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Coming To America

30. August 2017

Als eine meiner Lieblingsserien ein plötzliches Ende fand, war ich schon schwer enttäuscht. Bryan Fullers „Hannibal“ war einfach nur großartig – noch nie wurden Blutspritzer so kunstvoll in Szene gesetzt wie in dieser Serie. Aber natürlich war das nicht alles, Mads Mikkelsen war einfach nur umwerfend gut in der Rolle des fiesen Hannibal Lecter, Hugh Dancy war ein perfekter gequälter Ermittler und einfach alles an der Serie war toll, toll, toll (und insgeheim hoffe ich immer noch, dass eine vierte Staffel irgendwann bei Netflix oder wem auch immer landet und es weitergeht). Doch ein Bryan Fuller lässt solche Rückschläge nicht lange auf sich sitzen… und kommt mit der nächsten Serie um die Ecke, in der wieder einmal auf kunstvolle Weise das Blut durch die Gegend fliegt und bei der das auch nur eine ironische Randnotiz ist, die nicht verbergen soll, wie gut der Rest der Serie ist: „American Gods“.

Shadow Moon (Ricky Whittle) wird vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen, weil seine Frau Laura (Emily Browning) gestorben ist. Auf dem Weg nach Hause trifft Shadow im Flugzeug auf den alten Mr. Wednesday (Ian McShane), der ihm einen Job anbietet, den Shadow widerwillig annimmt. Wednesday ist gerade unterwegs, um verschiedene Leute für einen kommenden Kampf zu rekrutieren. Für Shadow wirkt das alles sehr befremdlich… erst recht als er selbst noch von anderen angegriffen wird, die sich Wednesday in den Weg stellen wollen. Doch so richtig wird Shadows Welt erst auf den Kopf gestellt, als seine Frau Laura auf einmal von den Toten zurückkehrt.

Me, when someone doesn’t like the show 😉

Neil Gaimans Roman „American Gods“ ist ein kleines Meisterwerk. Ich mag seine Herangehensweise, wie er die Geschichte um den Kampf zwischen den alten und den neuen Göttern erzählt. Ich mag die Tatsache, dass er die Lebenszeit der Götter an den Glauben der Menschen knüpft – Götter somit also sterben können, wenn Menschen nicht mehr an sie glauben, so dass gerade die alten Götter wirklich langsam von der Bildfläche verschwinden und von den neuen Göttern ersetzt werden. Neuen Göttern wie den Medien (großartig in der Serie gespielt von Gillian Anderson) oder dem Internet, die versuchen, die alten Götter zu ködern, um ihre eigene Macht noch weiter auszubauen. Ich mag auch, dass es im Buch eigentlich ziemlich schnell offensichtlich ist, dass es sich um Götter handelt, aber es dennoch immer spannend bleibt, wer wer genau ist. Das macht Gaiman im Roman durch kleine Einschübe über die Geschichten darüber, wie die Götter nach Amerika kamen. Eine nette Idee, von der ich im Leben nicht gedacht hätte, dass die Serie sie übernehmen würde. Doch sie haben es gemacht… die „Coming to America“-Einschübe sind auch in der Serie unfassbar toll gemacht (teilweise auch wunderschön animiert) und erweitern wie schon im Roman die Serie durch spannende Nebengeschichten.

Ohne dabei die Hauptgeschichte zu vernachlässigen, in der Shadow langsam begreifen muss, dass er in etwas sehr viel Größeres verwickelt zu sein scheint. Die erste Staffel von „American Gods“ orientiert sich dabei stark an den ersten 100 Seiten vom Roman, wenn ich das jetzt mal so grob einteilen kann. Es passiert noch nicht so viel und doch passiert eine ganze Menge. Normalerweise stehe ich ja nicht unbedingt auf lange Expositionen, aber „American Gods“ braucht diese Zeit, braucht die Möglichkeit, diese verrückte Welt voller Götter und anderer Sagengestalten erst einmal aufbauen zu können. Das ist dann letztendlich Staffel 1: Das Grundgerüst – lerne die wichtigsten Charaktere kennen, lerne Teile ihrer Geschichte kennen, um sie besser zu verstehen, lerne die Welt kennen, in der sie leben. Warum ist der Kampf so wichtig? Warum sind sie überhaupt in Amerika? Warum müssen sie sich Sorgen um ihre Existenz machen?

