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The Korean Chronicle

30. Mai 2018

Der Titel ist jetzt vielleicht ein bisschen gemein, weil etwas irreführend. Aber sobald ich jemandem in letzter Zeit versucht habe, ihr oder ihm Yeon Sang-hos Film „Psychokinesis“ (dt. Titel ist „Telekinese“ – für den Fall, dass ihr den Film auf Netflix suchen wollt, wo ich ihn auch nur durch puren Zufall gefunden habe) schmackhaft zu machen, komme ich jedes Mal auf den „Chronicle“-Vergleich. Der aber eigentlich auch verdammt gut passt. In „Chronicle“ bekommen drei Typen telekinetische Fähigkeiten, nachdem sie einen merkwürdigen Asteroiden angefasst haben. Für seinen „Psychokinesis“ geht Yeon Sang-ho einen ganz ähnlichen Weg. Nur statt jungen Typen gibt er einem älteren Herrn auf einmal unglaubliche Fähigkeiten.

Seok-heon (Ryu Seung-ryong) ist ein einfacher Sicherheitsangestellter, der mit seinem Leben nichts aufregendes angestellt hat. Eher das Gegenteil ist der Fall: Vor Jahren verließ er Frau und Kind und lebt nun wie ein Einsiedler, geht seinem Job mehr schlecht als recht nach, stiehlt, säuft und ist eigentlich ein echter Nichtsnutz. Bis zu dem Tag, an dem er von einer Quelle trinkt – eine Bergwasserquelle, die kurz zuvor von einem herabgestürzten Meteoriten „verseucht“ wurde. Denn nach kurzer Zeit hat Seok-heon telekinetische Fähigkeiten… Fähigkeiten, die er einsetzt, um sich seiner entfremdeten Tochter Roo-mi (Shim Eun-kyung), die nach dem plötzlichen Tod der Mutter ganz allein da steht und sich nebenbei gegen fiese Bauunternehmer wehren muss, die ihr Geschäft und das vieler anderer dicht machen will. Da kommt ein Papa mit Superkräften zwar ganz gelegen, doch so einfach ist die Beziehung zwischen Tochter und Vater dann doch nicht zu kitten.

Superman sah auch schon mal besser aus

„Psychokinesis“ – angeblich der erste Superhelden-Film aus Südkorea…. eine Aussage, mit der ich ein leichtes Problem habe. Nur weil hier ein Typ mit Kräften ausgestattet wird, ist das doch noch lange keine Superhelden-Film. Oder etwa doch? Superheld bedeutet für mich immer auch Kostüm und das Retten der Welt. „Psychokinesis“ kommt auch ohne Kostüme aus und statt der Welt soll nur eine kleine Ladenstraße gerettet werden. Super sind zwar die Kräfte, aber so ein richtiger Superheld ist Seok-hon jetzt auch nicht. Waren doch die Jungs aus „Chronicle“ auch nicht… aber gut, vielleicht bin ich durch all die Avengers und ihre Artgenossen schon zu sehr auf eine bestimmte Art von Superheld konditioniert, dass ich nicht mehr klar unterscheiden kann.

Ob man „Psychokinesis“ nun einen Superhelden-Film nennen möchte oder etwas ganz anderes, ist ja am Ende auch egal. Sicher ist nur eins: der Film selbst ist ziemlich super. Yeon Sang-ho liefert nach seinem formidablen Zombie-Schocker „Train to Busan“ jetzt eine koreanische „Chronicle“-Version, die nicht weniger spannend ist als der Film, mit dem ich sie die ganze Zeit vergleiche. Genauer genommen hat „Psychokinesis“ sogar noch ein bisschen mehr zu bieten. Denn so richtig im Mittelpunkt stehen nicht etwa ein älterer Herr und seine aufgetauchten Superkräfte, sondern viel mehr der verzweifelte Versuch eines Vaters, vergangene Fehler wieder gut zu machen. Es ist eine rührende und auch tragische Geschichte, bei der man beiden Seiten super nachfühlen kann und bei der Yeon Sang-ho auch beide Seiten gut porträtiert, ohne irgendwelche Sachen zu beschönigen. Als kleines, feines Familien-Drama funktioniert „Psychokinesis“ super und hätte sicherlich auch ohne Superkräfte bestens funktioniert.

Aber die Superkräfte gibt es und das macht aus dem Film dann eben mehr als nur dieses kleine Drama. Wie gesagt, es sieht alles sehr wie „Chronicle“ aus und es fühlt sich vieles auch wie „Chronicle“ an: da werden Autos wie von Geisterhand bewegt, Schrott durch den bloßen Gedanken daran, zu Hürden aufgestapelt und ja, natürlich kann Papa Supermann irgendwann auch fliegen. An der Front ist nichts großartig neu oder besonders, aber es macht Spaß, sich den alten Mann mit seinen neuen Fähigkeiten anzuschauen.

Richtig viel Spaß macht aber tatsächlich der Schurke in diesem Film. Es spoilert zwar ein wenig, aber es gibt zwei Schurken. Der erste ist wie Darth Vader, er ist der Handlanger… und sein koreanischer Imperator ist einfach nur super. Ich möchte nicht zu viel verraten, aber ich fand diesen Charakter (okay, es ist eine Frau, so viel verrate ich dann doch noch) einfach genial. Herrlich überspitzt, total abgedreht, der wirklich perfekte Über-Bösewicht. Von ihr hätte ich gerne sehr viel früher mehr gesehen, aber so bleibt sie das Sahnebonbon auf der Schlagsahne dieses Eisbechers, der da „Psychokinesis“ heißt. Ein durch und durch unterhaltsamer Film.

Wertung: 8 von 10 Punkten (erfindet das Rad nicht neu, ist aber witzig, spannend und dramatisch und einfach gut inszeniert)

6 Kommentare leave one →
  1. 30. Mai 2018 22:19

    Natürlich ist das nicht der erste koreanische Superheldenfilm: Hero (http://www.imdb.com/title/tt2077762/) gab es ja auch schon.

    • donpozuelo permalink*
      31. Mai 2018 20:27

      Aber ist Vampir gleich Superheld? Vampir klingt immer noch so ein bisschen nach leichter Abstufung… 😀

      • 2. Juni 2018 20:29

        Nein, es ist natürlich nicht dasselbe, aber eigentlich schon. Es geht um die Geschichte des Superhelden, wie der seine Kräfte erworben hat ist dafür zweitrangig. Hero ist eben keine blutrünstrige Vampirstory, Hero ist eine Superheldengeschichte, die sich der Einfachheit halber für ihren Helden bekannter Klischees aus einem verwandten Genre bedient, die gerade „dank“ Twilight allen geläufig waren. Ob der Held jetzt Peter Parker heißt und von einer radioaktiven Spinne oder Sam-Dan und von einem unverstrahlten Vampir gebissen wird, ist dafür in meinen Augen unerheblich.

        • donpozuelo permalink*
          5. Juni 2018 22:06

          Okay… das klingt nicht schlecht. Wenn ich den mal irgendwo finde, werde ich ihn mir mal anschauen. Auf jeden Fall danke für den Tipp…

  2. 22. Juli 2018 11:31

    Den Film hatte ich ja mal so gar nicht auf dem Schirm! Danke fürs teilen 🙂 wird geschaut

    • donpozuelo permalink*
      23. Juli 2018 16:02

      Bin gespannt, wie du ihn findest. Ist mir bei Netflix auch eher durch Zufall über den Weg gelaufen.

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