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Mutters Vermächtnis

18. Juni 2018

Ich glaube, ich werde mir nie wieder Horror-Filme im Kino anschauen. Da hast du Menschen, die ununterbrochen quatsch. Menschen, die unterbrochen kichern, weil sie sich gegenseitig ihre Angst weglachen wollen und du hast Spasten, die mit ihren dummen Geräuschen all diejenigen erschrecken wollen, die sich ganz offensichtlich in diesem Film gruseln. Mir ist ja schon klar, dass man im Kino nicht allein ist und gerade Horror-Filme ein schwieriges Pflaster sind, weil sie doch mehr Emotionen hervorrufen als andere Filme, aber mich reißt sowas einfach jedes Mal so krass aus der Atmosphäre… und gerade bei einem Film, der mich nach Ewigkeiten wirklich mal wieder gruselt, nerven mich solche Kino-Gänger dann extrem. Deswegen muss ich mir Ari Asters „Hereditary“ wohl einfach auf DVD kaufen und den zuhause im Dunkeln noch mal ohne störende Kinozuschauer genießen… denn, oh mein Gott, „Hereditary“ ist vielleicht der beste Horror-Film, den ich seit Jahren gesehen habe.

Anni Graham (Toni Collette) hat gerade ihre Mutter verloren – eine Frau, die sehr stark ihr Leben kontrolliert hat. Deswegen scheint Anni auch nicht so richtig trauern können – ganz im Gegensatz zu ihrer kleinen Tochter Charlie (Milly Shapiro), die ihre Großmutter sehr vermisst. Doch so richtig kann niemand im Haus der Grahams über die Dinge reden. So staut sich viel Angst und Schmerz an… was immer schlimmer und schlimmer wird, irgendwann auch Sohn Peter (Alex Wolff) mehr und mehr in seinen Bann zieht. Zu spät muss Anni erkennen, dass das Vermächtnis ihrer Mutter ihre kleine Familie zerstören könnte… und schon dabei ist, es zu tun.

Noch sind alle zusammen

Die Kamera fährt langsam auf ein Puppenhaus zu, fährt auf ein kleines Zimmer zu und plötzlich öffnet sich dort die Tür. Vater Steve (Gabriel Byrne) kommt rein und weckt seinen Sohn Peter. Allein mit dieser ersten Einstellung etabliert Ari Aster schon einmal ein eher merkwürdiges Gefühl – von anfang an hat diese Einstellung etwas Surreales. Schauen wir jetzt wirklich einen Film oder spielt sich das alles nur in diesem Puppenhaus ab und ist eine absurde Fantasie? Fast ist es ein bisschen so als hätte Wes Anderson einen Horror-Film gedreht, denn so fühlt sich Ari Asters „Hereditary“ an. Wie Theater in Miniatur-Form. Immer wieder spielt Aster mit diesen Puppenhaus-Bildern, die letztendlich auch das Innenleben von Anni widerspiegeln, verarbeitet sie auf recht unkonventionelle Art und Weise so ihre Gefühle. Erschafft Mini-Tableaus, die nicht normal sind.

„Hereditary“ ist aber auch nicht normal… dieser Film fängt als Familien-Drama an und lässt das Böse im Hintergrund immer mehr und mehr Besitz von der Familie ergreifen. Man sollte diesen Film in Filmhochschulen mal genauestens studieren… denn hier wird Horror gemacht ohne Jump-Scares. Hier wird Horror gemacht, so wie er sein sollte – durch Schnitte, die einen aus einer Situation in die nächste versetzen, aber ohne das sich der Charakter bewegt hat – selbst die Schnitte haben eine surreale Natur, die bestens zum Film passt. Es sind aber auch die Bilder selbst, durch genauestens ausgefeilte Kamera-Fahrten, die „Shining“-artig durch das große Haus fahren, die uns Dinge im Schatten zeigen, von denen wir selbst nicht so genau wissen, ob wir das wirklich gesehen haben, die dann aber nicht einfach nur plump in die Kamera springen. Ari Aster baut seinen Horror behutsam auf… die Musik brummt so leise im Hintergrund – wie ein Tier, das leise auf seine Beute lauert. Man spürt selbst als Zuschauer diese unheimliche Bedrohung… und Ari Aster handhabt sie mit Bravour.

Ich habe mich schon so lange nicht mehr auf diese Art und Weise im Kino gegruselt. „Conjuring 2“ war für mich ein guter Horror-Film, der mich auch gegruselt, aber nicht so wie „Hereditary“. Ich war angespannt, habe ständig meine Hände zusammengedrückt und teilweise einfach nur den Atem angehalten. Dieser Film hat mich mit allem einfach so in seinen Bann gezogen. Ari Aster macht Horror auf so subtile Art und Weise, aber drückt dabei so präzise die richtigen Knöpfe, dass dieser Film, diese Bilder einfach noch lange nachwirken.

Doch es sind dazu noch die Darsteller, die diesem Horror den letzten Schliff geben. Toni Collette ist großartig, sie jongliert Angst, Scham, Wahnsinn und Selbstzweifel auf so eine gekonnte Art und Weise, dass man schon Angst haben muss, man sieht sie hier wirklich zerbrechen. Gabriel Byrne spielt den ruhigen Fels in der Brandung des Wahnsinns, während Alex Wolff, der zuletzt gerade in „Jumanji 2“ ein größeres Publikum für sich gewinnen konnte, im Kampf der eigenen Gefühle ebenfalls unterzugehen droht.

„Hereditary“ ist ein Film, der mich echt unerwartet getroffen hat – vor allem, weil dieser Film auch nicht vorhersehbar ist. Dieser Film spielt mit den Erwartungen, spielt mit unserer Psyche und spielt so toll mit den Horror-Regeln. Einer der gruseligsten Filme, die ich je sehen durfte. Absolut grandios (auch wenn das so manche im Kino wahrscheinlich nicht so gesehen haben – wenn ich dem Gelächter Beachtung schenke).

Wertung: 10 von 10 Punkten (das ist jetzt offiziell der erste Horror-Hype, den ich nun wirklich voll und ganz unterstütze)

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5 Kommentare leave one →
  1. 18. Juni 2018 12:09

    Lustig, ich habe mich gerade darauf eingestellt, dass es eigentlich ein Familiendrama und doch kein Horrorfilm ist, aber gut, ich lasse mich überraschen.

    • donpozuelo permalink*
      18. Juni 2018 14:45

      Es ist anfangs schon sehr viel mehr Familien-Drama, doch der Horror schleicht schon die ganze Zeit im Hintergrund herum und wird dann in der zweiten Hälfte sehr viel offensichtlicher.

  2. 24. Juni 2018 12:11

    Toni Collete kann man sich irgendwie auch immer geben…

    • donpozuelo permalink*
      24. Juni 2018 16:22

      Oh ja, die ist super – und gerade in diesem Film ist sie echt grandios!

Trackbacks

  1. Chat mit einem Unbekannten | Going To The Movies

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