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Alpha und Omega

8. Dezember 2017

Wer mich kennt, der weiß, dass ich nicht gerade ein Freund der deutschen Film- und Fernsehlandschaft bin. Ich habe immer das Gefühl, dass sich der deutsche Filme entweder nur mit der schwierigen deutschen Vergangenheit gut auseinander setzen kann oder halt RomComs am Stück produziert. Vielleicht ist irgendwo das ein oder andere Drama noch mit drin, aber das war’s. So richtiges Genre-Kino gibt es nur selten (ich glaube, das Letzte, von dem ich gehört habe, war „Der Nachtmahr“ – ein Film, den ich schändlicherweise immer noch nicht gesehen habe). Und ich weiß, das ist jetzt furchtbar plakativ, aber das ist so meine begrenzte Sichtweise auf den deutschen Film.

Doch zum Glück haben wir ja Netflix. Bei Netflix traut man sich ja hier und da auch mal was – und Netflix hat nun die erste eigene in Deutschland produzierte und gedrehte Serie rausgebracht, über die natürlich alle Netflix-Gucker fleißig reden: „Dark“ von Jantje Friese und Baran bo Odar: In der kleinen Stadt Winden verschwinden zwei Jungen spurlos. Einer davon ist der junge Sohn Polizist Ulrich (Oliver Masucci), der sich nun verzweifelt auf die Suche nach seinem Jungen macht. Irgendwann taucht dann eine Leiche auf – mit verbrannter Augenpartie und Klamotten, die aus den 80er Jahren stammen. Die ganze Stadt ist in Aufruhr, die Morde lassen die Gemüter hochkochen und so offenbaren sich viele Geheimnisse in der Kleinstadt – Geheimnisse sehr menschlicher Art und Geheimnisse sehr übernatürlicher Art, die uns aufregend durch die Zeit springen lassen.

Höhlenforscher

Ich will mal mit einer Sache gleich aufräumen: Ich höre immer viel, dass „Dark“ mit „Stranger Things“ verglichen wird. Nachdem ich die zehn Folgen der ersten Staffel gesehen habe, kann ich nur sagen: Der Vergleich hinkt aber mal so was von. Der passt überhaupt nicht. „Dark“ ist in keinster Weise wie „Stranger Things“. Hier gibt es keine niedliche Kindergruppe, keine zweite Dimension mit Monstern. Ich muss ganz ehrlich sagen, „Dark“ hat mich in vielerlei Hinsicht eher an Lynchs „Twin Peaks“ erinnert.

Wir sind in einer Kleinstadt mitten im Nirgendwo – check für beide Serien. Es passiert etwas, das aufgeklärt werden muss – ebenfalls check für beide Serien. Mit der Zeit tun sich Abgründe auf, die fast schon ins Soap-Opera-Mäßige gehen – check und check! Obwohl „Dark“ es besser versteht, nicht ganz so krass zur Seifenoper zu werden. Dennoch ist es krass, wer da mit wem wie verbandelt ist, wer wen hintergeht, betrügt oder belügt. Hier kommen wir dann auch zu einem wichtigen Punkt: „Dark“ fordert heraus.

„Dark“ ist keine Serie zum Nebenbei gucken. Wer einmal nicht richtig aufpasst, der verpasst wirklich was. Baran bo Odar bevölkert seine kleine Stadt mit unzähligen Charakteren und von denen erleben wir dann auch noch drei verschiedene Generationen auf verschiedenen Zeitebenen. Manchmal hätte ich am liebsten ein Diagramm angefangen, um mithalten zu können und war zwischendurch echt froh, wenn mal mit Bild in Bild gearbeitet wurde und man den Charakter aus der Gegenwart neben sein jüngeres Ich aus der Vergangenheit stellte.

Neben den ganzen menschlichen Abgründen ist „Dark“ ein absurdes Fest für Zeitreise-Fans. Hier jagt ein WTF-Moment den nächstes. Die Serie kümmert sich nicht wirklich um die Komplikationen der Zeitreisen und haut ein Paradoxon auf das nächste. Das machen sie dann aber wieder so gut, dass man es gerne hinnimmt. Warum? Weil die Charaktere einfach gut sind und die Story in irrem Wahnsinn trotzdem Sinn ergibt. Das wiederum hat mich sehr an „Predestination“ erinnert, ein Film, der auch Zeitreise-Paradoxon auf Paradoxon packt und trotzdem bestens unterhält.

