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Ein Mann, ein Hammer

30. April 2018

Kann mir bitte mal jemand erklären, wie man aus dem Filmtitel „You were never really here“ „A Beautiful Day“ machen kann? Klar, ist ein bisschen kürzer und lässt sich für den deutschen Markt vielleicht etwas leichter aussprechen, aber warum wird Englisch immer in Englisch „übersetzt“? Warum nicht einfach einen guten deutschen Titel finden… wie eben „Ein Mann, ein Hammer“. Sagt vielmehr über diesen Film mit Joaquin Phoenix aus als „A Beautiful Day“. Das klingt mehr nach romantischer Komödie (was „A Beautiful Day“ auf gar keinen Fall ist). Obwohl gut… ich gebe es zu, „Ein Mann, ein Hammer“ klingt jetzt auch mehr nach Obi-Werbung als nach knallhartem Thriller. Also belassen wir das – ich wollte nur kurz (und zum wiederholten Male) meinen Frust über merkwürdige „deutsche“ Titel äußern. Kommen wir also lieber jetzt zu „A Beautiful Day“.

Joe (Joaquin Phoenix) ist Kriegsveteran, der von posttraumatischem Stress und furchtbaren Kindheitserinnerungen gequält wird. Er lebt nur von seinen Pillen und kümmert sich trotzdem nebenbei noch rührend um seine Mama (Judith Roberts). Was Mama nicht weiß: Joe verdient sein Geld damit, gegen brutale Menschenhändler vorzugehen, die vor allem minderjährige Mädchen als Sexsklaven verkaufen – das tut er meist mit dem schon erwähnten Hammer („Oldboy“ style). Doch als er von dem New Yorker Senator Albert Votto (Alex Manette) angeheuert wird, um dessen Tochter Nina (Ekaterina Samsonov) aus den Fängen von Menschenhändlern zu befreien. Nur weiß Joe da noch gar nicht, worauf er sich bei diesem Auftrag einlässt.

Zotteliger Superheld

„Taxi Driver des 21. Jahrhunderts“ las ich zuletzt über „A Beautiful Day“… und ja, so ganz weit weg davon ist der Film nicht. Obwohl er mich an vielen Stellen (Hammer, Musik, Typ in nem Auto) mehr an „Drive“ erinnert hat (zumal wir es hier auch mit einem sehr mundfaulen Helden zu tun haben). Aber eigentlich steht „A Beautiful Day“ für sich ganz allein und hat dennoch das Zeug, ebenfalls ein Klassiker zu werden. Denn dieser Film zieht einen unglaublich in seinen Bann.

Regisseurin Lynne Ramsay hat ja schon mit „We need to talk about Kevin“ gezeigt, dass sie Charakter-Dramen zu einem ordentlichen Schlag in den Magen verwandeln kann – und „A Beautiful Day“ macht da keine Ausnahme.

Dieser Film wäre prädestiniert gewesen für einen stahlharten Superhelden mit Six-Pack, der in einer Gewaltorgie durch diesen Film fegt und Leute killt, die es verdient haben. Doch Ramsay wählt einen anderen Weg und macht so eben einen viel wirkungsvolleren Film als einen 08-15-Action-Rache-Film. Zuallererst hätten wir da einen dicken, vollkommen fertigen Joaquin Phoenix mit Rauschebart und Pillenproblem. Phoenix ist großartig als dieses psychische Wrack, das immer wieder von Erinnerungen gequält wird. Die setzt Ramsay wirkungsvoll ein – es sind keine erklärenden Flashbacks, sondern sie kommen wie Blitze, sie brennen sich in unser Hirn, schmeißen uns für kurze Zeit aus der Bahn, weil wir verzweifelt versuchen, sie einzuordnen und den anderen Puzzle-Teilen aus Joes Vergangenheit zu zuordnen. Sie treffen uns so unerwartet wie Joe und das bringt uns diesem einsamen Krieger noch sehr viel näher. Es ist eine wahnsinnig aufregende Art und Weise, das Porträt dieses Mannes zu zeichnen – und unglaublich wirkungsvoll. So wird „A Beautiful Day“ unvorhersehbar und kann uns selbst in den schlimmsten Momenten noch einmal mehr schocken.

Dieser Joe ist kein strahlender Held und man kann es mit jeder Szene kaum fassen, dass er es überhaupt schafft, aufzustehen, geschweige denn seinen Hammer zu schwingen. Das wiederum inszeniert Ramsay zwar brutal, aber nie voyeuristisch. Wir baden am Ende nicht im Blut von tausenden von Joes Opfern, dennoch ist „A Beautiful Day“ auch ein verdammt gewalttätiger Film, der zusätzlich noch an den Nerven zerrt.

„A Beautiful Day“ ist in keinster Weise ein typischer Rache-Film, es ist wirklich das Psychogramm einer gequälten Seele, die versucht, anderen ein wenig mehr Hoffnung zu geben. Was dabei auch grandios eingesetzt wird, ist die Musik. Und wenn ich schon von der Musik rede, dann ist sie wirklich nicht zu unterschätzen, denn normalerweise rede ich ja nie wirklich über Soundtracks oder Musik. Aber Jonny Greenwood entwirft einen Klangteppich, der Joe perfekt imitiert. Die Musik ist manchmal so quälend atonal, dann wieder so düster-treibend, dass sie allein einen schon nervlich echt ziemlich fertig macht.

„A Beautiful Day“ ist alles andere als ein schöner Tag mit Joe, aber es ist ein unglaublich kraftvoller Film, der mit einem großartigen Joaquin Phoenix punktet.

Wertung: 9 von 10 Punkten (der dickbäuchige Superheld mit dem Hammer zermürbt und begeistert)

2 Kommentare leave one →
  1. 30. April 2018 09:54

    Hey, fast die gleiche Überschrift wie bei mir :))
    Im Nachhinein würde ich ihm auch einen Punkt mehr geben. Die Bilder sind bis heute präsent und Phoenix ist hier wieder soo gut.
    Toller Film.
    Dass der Titel geändert wurde, regt mich noch immer auf 🙂

    • donpozuelo permalink*
      9. Mai 2018 17:43

      Echt??? 😀 Muss ich gleich mal gucken. Sprach uns dann wohl auf einer recht gleichen Ebene an – dieser Mann und sein Hammer.

      Ja, die Bilder bleiben echt hängen. Wirklich eine unglaubliche Sogkraft – und ja, Phoenix habe ich schon lange nicht mehr so gut gesehen.

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