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Die Weltuntergangsmaschinerie

4. September 2017

Ich hatte mal eine Phase, in der ich alles weggesuchtet habe, was der gute Stanley Kubrick so gedreht hat (leider war diese Phase noch vor meiner Blogger-Phase, weswegen ich jetzt erst nach und nach den großen Meister würdigen kann). „2001“ war meine Einstiegsdroge (was man bei dem Film auch ein bisschen wortwörtlich nehmen kann) und danach ging es immer weiter. Und ich mochte sie eigentlich alle… doch die Betonung liegt auf „eigentlich“, denn es gab einen Film, von dem ich nicht so recht wusste, was ich von ihm halten soll: „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“.

Hier konfrontiert uns Kubrick mit einem grausigen Szenario: Ein paranoider General namens Jack D. Ripper (Sterling Hayden) gibt den ihn unterstellten B-52-Bombern den Auftrag, mit ihren Atom-Bomben die Sowjetunion anzugreifen. Einen Grund hat er nicht wirklich, außer das er davon ausgeht, dass die Sowjets schon seit Jahren das Trinkwasser der Amerikaner verunreinigen, um so die „Körpersäfte“ zu zersetzen. Dieser Alleingang sorgt natürlich für Panik im „War Room“ des Präsidenten (Peter Sellers), der verzweifelt versucht, das Schlimmste zu verhindern.

Thank you for smoking

Kubricks „Dr. Seltsam“ ist eine wirklich gekonnte Satire, die zu dem Zeitpunkt ihrer Entstehung sicherlich bei einigen nicht nur für Lacher gesorgt haben dürfte. Denn letztendlich zeigt uns Kubrick, wie erschreckend einfach es doch scheint, einfach mal so einen Atom-Krieg vom Zaun zu brechen. Da kann man noch so viele Vorsichtsmaßnahmen in Gang setzen, wenn es erst einmal ins Rollen geraten ist, ist so eine Atom-Lawine nur schwer zu stoppen. Da wird der Wahnsinn zur eiskalten Realität und es scheitert auch schon mal an 25 Cents, die man sich mit Waffengewalt aus dem Cola-Automaten holen muss. In Kubricks Welt (und wohl auch in der realen Welt) kann so wichtiges an so kleinen, unscheinbaren Dingen scheitern.

Spannend ist natürlich auch das ganze Szenario im berühmten War Room, der von niemand geringerem als Ken Adam konzipiert und designt wurde. Der große, runde Poker-Tisch der Weltgeschichte, die wichtig aussehenden Wand-Bildschirme, die das Vorrücken der Flieger darstellen, diese merkwürdige Runde von „Tafelrittern“, die einen für die Situation äußerst schweigsamen Kreis bilden – und natürlich das berühmte Zitat: „Gentlemen, you can’t fight in here. This is the War Room“. Auch hier zeigt uns Kubrick unverblümt, dass absurde politische Hin und Her, dass mehr an Kindergarten erinnert als an echte Politik.

Und natürlich sind auch die Darsteller richtig gut, besonders ein Peter Sellers überzeugt in seinen gleich drei Rollen. Als Präsident, als Erster Offizier des durchgeknallten Generals und natürlich als Dr. Seltsam selbst, dieser „seltsame“ ehemalige Nazi, der jetzt für die Amerikaner arbeitet. Sowohl Sellers als auch ein toller George C. Scott als ewig Kaugummi kauender General beleben diesen Film ungemein und verleihen dem absurden Treiben erstaunlich erschreckende Glaubwürdigkeit.

Aber ich habe ja davon geredet, dass „Dr. Seltsam“ der Kubrick-Film ist, mit dem ich am wenigstens klarkomme. Mein Problem dabei ist, dass ich nicht wirklich sagen kann, was es ist. Höchstwahrscheinlich ist es der Humor und die Tatsache, dass im Film eigentlich nie besonders viel passiert. Wahrscheinlich würde „Dr. Seltsam“ als Theater-Stück noch besser funktionieren… rein von den technischen Spielereien und der aufwendigen Kamera-Arbeit, die man sonst so von Kubrick gewohnt ist, wirkt „Dr. Seltsam“ etwas zurückgesetzt. Vielleicht ist das von Kubrick gewollt – weniger durch das Drumherum auffallen, als vielmehr durch das, was gesagt wird. Und vielleicht ist dieser halb dokumentarische Stil auch das einzige, was die Botschaft des Films am besten unterstreicht. Aber so rein als Film-Film haut mich „Dr. Seltsam“ nie so wirklich vom Hocker. Es ist halt wirklich mehr Botschaft, Lehrstück als Unterhaltung.

Denn auch der Humor ist jetzt eher subtil – es gibt keine sonderlich großen Lacher, da hält sich Kubrick auch zurück. Und wahrscheinlich ist auch das gut – die ursprünglich geplante Tortenschlacht im War Room wäre so oder so nicht gut gewesen. So hat „Dr. Seltsam“ ein paar Schmunzler, ein paar Lacher, aber so richtig als Komödie würde ich ihn jetzt auch nicht bezeichnen.

Man merkt mir das Rudern vielleicht an, aber „Dr. Seltsam“ und ich werden wohl nie so richtig Freunde werden. Es ist ein guter und auch ein wichtiger Beitrag Kubricks zum Weltgeschehen der damaligen Zeit – und das erkenne ich an. Ansonsten halte ich mich bei Kubrick dann doch lieber an die anderen Filme!

Wertung: 7 von 10 Punkten (spannende Satire, bei der man sich danach gleich noch ein bisschen mehr Sorgen wegen der Mächtigen dieser Welt macht)

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2 Kommentare leave one →
  1. 4. September 2017 09:42

    Mir geht es ganz genauso wie dir. Keine Ahnung warum, ich komme nicht komplett klar mit dem Film, obwohl viele Einzelteile richtig gut sind, will das Gesamtergebnis mir nicht so richtig zusagen.

    • donpozuelo permalink*
      5. September 2017 09:09

      Danke. Ich hatte schon Angst, ich wäre der Einzige 😀

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