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Random Sunday #11: House of Leaves

25. November 2018

Ich weiß noch, wie lange ich damals um Mark Danielewskis „House of Leaves“ herumgeschlichen bin. Ich hatte das Buch bestimmt jede Woche einmal in der Hand und blätterte mich durch… ich sah eng beschriebene Seiten, ewig lange Fußnoten und hier und da ein sehr, sehr merkwürdiges Layout, bei dem manchmal auf einer Seite nur ein Wort oder ein Satz stand und sonst nichts. „House of Leaves“ wurde mir dann später auch noch von einem Literatur-Studenten empfohlen, der meinte, dieses Buch wäre ein absolutes Erlebnis. Und dennoch hatte ich meine Bedenken – tatsächlich einfach nur, weil ich Angst hatte, dieses Buch könnte mich überfordern.

Doch irgendwann konnte ich dann nicht mehr an mich halten und kaufte mir den Debüt-Roman von Danielewski. Jetzt habe ich das Monstrum mal wieder aus dem Regal gefischt, um zu sehen, ob mich die Geschichte noch immer beeindrucken kann. Was mich an „House of Leaves“ damals wie heute am meisten fasziniert hat, ist die Tatsache, dass es sich eigentlich um eine Horror-Geschichte handelt, die aber sehr verschachtelt erzählt wird:

Da gibt es nämlich unseren Erzähler Johnny Truant, ein ganz normaler Typ aus L.A., der den Drogen, dem Sex und dem Alkohol nicht zu sehr abgeneigt ist. Eines Tages kommt er aber in den Besitz eines Manuskripts… oder besser: einer Ansammlung von Notizen des blinden Schriftstellers Zampano. Zampano erzählt von einem Film namens „The Navidson Record“: dieser wurde von dem preisgekrönten Fotografen Will Navidson gedreht und dreht sich um die seltsamen Ereignise, die sich in dem Haus der Familie Navidson abspielen. Da erscheint irgendwann auf einmal ein Flur, wo keiner sein sollte. Ein Flur, der in ein unterirdisches Labyrinth führt, das sich ständig verändert, verschiebt und jeden, der es erforschen will, auf die Probe stellt. Doch nicht nur Navidson ist von den Ereignissen betroffen, auch Zampano selbst schien dem „Bösen“ des Hauses nicht entkommen zu können und selbst Johnny Truant verfällt durch seine Arbeit an Zampanos Manuskript mehr und mehr dem Wahn.

„House of Leaves“ ist also eigentlich Zampanos Analyse des Films „The Navidson Records“ – wodurch das Ganze sich das Ganze teilweise wie eine pseudo-wissenschaftliche Film-Analyse liest. Da werden fiktive Sachbücher zitiert, Autoren kommen zu Wort und Zampano versucht für uns, diesen Film zu entschlüsseln. Dazu kommen dann noch Johnnys Anmerkungen, die teilweise zu Seitenlangen Fußnoten werden können und dabei neben der eigentlichen Geschichte noch eine komplett andere erzählen. Das macht „House of Leaves“ tatsächlich nicht immer so leicht zu lesen – irgendwie hatte ich das Buch dann doch sehr viel cooler in Erinnerung.

Doch gerade die sehr wissenschaftlichen Ausführungen können manchmal extrem langatmig sein und Johnnys Geschichte ist auch nicht immer unbedingt so fesselnd (vor allem, wenn das alles auch noch in so einem engen Type-Writer-Font geschrieben ist, der kaum ohne Absätze auskommt, sondern einfach einen riesigen Blocksatz abliefert. Wenn ich ehrlich bin, hat mich das jetzt doch sehr viel bewusster aus der eigentlichen Story geworfen: Da passiert gerade was total Aufregendes und dann muss ich mir entweder erst wieder eine wissenschaftliche Abfertigung zu einem Thema durchlesen oder mich durch eine weitere von Johnnys Geschichten über seine unbeantwortete Liebe zu der Stripperin Thumber „anhören“. Die verschiedenen Ebenen von „House of Leaves“ arbeiten nicht immer unbedingt gut zusammen und fordern vom Leser doch eine Menge Geduld.

