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Give them hell

25. September 2017

Ich glaube, für mein erstes Mal mit Sam Peckinpah war ich noch viel zu jung. „Wer Gewalt sät“ so mit knapp 14 zu sehen, hat dann irgendwie gereicht. Bis zu dem Zeitpunkt war für mich alles, was Gewalt im Film betraf irgendwie immer noch halbwegs „kindgerecht“ oder so weit im All („Alien“ war so mein erster richtiger Horror-Film) oder im Land der Fantasie und Fantasy, dass ich damit gut umgehen sollte. Doch Peckinpah hat mir dann gezeigt, wie real Gewalt werden kann, wie unerwartet sie selbst einen stinknormalen Menschen wie Dustin Hoffman treffen kann. Der Film hat mich echt ein bisschen gebrandmarkt und war für mich nur schwer, schwer verdaulich… weswegen ich danach eine Zeitlang erst einmal wieder andere Filme geschaut und mich vor Sam Peckinpah gedrückt habe.

Aber jetzt ist man ja ein bisschen erwachsener und (film)erfahrener geworden, da kann man Peckinpah einfach noch mal aus einer neuen Perspektive entdecken. Da ich mich aber aus kindheitspsychologischen Gründen noch nicht an „Wer Gewalt sät“ traue, versuchte ich es mit einem anderen Film… der wahrscheinlich noch viel höher im Werk von Peckinpah steht: „The Wild Bunch“.

In „The Wild Bunch“ plant Outlaw Pike Bishop (William Holden) mit seiner Bande einen Überfall auf die Kasse der Eisenbahngesellschaft. Doch statt Geld warten auf Pikes „Wild Bunch“ nur Kopfgeldjäger und sein ehemaliger Weggefährte Deke Thornton (Robert Ryan), um ihn dingfest zu machen. Allerdings wird aus diesem Hinterhalt ein blutiges Massaker – Pike und seine Bande können gerade so entkommen. Verfolgt von Deke und seinen Kopfgeldjägern flüchten sie nach Mexiko, wo sie im Auftrag des mexikanischen Generals Mapache (Emilio Fernández) einen Zug überfallen sollen – vollgepackt mit den modernsten Waffen. Ein letzter Job soll das werden… und was für einer es wird!!!

Cool will auch im Western gelernt sein

Mal wieder ein Western… obwohl das nicht die Art Western gewesen wäre, die mein Opa (mit dem ich so ziemlich viele Western geguckt habe) mir gezeigt hätte. Zumal so ein richtiger Western ist „The Wild Bunch“ ja nun auch nicht. Ja, es gibt Typen auf Pferden, die mit Colts schießen, aber es ist dann doch mehr ein Abgesang auf den Western. Nicht nur, weil der Film im Jahr 1914, sondern weil er den Mythos Cowboy auch komplett zerstört (was dann wohl auch ein Grund war, warum ein gewisser John Wayne mit diesem Film nichts anfangen konnte). Aber wenn die Zeit reif ist, für was Neues, braucht es auch mal so einen Abgesang… das ist halt der Lauf der Dinge.

Und so ist Peckinpahs wilder Haufen ein Haufen ohne Glanz und Glorie. Wo früher vielleicht selbst der Outlaw noch was von einem Robin Hood hatte, sind die Mitglieder des „Wild Bunch“ eher ein trauriger Haufen. Ein Haufen bestehend aus alten Männer, die in den Ruhestand wollen und ein paar junge Männer, die nur das Geld sehen. Alle gemeinsam haben sie, dass sie für das Geld auch gerne mal die moralischen Grenzen überschreiten – wie man auf unglaublich blutige Art und Weise gleich zu Beginn des Films (in dem bereits angesprochenen Massaker) zu sehen bekommt.

Dabei ist die Gewalt in „The Wild Bunch“ allgegenwärtig und wird schon von den Kindern, ohne zu zucken, praktiziert. Wenn die anfangs ein paar Skorpione zu Feuerameisen stecken, die kämpfen lassen, um sie am Ende alle zu verbrennen, schwingt so eine erschreckende Gleichgültigkeit zur Gewalt in diesem Film mit, die erst am Ende zu verschwinden scheint. Anfangs ist die Gewalt für Pikes wilde Buben ein einfaches Mittel zum Zweck, zum Ende hin wird sie zum verzweifelten Überlebenskampf. So viel Moral in einem „Western“ ist auch unerwartet.

Dabei dreht sich ja nicht nur alles um die Gewalt. In den ehemaligen Freunden Pike und Deke steckt ja dann auch noch ein spannender Zwiespalt. Früher waren sie wie Brüder, jetzt jagt der eine den anderen – und das obwohl Deke es auch nur widerwillig macht. Diese beiden Männer sind Feinde, obwohl sie es eigentlich nicht sein wollen. Deke wird dazu gezwungen, Pike zu jagen… denn wirklich Hass gibt es nicht zwischen den beiden. Was man immer wieder merkt, wenn sie von einander sprechen. Da klingt mehr Respekt durch – und Ehrfurcht. Diese beiden Männer sind nicht wirklich zu unterscheiden nach Gut und Böse…

Peckinpahs „The Wild Bunch“ ist also schon ein bisschen mehr als nur ein verdammt gewalttätiger Film. Dennoch ist er eben auch das und er setzt nach Arthur Penns „Bonnie and Clyde“ in Sachen Gewalt im Film nochmal einen drauf. Gerade das Finale ist wirklich eine Wucht. Wenn da die Gatling-Gun anfängt zu rattern, dann spürt man das förmlich. Aber auch das „Gefecht“ zu Beginn des Films ist unglaublich inszeniert. Mit zig verschiedenen Kameras – mal beweglich, mal statisch – fängt Peckinpah das ganze Geschehen ein. Er verwendet Zooms und Slow-Motion, lässt die Kamera umfallen, als wäre der Kamera-Mann getroffen worden und erschafft so einfach in den grandiosen Action-Sequenzen das Gefühl, als wäre man wirklich mittendrin in diesem Chaos aus Blei und Menschen. Und seien wir mal ehrlich: Das Finale dürfte sicherlich einen Tarantino für so einiges beeinflusst haben, aber nicht einmal er könnte das so gut hinbekommen.

Peckinpah schafft es mit „The Wild Bunch“ gekonnt, Action, Drama und den Abgesang auf die große Zeit der Cowboys unter einen Hut zu bringen.

Wertung: 9 von 10 Punkten (ein krasser Film, den man keinesfalls nur auf seine Gewalt-Darstellung reduzieren darf)

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