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Dreifacher Axel

28. März 2018

Bis letztes Jahr wusste ich nicht einmal, wer diese Tonya Harding überhaupt ist. Wie ich schon bei den „Rocky“-Filmen geschrieben habe, mit Sport beschäftige ich mich eigentlich so gut wie nie (also dem Sport, den man im Fernsehen gucken kann). Boxen kann ich mir vielleicht noch anschauen. Formel 1 könnte ich mir nur anschauen, wenn es so gezeigt werden würde wie die Rennen in „Rush“ und vom Eiskunstlaufen habe ich nun überhaupt gar keine Ahnung. Deswegen mag man es mir vielleicht auch verzeihen, dass ich bis vor kurzem nicht wusste, wer Tonya Harding ist, noch was ein dreifacher Axel ist, noch warum Harding neben ihren sportlichen Leistungen bekannt geworden ist. Doch zum Glück gibt es ja Hollywood, zum Glück gibt es Regisseur Craig Gillespie, der mit „I, Tonya“ Unwissenden wie mir die Geschichte von Tonya Harding erzählt. Auf eine äußerst amüsante Art und Weise, wenn ich das mal vorwegnehmen darf.

Tonya Harding (Margot Robbie) hatte es nicht leicht. Ihre Mutter LaVona Golden (Allison Janney) hat sie geprügelt, nur wenig geliebt und sie zu Höchstleistungen beim Eiskunstlaufen getrieben. Als Tonya erwachsen ist, entflieht sie ihrer Mutter – in die ungesunde Beziehung mit Jeff (Sebastian Stan), der sie zwar sehr zu lieben scheint, diese Liebe aber auch in harten Schlägen äußert. Ganz nebenbei läuft Tonya aber immer noch auf dem Eis, auch wenn sie als „White trash“ verschrieen ist und nie die Anerkennung bekommt, die sie sich erhofft. Selbst als sie als erste Amerikanerin den dreifachen Axel schaffte. Um ihr Image aufzubessern, entsteht der irre Plan, ihre härteste Konkurrentin Nancy Kerrigan (Caitlin Carver) mit einer kleinen Morddrohung so zu verschrecken, dass sie nicht antritt. Doch der Plan von Jeff und seinen dummen Mittätern geht gründlich schief.

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Man muss zum Glück kein Fan vom Eiskunstlaufen sein, um „I, Tonya“ zu gucken. Obwohl ich auch hier sagen muss, wenn die Übertragungen so coole Kamerafahrten und Einstellungen hätten, würde ich auch Eiskunstlaufen gucken. Das sieht hier schon sehr beeindruckend aus. Aber um Eiskunstlaufen geht es in „I, Tonya“ noch am wenigstens. In erster Linie ist es ein spannendes und vor allem witziges Biopic und ein packender Kriminalfall.

Kommen wir aber zum Biopic. Gillespie schafft es, von Sekunde 1 an Sympathie für diese Harding zu erzeugen. Sie ist ein gebrandmarktes Kind, ihre Mutter ein Monster, das nur an ihren Erfolg dachte – und schon hier offenbart der Film eine spannende Diskussion zum Thema Eltern-Kinder-Erfolgsdruck. Klar, mit mehr Liebe wäre Tonya wahrscheinlich nie bei den Olympischen Spielen aufgetreten, mit mehr Haue hätte sie vielleicht die Goldmedaille gewonnen, aber was ist am Ende wichtiger? Am Ende steht sie so ziemlich alleine da und sucht sich auch noch einen Typen, der ihr nicht gut tut (und der Mama Harding zum besten Spruch des Films führt: „You fuck dumb, you don’t marry dumb!“).

Gillespie baut sein Biopic via Interviews auf, weswegen es auch immer wieder in der Handlung gut platzierte Ansprachen an den Zuschauer direkt gibt, um das gerade Erzählte noch einmal zu verdeutlichen. Das macht Spaß, der Film entwickelt einen guten Drive und macht schaut diesem ganzen Spektakel gerne zu. Irgendwann kommt der Krimi-Aspekt dazu, bei dem man dann gespannt darauf wartet, wie sehr die Dummheit der Menschen einen ins Verderben führen kann. „I, Tonya“ ist da wunderbar inszeniert und wird eine aufregende Mischung aus Sportler-Drama, menschlicher Tragödie und Krimi.

Margot Robbie hat sich seit „The Wolf of Wall Street“ extrem gemacht und liefert eine unglaublich gute Performance ab (und da ich gerade wieder „My Name is Earl“ gucke, muss ich es einfach kurz erwähnen: sie erinnert mich total an Jaime Pressly – vor allem, weil sie auch so charmant white trash spielen kann). Wirklich beeindruckt hat mich aber Sebastian Stan, den ich ich ja wirklich nur als „Winter Soldier“ kenne. In „I, Tonya“ habe ich mal tatsächlich den Schauspieler Stan erleben dürfen und der war wirklich verdammt gut. Gut, aber irgendwie nicht Oscar würdig war auch Allison Janney. Sie war ein fieses Miststück und das hat sie wirklich gut gespielt, aber jetzt, wo ich sie gesehen habe – zum Oscar hätte es für mich nicht gereicht (aber ich habe ja auch die anderen Damen alle nicht gesehen).

Eiskunstlaufen kann also so spannend sein wie ein Krimi – vor allem, wenn daraus so eine herrliche Farce wird wie bei „I, Tonya“. Kann ich wirklich nur empfehlen!

Wertung: 9 von 10 Punkten (Eiskunstlaufen ist spannend, wenn es nicht wirklich ums Eiskunstlaufen geht)

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2 Kommentare leave one →
  1. 22. Mai 2018 09:47

    Du bist nicht allein. Von Tonya Harding habe ich vorher auch nichts gehört. Liegt vielleicht auch daran, dass ich 1994 – im Jahr des Attentats auf Nancy Kerrigan – noch in den Kindergarten ging. Aber das Kino ist ja ganz praktisch um Bildungslücken zu schließen. Mir hat I, TONYA auch gut gefallen. Besonders die filmische Umsetzung von widersprüchlichen Aussagen der Beteiligten gefiel mir außerordentlich gut. Wenn Margot Robbie als Tonya ihren Leinwand-Mann mit einer Waffe bedroht und im gleichen Moment in die Kamera spricht, sie habe das nie gemacht, ist das schon ziemlich lustig. Ein überraschend unterhaltsames Biopic.

    Hier meine Kritik: http://adoringaudience.de/i-tonya-omu-2017/

    • donpozuelo permalink*
      24. Mai 2018 18:34

      Ja, ging mir genau so… diese Fourth-Wall-Breaks waren echt ziemlich unterhaltsam und auch sehr clever in die Story integriert.

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