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Von der Faszination des Ekligen

20. Februar 2019

Heinz Strunk kannte ich eigentlich immer nur als den witzigen Typen, der ab und zu mal in der Satire-Sendung „extra3“ seine Aufwartung machte und sich dort als Kommentator zu bestimmten Dingen ausließ. Dass der Mann auch Bücher schrieb, war mir zwar bekannt, aber relativ egal. Bis ich 2016 – unter der Dusche stehend und Radio hörend – auf seinen neuesten Roman aufmerksam wurde, der zahlreiche Preise gewann und eine ganz große Nummer sein sollte. Denn der Satiriker widmete sich einer sehr unschönen, aber leider wahren Geschichte und befasste sich in seinem Roman „Der Goldene Handschuh“ mit dem Hamburger Serienmörder Fritz Honka, der in den 70er Jahren sein Unwesen trieb. Ich kaufte mir kurz nach diesem Radiobeitrag tatsächlich dieses Buch und war fasziniert. Fasziniert vom Ekel, den dieses Buch in mir auslöste. Es war widerlich, über diesen menschlichen Abschaum zu lesen, aber gleichzeitig war es eben auch spannend und faszinierend. Strunk ging nicht unbedingt oft ins Brutale, was er auch nicht musste. Seine Charakterzeichnung von Honka war schon Horror genug. Vermischt mit den unheimlichen Gestalten, die sich in der Hamburger Kneipe „Der Goldene Handschuh“ versammeln, war dieser Roman furchtbar, aber auch großartig.

Als ich hörte, dass das Ganze von Fatih Akin verfilmt werden sollte, war ich erst skeptisch, aber auch neugierig… und auf der Berlinale hatte ich dann tatsächlich das „Vergnügen“, den Film schon ein bisschen früher zu sehen. Das Vergnügen ist dabei nicht umsonst in Anführungszeichen.

„Der Goldene Handschuh“ – so heißt die Kneipe auf der Reeperbahn, in der Fritz Honka (Jonas Dassler) die meisten seiner Abende verbringt und sich an der Theke einen Korn nach dem anderen reinkippt. Hier trifft er auch immer wieder auf einsame, ältere Frauen, die er durch Gefälligkeiten und vor allem Alkohol gefügig macht, bevor er sie in seine kleine Wohnung bringt. Eine von ihnen, Gerda (Margarethe Tiesel), bleibt nach so eine Nacht trotz aller Geschehnisse bei ihm – ohne zu wissen, dass Honka einfach nur ein krankes Tier ist. Ohne zu wissen, dass der eklige Gestank in seiner Wohnung von einer zerstückelten Frauenleiche stammt. Ohne zu wissen, dass sie schon bald sein nächstes und auch nicht sein letztes Opfer sein wird.

Fatih Akin ist mit „Der Goldene Handschuh“ ein Film gelungen, der mich in ein Dilemma stürzt. Auf der einen Seite ist es definitiv kein Film, den ich wirklich jemandem empfehlen würde, auf der anderen Seite ist es aber auch kein schlechter Film. Es ist einfach nur ein ziemlich ekliger Film, nach dem man sich drei Stunden unter die Dusche stellen möchte. Akin hat einen oberflächlich guten Film gemacht, der aber zu keiner Minute wirklich in die Tiefe geht. War Strunks Roman immerhin noch ein irre Studie über diesen Menschen Honka und seine widerliche Umgebung, ist Akins Film einfach nur eine Abbildung dieser Ereignisse. Wir erleben nur Handlungen, wir erleben nur diese merkwürdigen Gestalten, wir erfahren aber nie wirklich was von ihnen.

„Der Goldene Handschuh“ ist brutal und anstrengend. Man hat das Gefühl, man kann den Gestank von Leichenteilen und Alkohol und Schweiß förmlich auf der Zunge schmecken. In seinen Bildern ist Akin extrem und das spürt man wirklich bis in die Knochen. Aber Akin bleibt nur der Beobachter, wird nie der Forscher. Allerdings muss man sich nach dem Film schon fragen, ob das nicht vielleicht sogar vollkommen in Ordnung ist. Vielleicht muss so ein Monster wie Honka nicht noch tiefenpsychologisch erklärt werden. Vielleicht kann ein Menschen auch einfach nur so absolut kaputt sein. Vielleicht ist es fürs Seelenheil besser, nicht zu viel von diesem Ding Honka zu wissen, um sich dann nach dem Film schnell auf Distanz begeben zu  können.

Dieser Film ist ein Erlebnis… aber ist das nicht im positiven Sinn gemeint. Aber auch nicht im negativen. „Der Goldene Handschuh“ hält sich die Waage und verlangt am Ende doch von seinem Zuschauer, er solle sich lieber das Buch durchlesen.

