Zum Inhalt springen

6 Meilen durch die Schneehölle

19. Februar 2018

Ich kann mich schon gar nicht mehr so richtig daran erinnern, wann ich das letzte Mal einen klassischen Thriller im Kino gesehen habe. Ich habe darüber wirklich lange nachgedacht und konnte mich an nichts mehr so wirklich erinnern. Mit Thriller meine ich jetzt aber eher so was in die Richtung „Das Schweigen der Lämmer“ – halt mehr Mörder-Krimi, wie auch immer ihr es nennen mögt. Ich kann mich erinnern, dass ich „Schneemann“ mit Michael Fassbender vom Trailer furchtbar interessant fand, bis dann vermehrt die Kritiken sagten, was für ein furchtbarer Film das sein würde. Und als ich zuletzt „Three Billboards outside Ebbing, Missouri“ sah, wurde ich hellhörig. Da lief der Trailer zu „Wind River“ und das sah genau nach dem aus, was ich sehen wollte. Geguckt habe ich ihn jetzt und doch wesentlich mehr bekommen, als ich dachte.

Fährtenleser und Jäger Corey Lambert (Jeremy Renner) findet im eisigen Wyoming im Wind River Reservat die Leiche der 18-jährigen Natalie (Kelsey Asbille). Das Mädchen wurde vergewaltigt und rannte danach barfuß und halbnackt 6 Meilen durch die Schneehölle, bevor sie starb. Die unerfahrene FBI-Agentin Jane Banner (Elizabeth Olsen) soll ermitteln, doch ist sie auf die Hilfe von Lambert angewiesen. Der verfolgt aber seine ganz eigenen Ziele, erinnert ihn der Tod von Natalie doch zu stark an den nicht aufgeklärten Tod seiner eigenen Tochter.

Scarlet Witch und Hawkeye ermitteln ohne Avengers

„Wind River“ macht einem erst einmal mit einem „Inspiriert durch wahre Ereignisse“ deutlich, dass diese Geschichte gleich ein wenig schwerer zu schlucken sein wird. Regisseur Taylor Sheridan will die Geschichte der Indianer erzählen und vor allem von den Frauen, die jedes Jahr verschwinden und deren Fälle nie wirklich offiziell bearbeitet werden. Dabei muss sich „Wind River“ natürlich schon der berechtigten Frage stellen, warum dieses Thema durch die Augen von Jeremy Renner und Elizabeth Olsen betrachtet wird, zwei Darsteller, die nun wirklich keine indianischen Wurzeln haben. Eine berechtigte Frage, doch Sheridan findet seine Wege, darauf eine Antwort zu liefern, die sicherlich nicht alle befriedigen wird. Ja, es ist etwas merkwürdig, aber es sollte nun auch nicht zu sehr vom Film ablenken.

Der zieht einen nämlich verdammt schnell in seinen Bann. Das Beeindruckende an „Wind River“ sind in erster Linie wirklich die Bilder. Sheridan fängt diese eisige Kälte, den Schnee, die Berge in frostig-schönen Bildern ein. Er schwelgt in dieser wunderschönen Natur, die mit ihrer Kälte widerspiegelt, worum es eigentlich geht. Dazu kommt dieser melancholische Soundtrack von Nick Cave und Warren Ellis (nicht der Comic-Autor, wie ich zuerst dachte) und diese Kombination allein sorgt für eine Sogwirkung, die einen nicht wieder loslässt. Man bleibt in diesen Bildern, in dieser Musik, in dieser grausamen Welt gefangen.

Jeremy Renner liefert dazu eine großartige Performance ab. Er ist der berechnende Jäger, der seine Beute methodisch jagt, der auf Rache sinnt, ohne dabei den Kopf zu verlieren. Gleichzeitig kämpft er aber auch mit seinem Inneren, trauert um seine Tochter und versucht irgendwie, sein normales Leben zu leben. Renner hat mir wirklich gut gefallen, weil sein Lambert ein der Umgebung und der Situation angepasster Typ war. Er ist die Sorte schweigsamer, eiskalter Held mit dem Herz am rechten Fleck. Der auch dann kämpft, wenn er für sich selbst vielleicht keinen Nutzen daraus ziehen kann. Hauptsache, Gerechtigkeit siegt am Ende – seine Art der Gerechtigkeit.

Elizabeth Olsen stinkt dagegen leider etwas ab. Das liegt aber nicht daran, dass sie sich keine Mühe gibt, neben ihrem Avenger-Kollegen zu punkten. Ich glaube, das Problem liegt eher am Skript. Sheridan wollte mit Olsens Banner wohl so etwas wie eine Clarice Starling erschaffen – eine junge, unerfahrene Agentin, die eigentlich komplett überfordert sein sollte. Problem in „Wind River“ ist: Banner ist eigentlich für die Story vollkommen unnötig. Der ganze Film hätte auch die Jeremy-Renner-Show sein können, der als einsamer Wolf nach den Mörder der jungen Natalie sucht. Ist es am Ende auch, nur ist Olsen halt auch noch irgendwie dabei. Was schade ist, die beiden haben eine gute Chemie, da hätte man aus ihr schon ein wenig mehr machen können.

Was man dazu auch noch sagen muss, ist, dass „Wind River“ am Ende gar nicht sooo die großartige Mörder-Krimi-Story ist. Die Geschichte ist recht simpel gehalten, die Ermittlungen gehen recht schnell vonstatten – grob gesagt, ist „Wind River“ nichts, was storytechnisch überwältigt – so richtig kommt dieses „Jagdgefühl“ einfach nicht auf. Am Ende ist es einfach die Optik, die Aufmachung, der Mix aus Bild und Musik und ein guter Jeremy Renner, die „Wind River“ nicht langweilig werden lassen. Der schöne Schein hält perfekt von Minute Eins bis zum Ende. Erst danach bröckelt das Bild dann ein bisschen…

Wertung: 7 von 10 Punkten (wunderschön fotografiert, so schön, dass man sogar die recht simple Story vernachlässigen kann)

2 Kommentare leave one →
  1. 23. Februar 2018 19:41

    Scheinen sich alle einig zu sein, dass das ein ziemlich guter Film ist. Hatte ich gar nicht auf dem Schirm…

    • donpozuelo permalink*
      26. Februar 2018 07:35

      Ja, der ist schon gut. Etwas einfach gestrickt, aber dennoch gut.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: