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Die Geheimnisse des Hotels

19. Oktober 2018

Man möchte meinen, Drew Goddard war seit „Cabin in the Woods“ in der Versenkung verschwunden. Sein gefeiertes Regie-Debüt war ein irrer Film, der Hoffnung auf mehr von diesem Mann machte. Doch das war 2012… und seitdem ist mehr der Name Goddard eigentlich nie wieder so richtig über den Weg gelaufen (mal abgesehen von seinem Auftauchen bei der ein oder anderen „Buffy“- oder „Angel“-Folge, bei der er mitgeschrieben hatte). Allerdings war Mr. Goddard sehr viel fleißiger als ich ihm das zugestehen möchte – nur war er halt mehr als Drehbuchautor beschäftigt oder als Produzent. Er half seinem „LOST“-Freund J.J. Abrams beim Cloverfield-Universum, schrieb „The Martian“ und „World War Z“ (auch wenn er sich da jetzt nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat) und war für Netflix mit „Daredevil“ und Co. beschäftigt. Jetzt, acht Jahre nach seinem Regie-Debüt, meldet sich Goddard mit seinem eigenen Film zurück: „Bad Times at the El Royale“.

Die Inhaltsangabe für „El Royale“ könnte man eigentlich wie einen Witz anfangen: Treffen sich ein Priester (Jeff Bridges), eine mittellose Sängerin (Cynthia Erivo), ein Staubsauger-Verkäufer (Jon Hamm) und eine Hippie-Lady (Dakota Johnson) in einem Hotel… so weit, so unlustig. Der geplagte Hotelangestellte (Lewis Pullman) verteilt brav die Zimmer und der Spaß geht los. Denn der Verkäufer stößt schnell auf einen merkwürdigen Gang, dank dem man in jedes Zimmer schauen kann… und da sieht er dann, wie der Priester etwas unter dem Bretter-Boden sucht und das die Hippie-Dame ein junges Mädchen (Cailee Spaeny) gefesselt dabei hat.

Gleich mal eine Sache vorweg: „Bad Times at the El Royale“ ist kein „Cabin in the Woods“. Der Film hat jetzt nicht den krassen Plottwist. „El Royale“ ist einfach ein Noir-Thriller in einem Hotel. Das Coole an diesem Film ist wirklich, dass jeder hier seine Geheimnisse hat. Jeder Charakter wird interessant aufgebaut. Selbst bei Sängerin Darlene, die noch die normalste ist, erwartet man jederzeit, dass sich da noch Abgründe auftun. Denn jeder andere Hotelgast im El Royale schwebt über einem riesigen Abgrund. Hier treffen zerrüttete und tragische Schicksale aufeinander – und wo so viel Chaos ist, muss man nur auf den Knall warten.

Goddard führt uns erst einmal durch jedes Zimmer und stellt uns nacheinander seine wichtigsten Spieler vor, bevor er sie alle zusammenbringt. Klingt doch alles ziemlich super, nicht wahr? Undurchsichtige Charaktere voller Geheimnisse, die wir unbedingt wissen wollen. Goddard versteht es, uns anzufüttern, uns neugierig zu machen. Doch so richtig zünden wollte das bei mir nicht. Teilweise sind manche der Rückblenden am Ende ein wenig spektakulär und man hätte sich fast gewünscht, man hätte seinem eigenen Kopfkino in dem Punkt folgen können. Teilweise zieht sich der Film auch einfach sehr in die Länge. Goddard kostet manchmal etwas zu lange die Zeit aus, die er mit jedem einzelnen Charakter verbringt. Auch sind einige Dialoge echt zäh… besonders im Gedächtnis ist mir der zwischen Jeff Bridges und Cynthia Erivo geblieben. Der hat mich vor allem irgendwann einfach nur wegen dem lauten Schmatzen von Bridges genervt, das er zwischen den Pausen von sich gegeben hat.

Goddard wollte ein bisschen Tarantino sein (und den Vergleich hatte ich im Vorfeld zu diesem Film auch schon des Öfteren gehört), aber da fehlte ihm dann doch ein bisschen der Kick in den Dialogen.