Wertung: 5 von 10 Punkten (ein Film, der sich schmutzig anfühlt und nachdem man sich schmutzig anfühlt)

8 Kommentare leave one →
  1. 21. Februar 2019 21:06

    Für mich als Hamburger ist der Name Honka natürlich so eine Art Person der jüngeren Geschichte, die ganz besonders interessiert. Ich konnte es damals nicht abwarten, endlich das Buch zu lesen, auch wenn mir die Kombination von brutalem Serienmörder und Szene-Schriftsteller schon ein wenig suspekt war. Der Name Heinz Strunk war mir natürlich schon vorher ein Begriff, zumal der der gute Heinz ja ebenso ein „Hamburger Jung“ ist. Allerdings war mir Schaffen bisher immer als geschriebene Realsatire untergekommen. Es gab in seinen Büchern immer viel Stellen, an denen ich herzhaft lachen konnte.
    Der Goldenen Handschuh war -auch wenn es hier die eine oder andere lustige Passage gibt – allerdings etwas völlig anders. Ich war mehrfach von den Beschreibungen im Buch so angeekelt, dass ich es beiseite legen wollte. Genau das hatte ich auch schon von einigen gehört, die mit der Lektüre des Buches begonnen hatten.
    Auf der anderen Seite war ich aber auch von den vielen verschiedenen Charakteren (eben echten „Typen“, wie es sie heute wohl nicht mehr gibt) absolut fasziniert. Auch die Darstellung der Lokalkolorit und der Lebensumstände im Hamburg der 70er-Jahre war so zutreffend und real, dass man den Zigarettenmief und die Alkoholausdünstungen quasi riechen konnte. Letztlich habe ich das Buch innerhalb kürzester Zeit regelrecht verschlungen und war begeistert.
    Ach ja, den Film schaue ich mir morgen an. Nach dem was ich bisher darüber gelesen habe, ist es mit Sicherheit keine „Feelgood Movie“. Ich bin gespannt. Aber dein Artikel hat meine Vorfreude in keiner Weise getrübt.

    • donpozuelo permalink*
      23. Februar 2019 09:47

      Du beschreibst perfekt meine Erfahrung mit dem Buch. Genau so ging es mir beim Lesen auch. Man wollte vieles nicht lesen, hat es aber doch getan, weil es auf eklige Art und Weise so faszinierend war.

      Ich bin wirklich mal gespannt, was du zum Film sagst.

      • 24. Februar 2019 20:18

        Freitag, 20:45 Uhr war es dann soweit. Der GoLdene Handschuh beginnt. 110 Minuten später bin ziemlich erschöpft. Der Film hat mich gefordert und emotional ziemlich bewegt. Die filmische Umsetzung von Strunks Roman ist gelungen. Zumindest ganz überwiegend.
        Die Atmosphäre des Buches, mit all dem Schmuddel, den schrägen Typen und de Bodensatz der Gesellschaft, wird im Film perfekt umgesetzt und entspricht ziemlich genau dem, was ich mir im Vorwege ausgemalt hatte. Auch die Figur des Serienmörders Fritz „Fiete“ Honka ist ausgezeichnet gezeichnet und hervorragend gespielt. Der Killer im Gewand des Sonderlings ist absolut glaubwürdig dargestellte. Auch die (wenigen) wirklich harten Gewalteruptionen wirken sehr sehr echt und hinterlassen schon ein starkes Grummeln in der Magengegend. Was mich am meisten beeindruckt hat, ist aber das Millieu, die Welt in der Honka sich bewegt. So viel Schmutz, so viel Syph, so viel…..ich kann es gar nicht in Worte fassen. Ganz gut, dass sich das Geruchskino der John Water Filme nicht durchgesetzt und weiterentwickelt hat.
        Das Einzige, was mich nicht wirklich überzeugt hat, was einige Szenen in der Kneipe, im Goldenen Handschuh selbst. Sie wirkten auf mich, wie ein „Best of…“ der Sprüche und Lebensweisheiten auf Stunks Buch. Das hätte man besser in die Handlung integrieren können und dafür das einen oder ander „Bonmot“ streichen können.
        Dennoch, ein toller Hamburg-Film. Von mit gibt es auf der -soeben ausgedachten- Steffelowski-Skala 9/10 Ekel-Punkten

        • donpozuelo permalink*
          24. Februar 2019 22:51

          Der Steffekowski-Skala kann ich nur zustimmen. 9 von 10 Ekelpunkte passen schon ganz gut.

          Ich sag ja, der Film ist gut, aber auch einfach übel 😅

  2. 23. Februar 2019 17:52

    Das scheint mir dann aber eine distanziertere Herangehensweise als beim Buch zu sein, wenn dort in den Kopf von Honka geblickt wird. Klar, ist ein Roman, darf sich also auch gewisse Freiheiten erlauben. Aber die Frage ist, ob dadurch nicht ein Mythos geschaffen wird, den es so nicht gab…
    Bin auf jeden Fall interessiert am Film, aber warte wohl auf die Heimkinofassung.

    • donpozuelo permalink*
      23. Februar 2019 18:55

      Ja. Ist schon distanzierter, weil wir nicht in seinen Kopf blicken. Aber ist auf jeden Fall nicht schlecht. Nur halt echt bähhh…

      • 24. Februar 2019 20:22

        Das war Mother! am Ende auch – war aber trotzdem ein wahnsinnig guter Film 😄
        Aber okay, ich kann deinen Punkt verstehen. Das Bähhh zieht sich hier wohl durch den gesamten Film

    • 24. Februar 2019 20:21

      Ich werde den im Heimkino ganz sicher noch einmal schauen.

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