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Die Maus und die Todeskandidaten

28. September 2018

Ich bin eigentlich durch mit Stephen King. Ganz ehrlich… das ist mir zuletzt bei „Revival“ bewusst geworden. Der Mann schreibt einfach zu viel, um noch wirklich was Spannendes zu erzählen. Stattdessen füllte er 400-Seiten mit unnötigem Kram, nur um dann auf den letzten Seiten endlich zum Punkt zu kommen. „Revival“ wäre eine gute Kurzgeschichte gewesen mehr nicht. Trotzdem… wenn der Film dazu kommt (und Josh Boone, der Typ, der uns „The Fault in our Stars“ gebracht hat, dreht den Film ja gerade), werde ich mir den bestimmt anschauen. Denn filmisch kann man da sicherlich ordentlich was draus machen. Schauen wir mal… King hat ja im Kino wieder Hochkonjunktur. Doch der Mann, der bislang am besten mit King umgehen konnte, ist für mich nach wie vor Frank Darabont… und der hat dann auch immer die King-untypischsten Geschichten verfilmt: Erst das Gefängnisdrama „Die Verurteilten“… und dann das Gefängnisdrama „The Green Mile“, den ich jetzt zum ersten Mal gesehen habe.

Paul Edgecomb (Tom Hanks) ist Leiter des Todestrakts im Staatsgefängnis Cold Mountain, der wegen des grünen Fußbodens auch „Green Mile“ genannt wird. Als der riesige Gefangene John Coffey (Michael Clarke Duncan) wegen der Vergewaltigung und Ermordung zweier junger Mädchen in Pauls Trakt kommt, wird alles anders. Denn der sanfte Riese scheint nicht in der Lage zu sein, so ein schlimmes Vergehen überhaupt begangen zu haben. Und er hat sonderbare Fähigkeiten – zum Beispiel als er einer kleinen Maus das Leben schenkt, nachdem der fiese Aufseher Percy Wetmore (Doug Hutchison) auf sie getreten ist. Als zu diesem Stinkstiefel auch noch der durchgeknallte „Billy the Kid“ (Sam Rockwell) kommt, wird es stressig auf der „Green Mile“.

Man zeigt nicht mit dem Finger auf andere Decken…

Ich will es mal gleich sagen: „The Green Mile“ kommt nicht an „Die Verurteilten“ heran. Das ist einfach ein Film, der von Anfang bis Ende absolut perfekt ist. Dennoch ist „The Green Mile“ ebenfalls ein verdammt starker Film – auch wenn er weniger durch die Geschichte vorangetrieben wird als vielmehr durch die Vielzahl der starken Charaktere in diesem Film. Einen besseren als Gutmensch Tom Hanks hätte man für Paul Edgecomb nicht finden können. Er passt wie die Faust aufs Auge… ihm kauft man ab, dass er sich selbst im Todestrakt noch mit den Insassen anfreundet und dabei irgendwie vergisst, dass er es mit Mördern zu tun hat. Edgecomb ist die Sorte Mensch, die in allem versucht, das Gute zu finden und zu sehen… und diese Rolle passt super zu Tom Hanks.

Richtig großartig ist aber auch Michael Clarke Duncan… also wenn jemand ein sanfter Riese war, dann Duncan, der für diese Rolle verdientermaßen für den Oscar nominiert wurde.

Doch so ein Film wäre langweilig nur mit guten Menschen… und so hat „The Green Mile“ ein paar unglaublich gute Arschlöcher zu bieten. Zuallererst hätten wir da Doug Hutchison… der spielt diesen Percy Wetmore so hassenswert gut, da kommt fast nur noch Joffrey-Darsteller Jack Gleeson dran. Unglaublich… mit jeder neuen Tat, die sich dieser Typ einfallen lässt, hasst man ihn einfach noch mehr und wünscht diesem Ekel mehr den Tod als den Insassen (und kleiner Fun-Fact: dass er eklig sein kann, durfte er schon in Staffel 1 von „Akte X“ als Eugene Tooms unter Beweis stellen).

Ebenfalls nicht zu verachten und doch sehr zu hassen, ist ein großartig aufspielender Sam Rockwell als komplett durchgeknallter Insasse.

