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Hexen-Anwärterin

17. September 2018

Meine Güte, der letzte Studio-Ghibli-Film ist mittlerweile auch schon wieder vier Jahre her – und seien wir mal ehrlich, „Erinnerungen an Marnie“ war zwar ein schöner Film, hatte aber nicht so zu 100 Prozent diesen Ghibli-Zauber. Der schien ohnehin zu verfliegen, verkündete Hayao Miyazaki doch (zum wiederholten Male), dass er in den Ruhestand geht. Mittlerweile scheint das ja auch schon wieder hinfällig und Miyazaki arbeitet angeblich an einem neuen Film, aber dennoch wurde es sehr still um Studio Ghibli… was ein paar kreative Köpfe des Studios dazu brachte, eigene Wege zu gehen: So wurde das Studio Ponoc gegründet, das zahlreiche Animationskünstler von Ghibli vereint. Jetzt haben sie ihren erste Spielfilm in die Kinos gebracht, der definitiv nicht den Ghibli-Einfluss leugnen kann: „Mary und die Blume der Hexen“.

Die junge Mary Smith zieht über den Sommer bei ihrer Großtante Charlotte ein. Doch dem quirrligen Mädchen ist das Anwesen auf dem Land viel zu ruhig und langweilig. Auf ihren Reisen durch den Wald findet sie eine wundersame, blaue Blume, die ihr ein merkwürdiges Mal verpasst. Dann stößt sie auch noch auf einen Zauberbesen, der sie schnurstracks zur Hexen-Universität Endor fliegt, wo Mary begeistert von der Direktorin, Madame Mumblechook, empfangen wird. Alles scheint unwirklich, aber auch sehr toll zu sein. Allerdings gehen sonderbare Dinge an der Universität vor sich, die vor allem etwas mit den Experimenten des Doktor Dee zu tun haben.

Harry Potters japanische „Kopie“ 😀

„Mary und die Blume der Hexen“ wirkt so krass wie Ghibli, dass man sich fragt, ob man zu Beginn nicht einfach das berühmte Totoro-Konterfei verpasst hat, das als Logo für das Studio zählt. Das ist es, was ich meine, dass dieser Film einen gewissen Einfluss definitiv nicht leugnen kann. Optisch sieht „Mary“ wirklich aus, als käme sie von Miyazakis Studio (und das tut sie ja auch ein wenig). Aber um jetzt mal von dem ewigen Ghibli-Geschreie weg zu kommen: „Mary und die Blume der Hexen“ sieht wirklich toll aus. Gerade die Zauberschule Endor ist ein Fest kleiner, witziger Einfälle – und erinnert irgendwie ein bisschen wie die coolere, japanische Version von Hogwarts – inklusive verrückter Unterrichtsfächer und größenwahnsinniger Lehrer. Marys Welt ist wunderschön und vor allem sehr liebevoll gezeichnet. Es macht einfach nur Spaß, sich für knapp zwei Stunden in dieser Welt der Magie aufzuhalten, in der es so einiges zu entdecken gibt.

Das liegt auch daran, dass die kleine rothaarige Mary selbst eine tolle Heldin ist, die tapfer ihren Weg geht und sich für ihre Freunde einsetzt. Leider ist Mary von den Charakteren her auch die einzige, die wirklich richtig gut funktioniert. Alle anderen bleiben leider ziemlich blass – und erfüllen einfach nur so ihren Zweck. Hier hat es Regisseur Hiromasa Yonebayashi nicht so wirklich geschafft, diese so tolle Welt auch mit spannenden Charakteren zu füllen. Seine Bösen sind eben auf einmal böse, obwohl ihre eigentliche Mission irgendwie ja doch sehr wohlwollend klingt. Nur leider sind dafür bereit, sehr schlimme Dinge zu tun. „Mary und die Blume der Hexen“ hätte definitiv einen stärkeren Antagonisten gebrauchen können, um uns wirklich mit der kleinen Mary mitfiebern zu lassen.

Auch der junge Peter, ein Junge aus dem Dorf, dem Mary ab und zu mal über den Weg läuft, greift irgendwie nie so richtig. Er wird zwar zu einem wichtigen Punkt in dieser Geschichte, bleibt aber leider auch sehr blass. Peter war für mich eine nicht ganz so gelungene Kopie von Kanta aus „Mein Nachbar Totoro“. Da sieht man einfach, dass bei Ghibli selbst so ein kleiner Charakter sehr viel mehr Gewicht haben kann als es in diesem Film der Fall ist. Da muss Ponoc auf jeden Fall noch eine Schippe drauf legen.

Man möchte meinen, dass Studio Ponoc einfach alles in die Optik gesteckt und die Charaktere etwas außer acht gelassen hat. Denn die Geschichte ist eigentlich schon spannend. Es ist eine schöne Coming-of-Age-Story, die ihrer kleinen Heldin viel abverlangt… und dem Zuschauer (ähnlich wie ein gewisser Miyazaki) auch eine wichtige Botschaft über den Umgang mit der Natur mit auf den Weg gibt.

Alles in allem ist „Mary und die Blume der Hexen“ ein wunderschön anzuschauender Animationsfilm, der mit etwas mehr Charaktertiefe so richtig große Klasse hätte sein können. Dennoch ist Studio Ponoc ein tolles Debüt gelungen, das Lust auf mehr macht. Man kann nur hoffen, dass sie irgendwann auch ihren eigenen Stil finden werden und nicht auf ewig als Ghibli-Kopie gelten müssen.

Wertung: 7 von 10 Punkten (dieser Miyazaki-Klon ist schön, aber ausbaufähig 😉 )

4 Kommentare leave one →
  1. 18. September 2018 18:46

    Klingt nach einem perfekten Film für einen Sonntagnachmittag auf der Couch

    • donpozuelo permalink*
      19. September 2018 17:16

      Absolut. Ist wirklich ein niedlicher Film, der noch viel stärker hätte sein können, aber so perfekte Sonntagnachmittag-Unterhaltung liefert 🙂

  2. Wer nichts wird, wird Wirt. permalink
    25. September 2018 15:48

    Schöner Tipp! Anfang Dezember wird der Film veröffentlicht. Die Gründung eines neuen Studios Ponoc ist komplett an mir vorbeigegangen. Den Film hole ich in den Weihnachtstagen nach. Danke!

    P.S.: Tolles Blog! 🙂

    • donpozuelo permalink*
      25. September 2018 18:32

      Danke sehr. Freut mich. Und ja… das ist ein guter Film für die Weihnachtszeit.

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