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Alter Schwede

5. März 2018

Das waren in etwa die Worte, die ein Freund von mir verwendete, um mir seine neueste Netflix-Entdeckung „The Ritual“ zu beschreiben: „Alter Schwede!“ Dabei ist mir erst jetzt nach dem Film bewusst geworden, dass das ja schon fast ein halber Spoiler ist, wenn man mal klugscheißerisch sein möchte. Aber ich weiche von dem ab, was ich eigentlich erzählen will: Ich hatte mit „The Ritual“ das verrückteste Erlebnis überhaupt… mir kam das alles so bekannt vor:

Vier Freunde (Rafe Spall als Luke, Arsher Ali als Phil, Robert James-Collier als Hutch und Sam Troughton als Dom) machen eine Wandertour in Schweden – im Andenken an ihren verstorbenen Freund Rob (Paul Reid). Der wurde in einem kleinen Laden ermordet und Luke war mit dabei, ohne etwas zu tun. Nun also diese Wandertour – doch dann passiert natürlich, was immer in solchen Filmen passiert: jemand verletzt sich. In diesem Fall ist es Dom, der sich das Bein angeknackst und deswegen die Freunde dazu zwingt, eine Abkürzung nehmen. Die führt jedoch durch einen Wald – ein Wald, in dem sie erst auf einen frisch aufgeschlitzten Hirsch treffen, später lauter Runen an Bäumen finden und dann auf eine alte Hütte stoßen, in der sie von Alpträumen geplagt werden. Und damit ist dann noch lange nicht Schluss.

Horror-Fund im Wald

Wie gesagt… mir kam das alles so verdammt vertraut vor. Als hätte ich diesen Film schon mal gesehen – oder vielmehr, wie sich dann herausstellte, das Buch gelesen. Denn David Bruckners Film „The Ritual“ basiert auf dem gleichnamigen Buch von Adam Nevill. Und mit dieser Erkenntnis kam mir auch wieder in den Sinn, dass ich das Buch zwar interessant, aber auch furchtbar langweilig fand. Allerdings ist es so lange her, dass ich nicht mehr sagen kann, was mich wirklich an dem Buch gestört hat. Aber dieses Bild von der Hütte und von den vier Freunden war dann doch noch in meinem Kopf. Statt das Buch zu lesen, konnte ich also nun den Film gucken… und was soll ich sagen? Alter Schwede!!!

„The Ritual“ fängt erst einmal wieder sehr klischeebehaftet an, aber Bruckner gelingt es dann doch gekonnt, fesselnde Spannung aufzubauen. In dieser Hütte kommt man sich ein bisschen vor wie in „Blair Witch Project“, wenn die dann plötzlich noch eine merkwürdige Figur aus Stroh und Holz finden, wenn dann die Träume anfangen und es im Wald um die Hütte herum knistert, Holz knackt und man gemeinsam mit Luke angestrengt auf einen Fleck starrt, bis man selbst fast glaubt, man hätte etwas gesehen. Bruckner setzt die schöne Landschaft Schwedens großartig ein, der Wald wird selbst zu einem Charakter, dem man nicht trauen kann – trotz der Schönheit der Landschaft lässt einen Bruckner immer wieder spüren, dass diese Schönheit trügerisch ist. Die Bäume versperren den Freunden den Weg und es gibt kein Entkommen.

Diese Bedrücktheit des Waldes wird dann noch verstärkt durch den Horror des Ungesehenen oder bzw. von dem fast Gesehenen. Darin ist Bruckner so großartig. Die Kamera starrt wie Luke, wie wir, in einigen Stellen gefühlte Minuten nur in eine Richtung. Und man hat das Gefühl, man würde was sehen oder man hat das Verlangen, etwas zu sehen. Ich kann das gar nicht richtig beschreiben, aber es ist ein großartig unheimliches Gefühl. Wenn man dann hier und da doch mal eine Gestalt oder ein Etwas sieht, dann ist der kleine Schock umso größer. „The Ritual“ weiß gut zu gruseln, gut Atmosphäre aufzubauen.

Das größte Problem an Filmen wie „The Ritual“ ist dann aber immer die Offenbarung. Wenn das Ungesehene am Ende doch sichtbar wird. Ein Problem, dass „The Ritual“ zum Glück jedoch nicht hat. Wenn man sieht, was Luke und seine Freunde da die ganze Zeit verfolgt, denkt man sich auch wieder nur „Alter Schwede!“ Ich habe mich ja letztens ein bisschen geärgert, dass Guillermo del Toros Fischman aus „The Shape of Water“ mich nicht so begeistern konnte. Das Viech / Wesen aus „The Ritual“ konnte es aber sowas von. Das sieht einfach mal Hammer aus – und das Coole daran ist, selbst, wenn Bruckner es uns zeigt, zeigt er uns nicht alles auf einmal. Wir müssen das Bild dieser Kreatur immer noch Puzzle-artig selbst zusammenbauen. Aber das ist es wert, das Ding sieht Hammer aus. Eklig, merkwürdig, großartig – wer auch immer sich das Ding ausgedacht hat: „Alter Schwede, Hut ab!“.

Dennoch ist das Ende dann doch ein wenig – naja, abgehoben. In den letzten Minuten verliert „The Ritual“ trotzdem ein bisschen was, eben weil die Offenbarung kommt und das Mysterium dahinter etwas weit hergeholt wirkt – selbst für einen Horror-Film. Aber das kann man verschmerzen angesichts eines ansonsten großartig atmosphärischen Horror-Films mit toller Kreatur.

Wertung: 8 von 10 Punkten (Alter Schwede, das ist doch mal wieder gute Horror-Unterhaltung gewesen, ich frage mich trotzdem immer noch, was mich am Buch gestört hat…)

4 Kommentare leave one →
  1. 5. März 2018 10:47

    Hui, so gut fand ich ihn nicht, aber er hatte was.

    • donpozuelo permalink*
      5. März 2018 16:13

      Doch, mich hat der mal wieder überrascht. Ist aber auch der erste gute Netflix-Original, den ich gesehen habe. Vielleicht hat das noch mit nachgewirkt 😉

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