Man sieht es schon, bei „The Green Mile“ kann man sich stundenlang über die Darsteller unterhalten, aber eben gerade deswegen, weil wir diesen Todestrakt nie großartig verlassen. Eigentlich ist „The Green Mile“ ein perfektes Theaterstück, bei dem der Bühnenbilder nur eine Handvoll von Sets aufzubauen hat. Frank Darabont inszeniert dieses Kammerspiel im Todestrakt vor allem durch seine starken Darsteller, die einen so in ihren Bann ziehen, dass man gar nicht mitbekommt, dass der Film ein bisschen über drei Stunden lang geht. Doch irgendwie ist das auch genau die richtige Länge… um eine Verbindung zu diesen Charakteren aufzubauen. Klingt komisch, aber wenn der Film zu kurz gewesen wäre, hätte sich manche Entwicklung vielleicht sehr überhastet angefühlt.

„The Green Mile“ ist ein unglaublich ergreifender Film – und auch wenn es ein paar „mystische“ Dinge gibt, kein typischer King-Film. Irgendwie funktioniert King im Kino fast immer besser, wenn es mehr Drama als Horror ist (Ausnahmen wie „Shining“ oder „Es“ mal ausgelassen 😉 )

Wertung: 9 von 10 Punkten (packendes Charakter-Drama mit umwerfend guten Darstellern)

10 Kommentare leave one →
  1. 28. September 2018 20:40

    Hat Darabont nicht auch noch THE MIST gemacht? Generell finde ich King-Verfilmungen ja meist eher bleh. Also zumindest in der Masse habe ich das Gefühl, dass es da mehr Müll gibt, als wirklich gute Filme. Was jetzt für mich natürlich erstmal nicht so schlimm ist, aber irgendwie habe ich nie so ganz verstanden, warum alle so gehyped sind, wenn mal wieder einen neue King-Verfilmung ansteht. GREEN MILE ist aber ziemlich stark, da stimme ich zu. Als ich den allerdings neulich mal wieder gesehen habe, kam mir so der Gedanke, dass der Mysteryaspekt ganz schön spät im Film vorkommt. Hätte mich eventuell gestört, wenn ich den zum ersten Mal gesehen hätte, dass da dann plötzlich nach über 1 Stunde Black Jesus etabliert wird ohne Vorwarnung.

    • donpozuelo permalink*
      30. September 2018 13:14

      Stimmt, Darabont hat auch „The Mist“ gemacht, aber den fand ich nie so toll (außer dem fiesen Ende).

      Und ja, du hast Recht, hochgerechnet gibt es wahrscheinlich mehr beschissene King-Verfilmungen als das es gute gibt. Woher der neue plötzliche Hype kommt, verstehe ich auch nicht so ganz. Wahrscheinlich wegen „It“, danach wurden ja gefühlt 30 King-Projekte vorgestellt, die man alle machen will.

      • 30. September 2018 13:24

        Wenn einer Erfolg hat, stürzen sich eben alle drauf. Daran wirds wohl liegen. Im Endeffekt kann man davon ausgehen, dass die Bilanz dabei auch gleich bleiben wird. Auf einen guten IT kommen dann drei schlechte DREAMCATCHERs oder sowas.

        • donpozuelo permalink*
          2. Oktober 2018 13:00

          Genau richtig. Das ist ja leider wirklich so.

  2. 3. Oktober 2018 13:27

    Ich weiß noch, das ich geheult habe, aber er ist nicht mein Favorit. Da bleiben echt nur Christine, Shining und The Shawshank Redemption (oh man der ist wahrscheinlich einer meiner absoluten Lieblingsfilme ever).

    • donpozuelo permalink*
      4. Oktober 2018 19:47

      Shawshank ist wirklich fantastisch. Christine habe ich noch nie gesehen. Kenne zwar das Buch, aber den Film muss ich unbedingt irgendwann mal gucken.

      • 4. Oktober 2018 20:42

        Natürlich hat Carpenter daraus ganz seine Sache gemacht, aber für mich funktioniert er bis heute und ich mochte Keith Gordon. Er hat sowas kindlich düsteres :))

        • donpozuelo permalink*
          5. Oktober 2018 08:26

          Stimmt ja, das war Carpenter. Na dann habe ich eigentlich Vertrauen, dass mir der auch gefallen könnte.

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