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Der Untergang von Las Vegas

7. Dezember 2018

Martin Scorseses „Casino“ ist der erste „realistische“ Film gewesen, den ich in meinem Leben gesehen habe. Damit will ich sagen, dass ich vorher halt hauptsächlich Science-Fiction und Fantasy geguckt habe. „Casino“ habe ich zusammen mit meiner Mutter geguckt, da war ich vielleicht 12 (bitte stellt jetzt deswegen nicht meine liebe Mama in Frage, die wusste auch nicht, was das für ein Film wird). Während meine Mutter den Film furchtbar langweilig fand, war ich einfach nur von dieser Welt, die Scorsese abbildete, begeistert. Ich war verzaubert von dem Glanz und dem Glitzer von Las Vegas, ich war beeindruckt von diesem Ace Rothstein, dessen Aufstieg und Fall ich in jedem Detail nachvollziehen konnte, ich war schockiert (und ja, auch fasziniert) von der Gewaltspirale, die sich hier entfaltete – kurz um: Ich hielt „Casino“ damals einfach für den großartigsten Film aller Zeiten. „Casino“ war meine Einstiegsdroge für Scorsese und De Niro und die Welt der Gangster-Filme. Es folgte „Der Pate“, „Scarface“ und wie sie nicht alle heißen, aber am Ende mussten sie sich für mich alle immer ein wenig an „Casino“ messen. Ein Film, den ich nach wie vor gerne schaue.

Las Vegas in den 70ern: Sam Rothstein (Robert De Niro) wird zum Leiter des Tangiers-Casino ernannt, eine Ehre für den jüdischen Rothstein, der von den italienischen Mafia-Bossen so eine großen Aufgabe zugeteilt bekommt. Tatsächlich bringt Rothstein das Tanigers zum Brummen und die Bosse sind zufrieden. Zu seinem Schutz wird irgendwann sein Freund Nicky Santoro (Joe Pesci) eingeflogen – doch Nicky entwickelt sehr, sehr schnell ein Eigenleben und schwingt sich zum Herrscher des organisierten Verbrechens in Vegas auf. Das wäre alles für Sam kein Problem, wenn er nicht eine Schwäche für die Edel-Prostituierte Ginger (Sharon Stone) entwickelt hätte. Er heiratet sie, auch wenn er sie am Ende nur mit Geld und teuren Geschenken an sich binden kann – denn ihre Beziehung zu ihrem einstigen Zuhälter Lester (James Woods) bricht nicht ab. Schneller als man „Viva las Vegas“ sagen kann, zerfällt der schöne Traum dann auch wieder…

„Casino“ fängt schon auf eine unglaublich beeindruckende Art und Weise an: De Niro kommt im knalligsten Anzug aus einem Restaurant, steigt in sein Auto, das explodiert. Während De Niro durch die Luft geschleudert wird, singt ein Chor die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach und Scorsese ertränkt das Bild im Neon-Glitzer von Vegas. Das hat etwas Göttliches und Erschreckendes zugleich. Schon in der ersten Einstellung macht Scorsese klar, dass sein Las Vegas unter dem ganzen Glanz richtig dreckig ist. Allein diese erste Einstellung hat mich damals schwer beeindruckt und sie ist heute immer noch grandios.

Danach baut Scorsese dann penibel die Geschichte vom Aufstieg und Fall dreier Menschen auf: Sam, Nicky und Ginger. Alle drei Geschichten sind mit einander verwoben, alles hängt hier zusammen. Fällt ein Domino-Stein in dieser Geschichte, fallen alle. Natürlich  ist Joe Pescis gieriger Nicky mehr oder weniger der Anstoß. Er ist der Hitzkopf, der einfach nur alles haben will. Sam ist das genau Gegenteil, aber nicht weniger Schuld an seinem Untergang. Sam ist Opfer seiner Hybris und seiner Gefühle. Statt den Schwiegersohn eines Commissioners feuert, macht der ihm das Leben zur Hölle (hätte verhindert werden können). Und sein größter Untergang ist seine Liebe zu Ginger, die diese nie erwidert – was sie ihm aber auch von Anfang an sagt. Sie will am Ende nur Kohle und Sicherheit für sich selbst. Sie wird zu einem Spielball in einem Spiel, das sie so nie spielen wollte oder konnte. Jeder dieser drei Charaktere ist auf seine Weise unglaublich tragisch. Jeder von ihnen fällt aus anderen Gründen, aber sie bedingen sich alle auch gegenseitig. Das ist ein spannendes Konstrukt aus Freundschaft, Liebe und Verrat. De Niro und Pesci spielen umwerfend gut – für mich ist „Casino“ nach wie vor so die Parade-Rolle für De Niro.

Dazu kommt natürlich, dass Scorsese die ganze erste Hälfte zu einer interessanten Einführung in das Casino-Geschäft macht und man das Gefühl hat, man kennt sich danach bestens aus 😀 Scorsese weiß, diese Welt spektakulär in Szene zu setzen – vom schönen Glanz bis zur ultrabrutalen Gewalt. „Casino“ hat alles – und damit ist wirklich alles gemeint.

Damals wie heute beeindruckt auch der Soundtrack. Scorsese hat keinen eigens komponierten Soundtrack. „Casino“ ist ein Mixed Tape aus klassischen Stücken und Songs der 60er und 70er Jahre. Anfangs verwirrt das vielleicht ein wenig, weil es an Überflutung grenzt, aber der Soundtrack passt wie Arsch auf Eimer.

Für mich ist und bleibt „Casino“ einer der ganz großen Gangster-Filme, der wirklich alles hat, was ein Vertreter dieses Genres braucht. Mit grandiosen Darstellern, einem großartigen Regisseur und einem spannenden Drehbuch – hier geht nichts falsch!!!

Wertung: 10 von 10 Punkten (dieser Film ist für mich ein Klassiker meiner persönlichen Film-Geschichte)

11 Kommentare leave one →
  1. 10. Dezember 2018 12:39

    Ich habe ihn ja vor einigen Monaten das erste Mal gesehen – und fand ihn (fast) genauso großartig wie du. Lediglich der übermäßige Voice-Over-Einsatz hat mich irgendwann gestört. So als könnte Scorsese seine Geschichte nicht über die eigentliche Handlung erzählen. Dabei hat er in anderen Filmen ja bewiesen, dass er das kann…

    • donpozuelo permalink*
      10. Dezember 2018 20:44

      Ich weiß, was du meinst… Aber ich mochte das. Hatte so ein bisschen was vom Film Noir. 🙂

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