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Vaters Opfer

27. Dezember 2017

Der König Agamemnon tötete laut der Sage einst einen Hirsch im heiligen Wald der Artemis und rühmte sich damit, ein besserer Jäger zu sein als die Göttin selbst. Als Agamemnon sich auf den Weg in den Trojanischen Krieg machte, wurde seine Flotte bei Aulis durch die Göttin an der Weiterfahrt gehindert. Windstille herrschte – und einer Prophezeiung zufolge muss Agamemnon seine Tochter Iphigenie töten, um die Göttin zu besänftigen. Er tötet einen Hirsch und soll nun seine Tochter töten. In einigen Ausführungen dieser Geschichte tötete der König tatsächlich seine Tochter, in anderen nur eine Hirschkuh. Wie man es auch nimmt, der griechische Regisseur Yorgos Lanthimos hat damit den Stoff für seinen neuen Film gefunden: „The Killing of a Sacred Deer“.

Herzchirurg Steve Murphy (Colin Farrell) hat ein wunderbares Leben mit Frau Anna (Nicole Kidman) und seinen beiden Kindern Bob (Sunny Suljic) und Kim (Raffey Cassidy). Nebenbei trifft er ab und zu den jungen Martin (Barry Keoghan), für den er sich offensichtlich verantwortlich fühlt, weil dessen Vater auf seinem OP-Tisch starb. Doch für Martin sind die netten Gespräche mit Steve und dessen Geschenke nicht genug. Eines Tages spricht Martin einen Fluch über Steve aus: Entweder er tötet eines seiner Familien-Mitglieder, um für den Tod von Martins Vater aufzukommen oder seine Kinder und seine Frau werden in verschiedenen Phasen erkranken und dann sterben. Und dann versagen zuerst bei seinem Sohn die Beine…

Yorgos Lanthimos macht keine normalen Filme, seine Filme sind kleine Theaterstücke des Absurden: ob nun die Familie in „Dogtooth“, die Katzen für gefährliche Monster hält und ihre Kinder im Haus gefangenhält oder ob die verängstigten Singles in „The Lobster“, die zu Tieren werden, wenn sie keinen Partner finden. Lanthimos ist ein Geschichten-Erzähler der etwas anderen Art. Somit macht auch „The Killing of a Sacred Deer“ da keine Ausnahme. Nur finde ich, dass dieser Film noch etwas schwerere Kost ist als die Vorgänger.

Man merkt dem Film seine Wurzeln in der griechischen Tragödie schon sehr an. Unheilschwangere Dialoge treffen auf statische Szenen, in denen eben diese Dialoge langsam ihre Wirkung entfalten. Lanthimos ist kein Mann aufregender Schnitte oder Jump Scares oder was auch immer man bei einem Film mit leichten Horror-Anklängen erwartet. Das Einzige, was tatsächlich übersinnlich wirkt, ist die fast an der Decke schwebende Kamera, die Murphy durch die Krankenhaus-Gänge verfolgt. Fast so, als würde der Geist von Martins Vater immer hinter ihm her sein.

„The Killing of a Sacred Deer“ entfaltet sehr gemächlich seine Anziehungskraft. Es ist Murphys langsamer Wandel vom Ungläubigen zum Gläubigen, die so fasziniert. Es ist das Erkranken seiner Kinder, das einen erschreckt. Es ist die Verzweiflung seiner Frau, die stärker und stärker wird. Und es ist vor allem der eiskalte Blick von Barry Keoghan, der so sehr irritiert. Bislang kannte ich Keoghan nur aus seiner Rolle in „Dunkirk“, aber bei Lanthimos entwickelt der jungen so einen fiesen Blick und so ein Stalker-Gehabe, dass sein Martin sich definitiv einen Platz unter den unheimlichen Horror-Kindern des Kinos verdient hat (auch wenn – und das will ich noch einmal deutlich machen – „The Killing of a Sacred Deer“ kein wirklicher Horror-Film ist. Es ist vielmehr ein Lanthimos-Film 😉 )

Wie schon gesagt, „The Killing of a Sacred Deer“ ist ein etwas schwerfälliges Monster – eben eine griechische Tragödie in neuem Gewand. Muss man tatsächlich mögen, aber echte Lanthimos-Fans werden auch in diesem Film die Handschrift des Griechen sehr eindeutig wiederfinden.

Wertung: 8 von 10 Punkten (tragische Tragödie surreal auf großer Leinwand)

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One Comment leave one →
  1. 12. Januar 2018 16:31

    Oh, den möchte ich noch unbedingt sehen. Mal schauen, ob ich das noch schaffe, bevor die hier nicht mehr im Kino laufen …

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