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Tee zum Nicht-Geburtstag

20. Juli 2018

Ich frische mein Unwissen in Sachen alter Disney-Film im Moment ein wenig auf… und es fällt mir dann doch immer wieder sehr krass auf, wie hart die wirklich alten Klassiker des Mäuse-Studios doch sind. Ich finde, man merkt schon einen enormen Unterschied zwischen den einzelnen Filmen. Gerade in den Anfängen schien Disney ja nicht davor zurück zu schrecken, seine kindlichen Zuschauer wirklich komplett in Schockstarre zu versetzen und mit harten Momenten zu konfrontieren. Zuletzt hatte ich mich ja „Dumbo“ geschockt – mit der harten Strafe für seine Mutter oder den unheimlichen betrunkenen Visionen des kleinen Elefanten. Den Vogel hat Disney aber doch wirklich mit dem 13. Abend füllenden Film: „Alice im Wunderland“. Wow, so viel Verrücktheit in knapp 80 Minuten hätte ich nun wirklich nicht erwartet.

Zur Story muss ich ja eigentlich nicht allzu viel sagen, oder? Kleines Mädchen namens Alice (wer hätte es gedacht?) verfolgt ein Kaninchen in Eile und gelangt so ins Wunderland. Während sie den Hasen dort sucht, trifft sie auf allerlei sehr merkwürdige Gestalten: sie lernt die Grinzekatze kennen (die eigentlich Tigerkatze genannt wird), sie macht bei der Nicht-Geburtstagsfeier des verrückten Hutmachers und des Märzhasen mit, sie stößt auf rauchende Raupen und reimende Zwillinge und schließlich auf die böse Herzkönigin. Ach ja, und zwischendurch nimmt das kleine Mädchen die ganze Zeit irgendwelche Substanzen zu sich, futtert kleine, bunte Plätzchen, trinkt komisches Zeug, isst Pilze – womit dann „Alice im Wunderland“ einen kleinen Junkie zur Heldin im vielleicht verrücktesten Trip macht (lange, lange vor „Fear and Loathing in Las Vegas“).

So kocht man keinen Tee (und auch keine Maus)

Als verrückten Trip kann man „Alice im Wunderland“ wohl auch am besten beschreiben. Dieser Film ist so gar nicht, was man sich normalerweise unter einem Disney-Film vorstellt. Und genau das macht ihn so wunderbar. Das ist echt noch Disney in einer experimentierfreudigen Zeit. Das ist Disney auf einem herrlich verrückten Niveau… und Disney eigentlich eher so als absurder Episoden-Film, der wirklich nur die Kapitel eines Buches abarbeitet und seine kleine Heldin Alice von einem verrückten Abenteuer zum nächsten schickt. Der einzige rote Faden in diesem Film ist ein weißer – nämlich das weiße Kaninchen, dem Alice immer tiefer in den Wahnsinn folgt, ohne zu wissen, was sie erwartet, ohne zu wissen, was am Ende kommt.

Alice ist einfach nur neugierig – und dabei als Heldin dieses Abenteuers so schön nachvollziehbar. Wer würde nicht durch geheimnisvolle Türen schlüpfen, wenn dahinter so ein Wunderland wartet. „Alice im Wunderland“ ist so wunderbar abseits von den üblichen Märchengeschichten, die Disney auch schon davor und später noch erzählen wird. Die Tragik bei Alice liegt nicht in einem direkten Verlust, sondern vielmehr im Wunderland selbst, dass die kleine Alice fasziniert und gleichzeitig überfordert. Dass ihr aber auch zeigt, dass nicht alles immer nur nach ihrem eigenen Kopf gehen kann. Das Wunderland ist eine Welt voller Metaphern, eine Welt voller verrückter Wesen und Bilder, das man sich gar nicht daran satt sehen kann.

Gleichzeitig steckt in „Alice im Wunderland“ auch viel Horror, den Disney zwar in hübschen Bildern verpackt, die aber dennoch ordentlich schocken. Ich meine, nehmen wir nur mal die Geschichte von den Austern, die vom fiesen Walroß gefressen. Selbst jetzt in meinem „hohen“ Alter fand ich das ganz schön hart. Am Ende ist das Wunderland auch eine Land des Fressen und Gefressen werden – auch wenn es manchmal nur an den Verstand geht, der in Gefahr ist. Genau so das sonderbare Nicht-Geburtstagsfest des Hutmachers und des Märzhasen… super-gruselig und super-witzig zu gleich. Ein Kreislauf aus Tee-Trinken, den man nie bekommt (und dann noch diese arme kleine Maus, die gequält). Oder die fiesen Blumen, deren schöne Oberfläche nicht ihre Bosheit verbergen kann. Das ist alles erschreckend, aber auch erschreckend ehrlich – und in seiner Verrücktheit einfach ein tolles Erlebnis.

„Alice im Wunderland“ ist ein großartiger Film, eben weil er so herrlich verrückt ist und die Logik in allem so gekonnt über Bord wirft. Ein wirklich toller Film, der noch lange nachwirkt und den ich mir ab jetzt öfter anschauen werde.

Wertung: 10 von 10 Punkten (Disneys Nicht-Geburtstagsfilm ist wunderbar gaga)

12 Kommentare leave one →
  1. 20. Juli 2018 08:41

    Einer meiner liebsten Disneyfilme ^-^

  2. 24. Juli 2018 21:06

    Oh cool 🙂 Das ist schon eine Weile her, das ich den gesehen habe. Die Erinnerung an Tim Burtons Live Action Film ist leider tatsächlich frischer. Als ich aber letztes jahr oder so mal das Buch gelesen habe, war ich etwas überrascht wie anders es sich anfühlt. Da ist Alice gar nicht so eine wohlerzogener Heldinnentyp, sondern eher Unruhestifterin und manchmal ganz schön frech. Zwar auf eine erfrischende Art, aber trotzdem irgendwie anders als in … allen Filmen!? Hast du das Buch zufällig auch gelesen?

    Übrigens … apropos Buch 🙂 Jetzt wo ich mich durch die letzten vier Monate deiner Artikel gewühlt habe, die ich wegen real life Dingen verpasst habe … hattest du nicht mal so eine „Sonntags-Kategorie“ wo du auch anderen Kram besprochen hast wie Bücher? Hat sich nicht durchgesetzt? 😥

    • donpozuelo permalink*
      25. Juli 2018 14:47

      Das Buch will ich auch unbedingt mal lesen. Hab ich noch nicht.

      Und erst einmal vielen Dank, dass du dich durch meine Artikel fühlst. Das freut mich sehr. Mein „Random Sunday“ habe ich tatsächlich nicht aufgegeben, ich werde demnächst sogar mal wieder was schreiben. Ich bin nur wegen real life dingen (wie du es nennst 😉 ) auch nicht ganz so dazu gekommen. Ich will es auf jeden Fall weiter machen. Zwei Artikel habe ich auch schon fertig dafür und es soll dann mehr dazu weiter gehen. 😀 Es kommt also wieder was…

      • 25. Juli 2018 20:34

        Ah Random Sunday war der Name 😀 Freut mich, dass der wieder kommt! Bin schon gespannt

        • donpozuelo permalink*
          26. Juli 2018 13:44

          Diesen Sonntag geht’s los 😀

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