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Die Western-Opern

8. September 2017

Der Soundtrack eines Films… ist etwas, das ich in vielen Reviews schändlich vernachlässige. Beziehungsweise ihn nur erwähne, wenn er sich mir wirklich ins Hirn brennt. Obwohl selbst dann fasele ich über so viele andere Dinge und erwähne vielleicht am Ende noch einmal in einem Nebensatz, dass der Soundtrack ebenfalls einzigartig oder großartig oder toll ist, oder welches Attribut mir halt sonst so einfällt. Ich gebe zu, dass ist nicht immer fair, trägt die Musik doch so unheimlich viel zur Stimmung des Films mit bei. Aber meistens nehme ich sie halt einfach hin – meistens ist sie ja auch gut, aber gerät bei mir dann schnell wieder in den Hintergrund, weil ich mich an gewisse Motive und Themen schon gar nicht mehr erinnere. Natürlich kenne und schätze ich die Klassiker, Melodien, die ich auch immer mal wieder gerne so vor mich hinsumme – aber so wirklich darüber zu schreiben, fällt mir ehrlich gesagt auch ein bisschen schwer. Schließlich bin ich kein Musik-Experte und kann mich da adäquat genug zu ausdrücken.

Doch wie man an dieser entschuldigenden Einleitung erkennen mag, komme ich jetzt nicht drumherum, über einen Soundtrack zu sprechen. Denn man kann nicht über Sergio Leones „Spiel mir das Lied vom Tod“ sprechen, ohne dabei die Musik zu erwähnen.

„Spiel mir das Lied vom Tod“ ist der Beginn von Leones Amerika-Trilogie, dessen glorreiches Ende ich mit „Es war einmal in Amerika“ bereits vorgestellt habe (hoffentlich schaffe ich dann irgendwann auch mal den Mittelteil). Leone entführt uns in den Wilden Westen, der schon bald nicht mehr so wild sein mag, denn die Eisenbahn rückt immer weiter vor. Doch in einem kleinen Kaff, das kurz vor der Anbindung zur Eisenbahn steht, ist der Westen gerade noch wild genug. Hier treffen die Schicksale des Mundharmonika spielenden Namenlosen (Charles Bronson), der frisch verwitweten Jill (Claudia Cardinale), des eiskalten Killers Frank (Henry Fonda), mit dem der Namenlose noch eine Rechnung offen zu haben scheint und der gerade Jills Familie ermordet hat und des Banditen Cheyenne (Jason Robards).

Wenn’s am Bahnhof wieder langweilig wird…

Ich muss gestehen, dass ich für „Spiel mir das Lied vom Tod“ in der richtigen Stimmung sein muss. Mal in der falschen zieht sich der Film für mich zu lange hin, da schwelgt mir Leone in zu ruhigen und langsamen Einstellungen auf den Gesichtern seiner Protagonisten oder auf der Landschaft. Aber dann – in der richtigen Stimmung – ist es genau das, was mir auch jedes Mal so sehr an diesem Film gefällt. Wie Leone eben genau so lange verweilt, seine Geschichte gemächlich, aber nicht langsam erzählt. Wie er uns diesen namenlosen Helden vorstellt, diesen Mann mit Geheimnis, und dann bis zum Schluss darauf wartet, dieses Geheimnis zu offenbaren. Wie aus der vermeintlichen Rache-Story ein aufregendes Beziehungsdreieck wird, bei dem man nie so ganz durchschaut, wer was von wem will. Nur der Wunsch nach Geld scheint alle in diesem Film anzutreiben – so wie die Eisenbahn.

Aber was mich letztendlich immer wieder umhaut – egal, ob ich nun gerade in der richtigen Stimmung für den Film bin oder nicht – das ist die Musik von Ennio Morricone. Denn seine Musik – in Zusammenarbeit mit Leones Regie, den Bildern und den Darstellern (die allesamt großartig sind, nur um die jetzt mal am Rande zu erwähnen) – macht „Spiel mir das Lied vom Tod“ erst richtig großartig. Anders als gewöhnlich schrieb Morricone die Musik schon vor den Dreharbeiten und erschuf so für die wichtigsten Charaktere eigene Leitmotive, die den Figuren perfekt auf den Leib geschneidert ist. Was daran liegt, dass uns die Musik schon so unglaublich viel über die Personen sagt, bevor wir sie überhaupt richtig kennengelernt haben: Die klassische Mundharmonika-Melodie ist der Hammer – da steckt so viel Leid und Schwermut, aber auch Verbittertheit drin… dann jedoch auch etwas, das in dem langsamen Ansteigen der Melodie zur Geltung kommt. Der Mann mit der Mundharmonika ist nicht zu unterschätzen, er lauert und wartet auf seinen Moment. Die Melodie ist Gänsehaut pur. Und die, die auch diesen Film überdauert hat.

Doch auch die Leitmotive der anderen Darsteller sind umwerfend. Franks Thema suggeriert sofort mit dem ersten Ton, dass der Typ ein eiskalter Killer ist, während Cheyenne diese lockere Untermalung bekommt, die erst gar nicht so recht zu dem Banditen zu passen scheint – und letztendlich perfekt seinen Charakter widerspiegelt. Interessant ist aber natürlich auch Jills Leitmotiv, in dem das stimmlose Wehklagen schon ahnen lässt, dass diese Frau nie so wirklich glücklich werden wird.

Morricones Musik ist der Hammer und hebt Leones Western auf ganz andere Ebenen. Da wird der Western halt wirklich mehr zu Oper, die Musik zum Erzähler und die Darsteller zu den Puppen, die nach ihr tanzen. Ein toller Film, der einen mit Wucht umhaut…

Wertung: 9 von 10 Punkten (der Western, der eine Oper ist)

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6 Kommentare leave one →
  1. 8. September 2017 08:14

    Schön beschrieben. Das ist wahrlich eine Western-Oper. Mir teils ein wenig zu anstrengend, doch wenn man sich darauf einlässt und sich Zeit dafür nimmt, ein großartiges Erlebnis.

    • donpozuelo permalink*
      8. September 2017 15:05

      Danke dir. Ja, man braucht die richtige Stimmung für diesen Film. Dann kann der einen so richtig aus den Socken hauen.

  2. 21. September 2017 20:27

    Cheyennes Melodie hab ich immer sofort im Kopf, wenn irgendwo dieser Film auftaucht. Wie jetzt gerade wieder…

Trackbacks

  1. Das Goldene Lesezeichen: September 2017 | Ma-Go Filmtipps

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