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Tödliche Witwen

14. Dezember 2018

Ufff… diese deutschen Kino-Titel sind manchmal wirklich eine Qual. Meine Lieblingsbeispiele sind ja nach wie vor „Taken“ (aus dem ja das viel einfachere „96 Hours“ wurde) und „Goats“ (der bei uns den klangvollen Titel „Zicke Zacke Ziegenkacke“ erhielt – und nein, ich denke mir das nicht aus). Ein weiteres Beispiel ist „Die Klapperschlange“ für „Escape from New York“. Warum??? Snake Plissken hat ein Kobra-Tattoo und überhaupt? Wozu überhaupt ein Tier im Titel??? Deutsche Verleiher machen merkwürdige Sachen. Und auch wenn es jetzt nicht so schlimm klingt, finde ich die Titelgebung für Steve McQueens neuesten Film „Widows“ auch etwas fragwürdig. Wozu musste dieses „Tödliche Witwen“ noch mit dazu gepackt werden? Damit man suggeriet, dass das ein blutrünstiger Film über Frauen ist, die Rache üben? Passt nicht so ganz zum Film, aber das ist ohnehin ein weiteres Problem, auf das ich gleich noch zu sprechen komme.

Veronica Rawlin (Viola Davis) lebt ein (vermeintlich) zufriedenes Leben mit ihrem Mann Harry (Liam Neeson). Doch Harry ist ein Dieb, der mit seinen „Kollegen“ (darunter ist unter anderem „Punisher“ Jon Bernthal) andere Menschen ausraubt. Ein Coup geht jedoch gründlich schief und Veronica verliert ihren Mann. Kaum ist Harry tot, taucht plötzlich der Politiker Jamal Manning (Brian Tyree Henry) bei ihr auf und verlangt 2 Millionen Dollar, die ihm Harry schuldete. Mit Hilfe der Witwen von Harrys „Kollegen“, Alice (Elizabeth Debicki) und Linda (Michelle Rodriguez) muss Veronica nun selbst zur Diebin werden – doch das ist gar nicht so einfach.

Ich bin ein großer Fan von Steve McQueen und bis jetzt konnte mich noch wirklich jeder seiner Filme auf seine Art und Weise begeistern (also filmisch gesehen, thematisch sind Filme wie „Shame“ oder „12 Years A Slave“ ja nicht gerade einfach zu verdauen). Gemeinsam mit „Gone Girl“-Autorin Gillian Flynn hat er nun die Geschichte der tödlichen Witwen geschrieben – ein toller Film, ein dramatischer Film, nur nicht unbedingt ein actionreicher Film, wie es der Trailer suggeriert (womit wir dann bei dem zweiten, weitaus größeren Problem von „Widows – Tödliche Witwen“ wären). Wer nur den Trailer guckt, erwartet Action. Wer aber Steve McQueen kennt, weiß, dass der nun nicht gerade „Fast and Furious“ mit Frauen drehen würde. Die Action, wenn man es denn überhaupt so bezeichnen kann, beschränkt sich auf wirklich nur sehr wenige Szenen zu Beginn und am Ende des Films.

Dazwischen ist „Widows“ viel mehr die Art von starkem Drama, die man von McQueen gewohnt ist. Mit unglaublicher Präzision schildert er uns, wie sich Veronica durch ihre Trauer kämpft, wie sie verzweifelt an ihr Überleben denkt und dabei versucht, nicht vor Schmerz zu zerfallen. Hierbei kann man nicht anders, als sich vor der großartigen Viola Davis zu verneigen. Die Frau hat eine Ausstrahlung, die perfekt für diese Rolle ist. Man kauft ihr einfach alle Höhen und Tiefen der Rolle sofort ab. Sie schafft mit Leichtigkeit diesen Wandel von der verängstigten Frau hin zur kühlen Planerin. Ich kann das gar nicht so richtig in Worte fassen, aber Davis ist großartig in diesem Film.

Das Gleiche kann man aber auch für ihre Co-Stars Debicki und Rodriguez sagen. Seit langem hat mir vor allem mal Rodriguez wirklich gut gefallen, weil sie hier mal zeigen kann, dass sie mehr drauf hat, als nur grimmig und angefressen in die Kamera zu gucken.

Die Damen und ihre Entwicklung, ihr Weg zu diesem einen Raub, sind spitze. Bei allem anderen tue ich mich etwas schwer. Es gibt da noch so eine merkwürdige Wahlkampf-Story, bei der Colin Farrell auch noch mitmischt, die aber irgendwie sehr unnötig wirkt, weil sie nie so richtig in die Story der „Widows“ einfließt. Der Teil, der dann wichtig ist, den hätte man auch anders verarbeiten können. Diese Story hat den Film einfach nur etwas unnötig in die Länge gezogen. Das einzig Gute daran ist „Get Out“-Star Daniel Kaluuya, der hier ein richtig fieses, ekelhaftes Arschloch spielt.