Trotzdem ist „House of Leaves“ ein Buch, das ich jedem Lesebegeisterten nur ans Herz legen kann… denn auch wenn „House of Leaves“ eine kleine Herausforderung ist, so ist es doch ein bemerkenswertes Buch… eins, das mit den Möglichkeiten des Formats spielt wie sonst kaum ein anderes Buch. Danielewski verändert das Format, passt es der Erzählung, wenn die Wörter auf der Seite immer weniger und weniger werden und man fast hektisch nur noch am Umblättern ist, um herauszufinden, was weiterhin passiert. Dazu kommt, dass die eigentliche Geschichte um Will Navidson und sein merkwürdiges Haus mit dem Labyrinth tatsächlich auch noch ziemlich spannend ist… was natürlich nie schaden kann.

„House of Leaves“ ist nicht nur einfach ein Lese-Erlebnis, es ist ein Erlebnis – eines, das manchmal etwas Geduld erfordert, aber einen auch gut belohnt.

11 Kommentare leave one →
  1. 25. November 2018 19:38

    Oh, eine passende Stelle für eine Axt’sche Anmerkung! Kennst Du „Das Schiff des Theseus“ von einem gewissen V.M. Straka? Das nur so apropos Leseerlebnis 🙂

    • donpozuelo permalink*
      25. November 2018 21:24

      Es steht seit Ewigkeiten in meinem Regal. Ich hab nur Angst es zu lesen… weil ich Angst habe, mir fallen aus Versehen diese tausenden kleinen Einlagen aus dem Buch 😅

  2. 26. November 2018 12:14

    die Angst ist berechtigt 😉 Ist ein tolles Buch – wirklich großartig, aber ich hatte eine Weile Schiss vor meinem Kleiderschrank..

    • donpozuelo permalink*
      26. November 2018 18:40

      Hahaha… man sollte nie Angst vor seinem Kleiderschrank haben 😉

  3. 28. November 2018 17:22

    Ich habe ein gutes Jahr gebraucht, um dieses Mammutwerk durch zu ackern. Ja, es war verdammt anstrengend, wie du schon schreibst. Und ja, die Auflösung löst nicht ein, was es zuvor verspricht. Aber dieses Buch ist wirklich ein Erlebnis und eine Herausforderung, bei der sehr stolz bin, dass ich sie geschafft habe 🙂

    • donpozuelo permalink*
      29. November 2018 08:04

      Es ist einfach echt mal was anderes. Aber ging es nur mir so, oder würde sich die Grundstory schon irgendwie für einen guten Found Footage Film anbieten? Das habe ich die ganze Zeit während des Lesens immer gedacht.

      • 29. November 2018 11:00

        Definitiv! Wenn ich mir aussuchen dürfte, welches Buch ich verfilmen kann, würde ich dieses wählen. Ich habe zu der Zeit studienbedingt viele Filmanalysen gelesen und konnte mir deshalb bildlich vorstellen, wie dieser Film aussieht. Allein das Paradoxon mit den unterschiedlichen Hauslängen (innen größer als außen) sollte das Interesse des Zuschauers wecken. Vielleicht haben wir ja Glück und können irgendwann den Navidson Record im Kino sehen 🙂

        • donpozuelo permalink*
          29. November 2018 14:58

          Dieses Buch wäre auf jeden Fall einen Film wert. Kann mir das auch richtig gut vorstellen. Gerade auch mit den heutigen Möglichkeiten. Das wäre schon was.

        • 29. November 2018 20:57

          Crowdfunding Aktion, anyone?

        • donpozuelo permalink*
          30. November 2018 00:01

          Aber nur, wenn wir selbst Regie machen 😀

        • 30. November 2018 00:03

          Dass überlass ich dir. Ich übernehme das Drehbuch 😄

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