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Studentisches Guerilla-Theater

14. November 2018

Ich bin froh, dass es mittlerweile immer wieder zu regelmäßigen Sonder-Vorführungen für Animes kommt. Es ist ja leider zu oft so gewesen, dass es gerade mal Studio Ghibli Filme regulär in die Kinos geschafft haben. Andere Anime-Kost hat es da eher schwer. Doch gefühlt mit dem Erfolg von „Your Name“ haben sich (zumindest hier in Berlin) regelmäßig Kino-Events entwickelt, bei denen man auch mal die Chance hat, fernab von süßen Ghibli-Filmen Animationskunst aus Japan zu genießen. Letztens hatte ich dann das Glück, mir Masaaki Yuasas „Night is short, walk on Girl“ angucken zu können.

Der Film folgt zwei Studenten durch eine recht wilde Nacht: Da hätten wir zum einen die junge Studentin, die auf der Suche nach einem lustigen Abend erst bei einem Wettsaufen mitmacht, sich dann auf einem Mitternachtsbuchflohmarkt nach ihrem Lieblingskinderbuch umschaut, um am Ende Teil einer Guerilla-Theater-Gruppe zu werden. Auf der anderen Seite haben wir einen älteren Studenten, der sich schwer in die junge Studentin verliebt ist. Er lässt nichts unversucht, damit sie sich „zufällig“ treffen – doch die Nacht wird dabei für ihn sehr viel anstrengender. Er verliert seine Unterhosen, soll für einen perversen Porno-Sammler Besorgungen machen und gerät ebenfalls in die Theater-Gruppe.

„Night is short, walk on Girl“ ist kein Film, der so richtig in eine Schublade passt – was man vielleicht schon an der merkwürdigen Inhaltsangabe erkennen kann. Aber gerade das macht diesen Film zu einem ziemlich wilden Ritt. Es ist eine gewöhnungsbedürftige Anreihung merkwürdiger Begegnungen in einer Nacht, die scheinbar wahllos von statten gehen und am Ende doch irgendwie alle zusammenhängen.

Einen wirklichen stringenten Handlungsfaden gibt es da nicht – außer dem Studenten, der dringend seine heimliche Liebe glücklich machen möchte. Somit wird „Night is short, walk on Girl“ auch ein bunter Mix aus Genres: da ist irgendwie ein wenig Fantasy dabei, wenn ein alter Greis in einer riesigen Straßenbahn durch die Gegend fährt und dann und wann Männern die Unterhosen klaut (warum auch immer) oder wenn plötzlich der Gott des Bücherflohmarkts auftaucht. Da gibt es ein bisschen Orwells „1984“, wenn die Campus-Polizei wie ein diktatorischer Überwachungsstaat jeden Studenten überwacht und jedes noch so kleines Geheimnis kennt. Da gibt es natürlich auch viel zu lachen – absurde Situationen sind hier an der Tagesordnung. Und schlussendlich ist der Film auch ein bisschen Musical, Guerilla-Theater erfordert auch so einige Gesangsnummern.

Dazu kommt Masaaki Yuasas sehr eigener Stil. Dass er nicht wie andere Geschichten erzählt, dürfte jetzt wohl klar sein. Aber er ist dabei auch noch äußerst kreativ am Werk. Ich kannte ihn bislang ja nur als Regisseur des großartigen Animes „Mind Game“. Ein Film, den ich nur wärmstens empfehlen kann, weil das so ein Film ist, der einen kalt erwischt und immer wieder zu überraschen weiß. Ganz so stark ist „Night is short, walk on Girl“ zwar nicht, aber rein optisch lohnt sich auch hier ein Blick.

Ich weiß gar nicht, wie man diesen manchmal sehr abstrakten, fast konturenlosen Stil bezeichnen soll. Einige Szenen sehen aus, wie mit dem dicksten Pinsel überhaupt gezeichnet. Masaaki ist unheimlich kreativ, verwendet verschiedenste Stile, spielt gekonnt mit dem Medium Animation und liefert ein Fest für die Augen, an dem man sich nicht satt sehen kann.

„Night is short, walk on Girl“ ist ein verrückter, witziger Film, der zeigt, dass es da draußen immer noch tolle Regisseure gibt, die ihren ganz eigenen Weg gehen und kreative und unterhaltsame Animationskunst abliefern.

Wertung: 8 von 10 Punkten (vielleicht nicht für jeden was, aber für Fans von etwas verrückteren Filmen genau das Richtige)

4 Kommentare leave one →
  1. 17. November 2018 11:53

    Okay, das klingt verdammt interessant. Und der läuft gerade in ausgewählten Kinos?

    • donpozuelo permalink*
      17. November 2018 11:54

      Also hier in Berlin lief der an einem einzigen Tag. Das war’s dann auch leider schon. Auf DVD kommt der aber schon demnächst raus.

  2. 10. Dezember 2018 20:57

    Der lief in Magdeburg auch vor Kurzem und ich wollte eigentlich hin, aber die Arbeit war zu stressig und dann war es auch schon vorbei. Aber es klingt großartig und ich hoffe, dass ich es schon bald nachholen kann. Leider wartet man ja in Deutschland noch immer sehr sehr lange auf die Veröffentlichung der Anime-Filme. Wie lange müssen wir wohl noch auf „Mirai“ warten? Aber wenn es ein Umdenken gibt (und das wurde vielleicht wirklich durch Your Name angestoßen!?) dann wäre ich darüber sehr glücklich. Netflix scheint ja auch gemerkt zu haben, dass Anime ein Markt ist, wenn ich da an die Meldungen der jüngeren Vergangenheit denke … Cowboy Bebop, NGE, GitS.

    • donpozuelo permalink*
      11. Dezember 2018 09:13

      Ja, das finde ich auch sehr schade, dass man als Anime-Fan in Deutschland ganz schön in die Röhre guckt. Es ist schön, dass sie mittlerweile öfter so kleine Events machen, aber das ist auch noch zu wenig meiner Meinung nach.

      Ja, Netflix verschafft da gute Abhilfe, obwohl ich da fast nur die alten Sachen schaue (auf NGE nächstes Jahr freue ich mich wirklich schon sehr, ist ewig her, dass ich die Serie gesehen habe).

      Hast du irgendwas von den neueren Netflix-Animes mal gesehen?

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