die beiden uns in „Stay“ abliefern, trägt einfach ungemein dazu bei, dass sich dieses Gefühl der Irritation, der Orientierungslosigkeit breit macht. Kamera-Mann Roberto Schaefer rückt den Charakteren immer wieder auf die Pelle, versucht quasi mit der Linse ins Innere dieser Charaktere zu blicken. Doch erst Cutter Matt Chessé macht aus den Bildern ein opulentes Verwirr-Spiel. Die Schnitte sind wirr, verrückt, irritierend. Man weiß irgendwann nicht mehr, was wirklich passiert und was vielleicht doch nur ein Traum sein könnte. Immer wieder tauchen im Film auch bestimmte Elemente auf, die sich wiederholen, die einen Hinweis darauf geben, dass hier etwas merkwürdiges vor sich geht.

Dazu kommt einfach mal ein umwerfend guter Ewan McGregor, der stellvertretend für uns irgendwann auch nicht mehr so genau einschätzen kann, was um ihn herum passiert. Gerade McGregor ist hervorzuheben, weil er für uns als Zuschauer der Anker ist. Wenn sich auch ständig irgendwas verändert, irgendwas merkwürdig zu sein scheint – McGregors Sam ist bei uns und mindestens genauso verwirrt wie wir. Naomi Watts und Ryan Gosling dienen einfach nur als weitere Punkte, denen man trauen möchte, aber doch nie weiß, ob da nicht irgendwas faul ist.

„Stay“ ist wirklich ein aufregender Film, der ja doch sehr untergegangen zu sein scheint. Was verdammt schade ist, denn dieser Film ist wirklich verdammt gut.

Wertung: 9 von 10 Punkten (wunderbares Verwirrspiel mit einem umwerfenden Ewan McGregor)

10 Kommentare leave one →
  1. 6. März 2019 07:48

    Den mochte ich auch sehr. Gerade aufgrund seiner Atmosphäre. Der Twist war da nur Beiwerk. Sollte ich auch mal wieder schauen…

    • donpozuelo permalink*
      6. März 2019 23:30

      Ja, der ist wirklich toll. Die Atmosphäre ist wirklich der Hammer. Das geht unter die Haut. Man kann es gar nicht so richtig greifen, aber es ist krass. Toller, toller Film.

  2. 6. März 2019 08:00

    Och so schlecht war World War Z doch nicht. Halt ein Zombie-Film für ein Mainstream Publikum, dem man die Entstehungsgeschichte etwas anmerkte, aber den kann man sich schon anschauen.

    • donpozuelo permalink*
      6. März 2019 23:31

      Ich glaube, ich bin da zu sehr Fan des Buches. Deswegen war es irgendwie schon ein bisschen schwer, zu sehen, was sie aus dem Film gemacht haben. Der Film so als Mockumentary wäre irgendwie cool gewesen.

  3. 6. März 2019 12:52

    Den habe ich auch ganz cool in Erinnerung, musste aber gerade feststellen, dass der ganz schön schwach bewertet wurde.

    • donpozuelo permalink*
      6. März 2019 23:32

      Ja, das ist echt schade. Ich glaube, der ist auch echt unter dem Radar gelaufen. So ein richtiger Geheimtipp. Aber definitiv sehenswert.

  4. 6. März 2019 20:57

    Okay, kommt mir jetzt nicht bekannt vor, sprich: kenne ich nicht 🙂
    Hört sich gut an, werde ich im Auge behalten.

    • donpozuelo permalink*
      6. März 2019 23:36

      Unbedingt gucken! Der ist wirklich toll!!! Gibt’s bei prime 😉

  5. 8. März 2019 20:45

    Der hast recht: Der ist irgendwie untergegangen. Ich habe bisher noch nie was von ihm gehört ^^
    Kann man ihn denn auf einem der gängigen Streamingseiten sehen?

    • donpozuelo permalink*
      8. März 2019 23:10

      Ich hab ihn auf Prime gesehen. Kann den Film nur empfehlen. Unbedingt nachholen, falls Amazon den noch hat 😁

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