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Random Sunday #9: Thimbleweed Park

2. September 2018

Ron Gilbert hat meine Spiele-Geschichte geprägt. Natürlich zuerst mit „Monkey Island“, dem für mich ersten Computer-Spiel, bei dem ich so nervös war, als es hieß, ich müsse, um Schwertmeister zu werden, erst einmal gegen zahlreiche Piraten kämpfen. Ohne Scheiß, ich hatte Angst im Spiel zu sterben. Ja, ich wusste damals noch nicht, dass Gilbert herrlichen Quatsch macht und Sterben nie auch nur eine Option ist. Doch die guten alten Point-and-Click-Adventure sind nur noch eine blasse Erinnerung an die Vergangenheit. Im Tumult der Übergrafiken, riesigen Welten und den verrücktesten Spiele-Ideen will keiner mehr wirklich zu den alten Tagen zurück. Oder doch nicht?

Nun ja, ich spreche jetzt nicht für alle, denn hin und wieder grabe ich die alten Spiele schon noch aus und strapaziere dann – in einem Anflug von Nostalgie – für ein paar Wochen den ScummVM-Emulator und rette mit Indy die Welt oder werde zum Piraten mit Guybrush oder reise durch die Zeit, um verrückte Tentakel vor der Weltherrschaft zu bewahren. Doch auch Ron Gilbert selbst trauert den alten Zeiten ein wenig nach… und brachte schon letztes Jahr ein neues Spiel heraus, das an die alten Zeiten erinnern sollte: „Thimbleweed Park“.

Wir schreiben das Jahr 1987: In dem kleinen, beschaulichen Städtchen Thimbleweed Park wurde unter einer Eisenbahnbrücke eine Leiche gefunden. Die erfahrene FBI-Agentin Ray und ihr Partner Reyes sollen in diesem Fall ermitteln. Doch das ist leichter gesagt als getan und schon bald sehen sich die Agenten nicht nur mit nervigen Sheriff konfrontiert, sondern mit einer ganzen Stadt, die viele merkwürdige Geheimnisse hat.

Ja, „Thimbleweed Park“ ist eigentlich „Twin Peaks“. Nur eben als altmodisches Point-and-Click-Adventure. Die Story schreit förmlich Lynch (und auch ein bisschen „Akte X“). Es gibt ein kleines Diner (in dem man definitiv nicht die Hot-Dogs essen sollte und das auch keinen so tollen Kaffee hat, dafür spielt aber Kuchen eine nicht zu unterschätzende Rolle); es gibt eine alte Fabrik, die trotz Stilllegung nach einem Feuer noch etliche Geheimnisse liefert und es gibt es die zahlreichen skurrilen Charaktere der Stadt, die an Verschwörungen glauben, Familien-Tragödien verarbeiten müssen und die durch die Ankunft des FBIs ein wenig das Schwitzen kriegen.

Ron Gilbert verneigt sich liebevoll vor Lynch, liefert aber einmal mehr eine eigene wunderbar spannende Geschichte, die von einem Mord ausgeht und den Spieler in Gefilde bringt, mit denen niemand gerechnet hat. Das Finale ist so wunderbar augenzwinkernd geschrieben, dass man „Thimbleweed Park“ dafür einfach nur lieben muss.

Richtig viel Spaß machen auch die Rätsel, für die ein Rob Gilbert ja nun einmal auch bekannt ist. Es gibt die einfache Version, das Spiel durchzuspielen oder eben die schwere. Natürlich habe ich die einfache direkt ignoriert und mich der harten Version gestellt. Was nicht ohne ist. Wie man es bei Gilbert gewohnt ist, sind manche Rätsel fordernd, aber logisch gut zu lösen, während es hier und da ein paar Rätsel gibt, für die man wieder ganz schön dumm um die Ecke denken muss. Was natürlich genau der Grund ist, warum man als Fan dieses Spiel zocken sollte. Das Schöne daran ist aber, wenn es mal zu schwer ist, wählt man an einem der zahlreichen Telefone (Ray hat sogar ein Funktelefon dabei) die HintTron3000-Hilfe und bekommt dort kleine Denkanstöße, sodass man eigentlich nie so wirklich ins Stocken gerät.

Toll an „Thimbleweed Park“ sind neben der Old-School-Grafik und dem wunderbaren Nostalgie-Gefühl, das beim Spielen aufkommt aber auch die Charaktere. Man spielt Ray und Reyes getrennt von einander und ohne zu viel zu verraten: Im Laufe des Spiels kommen noch ein paar Charaktere dazu, so dass man mit der Zeit abschätzen muss, mit welchen Charakter man an bestimmten Stellen weiterkommt, zum Beispiel, weil die Agenten beide unter Höhenangst leiden oder eben Agenten sind und deswegen zu den Treffen bestimmter Verschwörungsfanatiker nicht zugelassen sind. Mit einem Knopfdruck sucht man sich dann den passenden Spieler raus und weiter geht’s. So kommt auch wirklich nie Langeweile auf.

„Thimbleweed Park“ ist toll. Gibt’s mittlerweile auch für Android und Co. Ich habe es beispielsweise auf meinem alten Tablet gespielt und das funktionierte super. Dieses Spiel zeigt einmal mehr, das Ron Gilbert wirklich ein großartiger Spiele-Macher und Geschichten-Erzähler ist. Ich meine, „Thimbleweed Park“ wäre ebenso ein großartiger Film (genau wie „Monkey Island“, dessen getreue Verfilmung inklusive dreiköpfigem Affen ich mir nach wie vor wünsche). Wer also eine kleine Reise in die Vergangenheit machen will und die alten „Benutze Huhn mit Seil“-Spiele genau so gerne gespielt hat wie ich, sollte unbedingt „Thimbleweed Park“ eine Chance geben.

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