„Bad Times at the El Royale“ sieht dafür aber extrem stylisch aus, dieses Hotel allein ist schon ein tolles Setting und selbst das Hotel hat ja seine Geheimnisse, die nur langsam offenbart werden. Dazu liefert das „El Royale“ einen großartigen Soundtrack aus alten 50er und 60er Jahre Klassikern. Cynthia Erivo darf dann gefühlt auch die Hälfte von denen singen und das geht dann wirklich runter wie Öl. Die Frau hat eine tolle Stimme und war einfach superb in dieser Rolle.

Überhaupt, der Cast war spitze. Jon Hamm spielt ein herrlich arrogantes Arschloch, Jeff Bridges ist einfach nur Jeff Bridges und bei Lewis Pullman musste ich mich alle zwei Minuten daran erinnern, dass das nicht Tom Holland ist (sehen sich dann doch sehr ähnlich). Der Einzige, der mir wirklich ein wenig auf den Sack ging, war dann Chris Hemsworth, der auch noch auftaucht – und eigentlich auch nur dafür da ist, seinen trainierten Oberkörper zu präsentieren.

Alles in allem ist „Bad Times at the El Royale“ die Art von Film, die ich nur zu gerne mögen wollen würde, aber es einfach nicht so richtig kann. Der Film sieht super aus, hat tolle Darsteller, einen umwerfenden Soundtrack und coole Ideen, zieht sich aber einfach ein bisschen zu sehr, ohne dabei so richtig zu Potte zu kommen.

Wertung: 6 von 10 Punkten (der Soundtrack ist sowas von gekauft, der Rest nicht unbedingt)

4 Kommentare leave one →
  1. 19. Oktober 2018 07:53

    Ich hätte ihn auch gerne besonders gefunden, leider fehlt es dann doch an allen Ecken und Enden 😉 Auch schade, dass sie aus dem interessanten Setting nicht mehr raus holen konnten. Dass das Hotel auf der Grenze steht, war ja letztlich völlig egal.

    • donpozuelo permalink*
      19. Oktober 2018 10:29

      Ja, ich hatte auch gedacht, dass Hotel würde eine größere Bedeutung haben – gerade weil sie einem alle fünf Minuten davon erzählen, dass es auf der Grenze zweier Bundesstaaten liegt. Am Ende habe ich irgendwie erwartet, dass die Cops auf der einen Seite stehen, aber nichts machen können, weil alles auf der anderen Seite passiert ist.

  2. 19. Oktober 2018 10:25

    Bin kein großer Jon Hamm Fan, aber fand seinen Auftritt hier dann doch etwas zu kurz und letztlich zu Lasten von Chris Hemsworth, den ich ebenfalls nicht mag und der Komödien sowieso nicht richtig hinkriegt. Der Film macht letztlich zu wenig aus dem Hotel, seiner Zweiteilung, dem Untergeschoss, opfert schließlich im 3. Akt alles für die (ebenfalls nicht ausgearbeitete) Sekten-Story um Hemsworth.

    [SPOILER] Ging das nur mir so oder hattest du auch den Eindruck, Lewis Pullmans Figur war der 3. Bankräuber? Von der Physis sind sie sich ähnlich, zumal das auch seine Überraschung erklären würde, als er Flynn sieht, der ihn wiederum aufgrund seiner Demenz nicht erkennt. Meine Interpretation war, er nahm den Job im Hotel an, um das Geld zu suchen. Hab bis zur Sterbeszene gedacht, jetzt löst der Film das endlich auf und tat er dann doch nicht. Sehr seltsam jedenfalls, dass der 3. Räuber dann nie mehr auftrat. [/SPOILER]

    • donpozuelo permalink*
      19. Oktober 2018 10:31

      Jon Hamm kam mir auch viel zu kurz – und ja, Hemsworth hätte nicht sein müssen. Dass mit dem Hotel ist echt schade und dieser Sekten-Plot war wirklich öde. Hoffen wir mal, dass Tarantino das in „Once Upon A Time In Hollywood“ dann besser macht.

      Zum Thema Lewis Pullman: Danke sehr!!! So ging es mir tatsächlich auch. Ich hätte auch schwören können, dass am Ende herauskommt, dass er der dritte Bankräuber ist. Hätte ja wirklich verdammt gut gepasst.

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