Er guckt „Dark“ mit System

„Dark“ sieht dazu noch echt umwerfend aus. Die wenigen deutschen Sachen, die ich gesehen habe, waren immer so deutsch. Sorry, mir fällt da jetzt gerade nichts besseres zu sein: Die Bilder wirken blasser, die Darsteller etwas steif. „Dark“ hat die Probleme nicht, optisch eine Wucht (bis auf ein paar ulkige CGI-Sachen zum Ende der Serie), musikalisch top (auch wenn man es mit der unheilschwangeren Musik manchmal etwas übertreibt), darstellerisch wirklich top (einfach nur wow, die Besetzung ist wirklich bis in die kleinste Rolle perfekt – es gibt Charaktere, die hasst man richtig gerne, andere die liebt man) und gut erzählt.

Wobei ich sagen muss, dass ich es schade fand, dass viele interessante Fragen nie so wirklich beantwortet werden (zum Beispiel: Was will dieser Noah eigentlich ganz genau? Ich hoffe, das ist jetzt nicht zu sehr ein Spoiler, aber es ist ja auch nur ein Name). Man bekommt zwar ein Finale, das zufriedenstellt, aber einen auch sehr darauf vertröstet, dass man ja noch eine zweite Staffel schauen könnte (die hoffentlich auch kommt).

„Dark“ hat mich echt umgehauen. Es geht also doch! Da kann man wirklich nur hoffen, dass diese Serie eine Vorreiter-Rolle einnimmt und mehr deutsche Filmemacher dazu inspiriert, sich auch mal anderen Stoffen zu widmen!

Wertung: 9 von 10 Punkten (fordernd, aber gleichzeitig auch einfach nur extrem spannend – die perfekte Serie zum Bingen)

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8 Kommentare leave one →
  1. 8. Dezember 2017 12:44

    Hab ich auch grad geschaut. Größtenteils kann ich Deine Begeisterung nachvollziehen, dann aber auch wieder nicht – ich fand die Dialoge und Einführung der Charaktere in der ersten Folge so holzig und pathetisch, dass ich fast nicht weitergeschaut hätte. Da waren echt Fremdschäm-Momente dabei. Oliver Masucci hat dermaßen hart versucht, wie Mads Mikkelsen zu spielen. (Und danach tauchten „Mads“ und „Mikkel“ noch als Namen in der Serie auf, was ich irgendwie…ähhh…ja. Ich kam mir fast verschwörungsmäßig vor.)

    Zum Glück nahm das Ganze dann Fahrt auf. Letzten Endes hat „Dark“ mich richtig gut unterhalten. Auch wenn die Existenz des Noah mir ebenso ein Rätsel aufgibt. Das Ende sowieso – es sieht sehr danach aus, als sollte nahtlos eine zweite Staffel angestrickt werden, oder? Und ja, es sah klasse aus.

    Ein feministischer Hinweise bitte noch: Jantje Friese und Baran bo Odar haben die Serie zusammen entwickelt und geschrieben. Bitte, bitte mach eine Liz ein bisschen glücklich und nimm die Frau noch mit auf. ❤

    • donpozuelo permalink*
      8. Dezember 2017 13:36

      Dass mit „Mads“ und „Mikkel“ ist mir übrigens auch aufgefallen. Fand ich auch sehr lustig 😀

      Und ja, sie scheinen es wirklich sehr stark auf die zweite Staffel angelegt zu haben. Hätte es irgendwie schöner gefunden, wenn sie es mehr so im Stile von „Stranger Things“ gemacht hätten: Eine Staffel, eine Geschichte.

      Ich habe Jantje Friese dann noch einmal mit in den Text aufgenommen 😀

      • 8. Dezember 2017 13:38

        Vorbildlich, Don! Das Mads-Mikkel-Ding ist echt bizarr. Grad wenn man sich dann noch Ulrich anschaut.

  2. 8. Dezember 2017 18:16

    Wie Du weißt, steht die Serie bei mir nicht so hoch im Kurs und der Vergleich mit Twin Peaks ist gewagt, sehr gewagt :))
    Aber natürlich würde ich mir auch eine zweite Staffel antun 😉

    • donpozuelo permalink*
      11. Dezember 2017 17:09

      Naja… zumindest steckt vom Grundgedanken ein bisschen Twin Peaks drin

  3. 9. Dezember 2017 11:24

    Jaja sobald det Netflix-Stempel drauf klebt, ist alles besser… Ich bin mit der Staffel bisher erst halb durch, deshalb enthalte ich mich noch einer Wertung, aber im Moment fallen mir einige deutschsprachige Serien ein, die ich zum jetzigen Stand für besser halte: Braunschlag, Morgen hör ich auf, Babylon Berlin, Pregau und auch Hindafing.

    • donpozuelo permalink*
      11. Dezember 2017 17:03

      Bis auf Babylon Berlin kenne ich davon gar nichts 😉

Trackbacks

  1. Kritik: Dark – Staffel 1 – Filmexe – Blog über Filme und Serien

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