Wertung: 7 von 10 Punkten (ein wenig zu überfrachtet für meinen Geschmack, aber dennoch ein starkes Charakter-Drama)

6 Kommentare leave one →
  1. 14. Dezember 2018 07:57

    Also bitte, die Klapperschlange ist natürlich der wesentlich bessere Titel als das völlig austauschbare Escape from NY und stellt die kultige Hauptfigur Snake „ich dachte du wärst tot“ Plissken zurecht in den Vordergrund!

    Den Kino-Monat Dezember finde ich dieses Jahr ausgesprochen schwach, daher sind die Widows noch mein Favorit. Mal sehen, ob ich noch die Zeit finde.

    • donpozuelo permalink*
      14. Dezember 2018 09:45

      😀 Ich weiß nicht, ich werde kein Fan vom Titel „Die Klapperschlange“. Aber gut, der Film ist ja zum Glück trotzdem geil!

      Ja, der Dezember ist nicht so prall. Ich freue mich nur auf den Spider-Man-Animationsfilm.

  2. 14. Dezember 2018 10:22

    Auf die Gefahr hin, mich unbeliebt zu machen (wem machen wir was vor, ich bin eh unbeliebt), glaube ich, würde „Widows“ stattdessen „Brothers“ heißen und von 4 Brüdern handeln, die den Heist ihrer ermordeten Brüder zu Ende bringen, würde kein (Kritiker-)Hahn nach dem Film krähen. Ich befürworte ja mehr (starke) Kinorollen für Frauen, aber Frauen in der Hauptrolle machen einen Film nicht besser, wenn er wie „Widows“ ein x-beliebiger, austauschbarer Heist-Thriller ist, von dem in einem Jahr schon keiner mehr spricht.

    Der Hype darum (jedenfalls übersees) erklärt sich mir nicht so recht. Per se hätte man hier Colin Farrell auch ganz rausschneiden können, ohne deswegen wirklich von der Handlung viel zu verlieren. Ohnehin machte der Plot selten wirklich Sinn, einerseits von Viola Davis das Geld zurückzufordern, sie dann aber während ihrer Versuche, dies zu bewerkstelligen, unentwegt zu terrorisieren. Der Sinn und Zweck von Neesons Heist ist mir ebenfalls unklar.

    [SPOILER] Scheinbar ging es ja um „Kleingeld“ mit den 2 Millionen von BTH, aber Farrell implizierte, dass Neesons noch Geld schuldig sei nach dem Heist, wodurch der wiederum zur Milchmädchenrechnung wurde. Zumal der Heist, den Neeson danach anstrebte auf Kosten von Farrell gehen würde (es sei denn, die 5 Millionen gehören nicht ihm, sondern Duvall). Wirklich schlau wurde man – lies: ich – jedenfalls nicht vollends aus den jeweiligen Motivationen[/SPOILER]

    • donpozuelo permalink*
      14. Dezember 2018 10:49

      Wer sagt denn, du wärst unbeliebt?

      Und ja, du hast wohl Recht. Dieser Film schwimmt schon sehr auf dieser Welle, die sich da gerade und vor allem durch die USA bewegt. Es ist halt so ein bisschen dieses Klischee, was hier bedient wird: Die armen, schwachen Frauen versuchen sich in der Männerwelt. Aber hey, ich finde es klappt trotzdem irgendwie – auch wenn es vielleicht gerade deswegen auch ein wenig fragwürdig ist.

      Colin Farrell hätte man wirklich rauslassen können. Ich sag ja, die ganze Politik-Nummer passt für mich auch nicht wirklich in den Film. Und ja die ganze Neeson-Nummer war auch sehr schwammig.

  3. Ma-Go permalink
    14. Dezember 2018 16:18

    Zum Film kann ich nichts sagen. Aber das Problem mit den deutschen Titeln kenne ich natürlich auch und ich habe mich auch schon mehrfach darüber aufgeregt. Allerdings finde ich die Sache mit den (unnötigen) deutschen Untertiteln weniger schlimm als eine komplette Namensänderung. Der absolute Horror sind Titel, die von englisch in einen anderen englischen Titel geändert werden. Das macht aus meiner Sicht überhaupt keinen Sinn.

    • donpozuelo permalink*
      14. Dezember 2018 16:51

      Oh ja, vom Englischen ins Englische zu „übersetzen“, ist immer wieder eine ganz tolle Angelegenheit. Wirklich selten dämlich.

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