Schnupper

„American Gods“ ist eine Serie, die sich nicht nur für die Charaktere Zeit nimmt, sondern eben auch für seine Zuschauer. Denn man muss schon gewillt sein, sich in diese neue Welt der Götter zu begeben. Hat man einmal den Einstieg geschafft, erwartet einen eine unglaubliche reiche Welt. Reich an Geschichten, reich an interessanten Charakteren, reich an starken Bildern, in denen natürlich hier und da auch die Fuller’schen Blutfontänen nicht fehlen dürfen.

Dazu kommen tolle Darsteller, von denen ich aber gerade bei zwei zentralen Charakteren doch so meine Schwierigkeiten hatte. Da hätten wir zum einen Ricky Whittle, den ich als Shadow Moon nicht unbedingt mag. In meinem Kopf war Shadow Moon ganz anders. Whittles Moon wirkt sehr schüchtern irgendwie. Er hat für mich noch nicht so die Ausstrahlungskraft wie im Roman. Ich mochte Whittle zwar durchaus, aber so ganz war er für mich noch nicht der richtige Shadow Moon. Dazu kommt Emily Browning als Laura Moon. Ihre Geschichte wird in der Serie ein bisschen größer gemacht als im Buch, was ich gut finde. Aber Emily Browning an sich fand ich auch etwas schwierig, wenn auch gut. Ich finde ihre Laura Moon manchmal so widerlich und dann doch wieder so sympathisch – ein Gefühl, das ich schwer in Worte fassen kann. In einigen Szenen möchte ich mich schütteln, weil Emily Browning in mir einfach so einen Schauer der Verachtung erzeugt. Es passt so gut zu der Rolle, dass es erschreckend ist. Emily Brownings Laura Moon ist wie Hassliebe für mich. Ganz schwierig.

Gar nicht schwierig finde ich dagegen Ian McShane, der mich als Mr. Wednesday manchmal an einen alten Al Pacino in „Donnie Brasco“ erinnert. McShane ist großartig, der perfekte Charmeur, der perfekte alte Gentleman, der immer seine eigenen kleinen Geheimnisse hat. McShane steht die Rolle ausgezeichnet… und die vielen anderen Darsteller sind auch wunderbar besetzt (vor allem mag ich Pablo Schreiber als Mad Sweeney).

„American Gods“ Staffel 1 macht Spaß, sieht umwerfend aus und ehrt die Vorlage. Ich freue mich jetzt schon auf Staffel 2 und hoffe einfach mal, dass Bryan Fuller diese Geschichte auch wirklich zu Ende erzählen darf (und es nicht überzieht – maximal 5 bis vielleicht 6 Staffeln, dann sollte „American Gods“ vorbei sein)

Wertung: 9 von 10 Punkten (der Kampf der Götter hat begonnen)

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7 Kommentare leave one →
  1. 30. August 2017 15:12

    Mein Lieblingsbuch! Oh ja. Ich wusste gar nicht, dass ich eins habe, bis mal jemand mich als „Axt“ danach gefragt hat. Und dann war es dieses. Und die Serie! Ich kann es wirklich nicht erwarten, dass die endlich ENDLICH weitergeht.

    Dass Laura diese prominente Rolle in der Serie spielt (im Vergleich zum Buch), hat mich erst irritiert, aber dann passte es doch sehr gut. Was man im Roman eigentlich nicht durch holt, ist diese mangelnde Liebesfähigkeit, dieses große schwarze Loch in ihrem Inneren. Ich mag Laura nicht, und das ist eine fabelhafte schauspielerische Leistung.

    Shadow…naja…ich finde, im Buch kommt gut rüber, welch zerbrechlicher Charakter der eigentlich ist. Da fand ich dieses Ziehen zwischen Stärke und Melancholie sehr gut ausbalanciert. Den Serien-Shadow finde ich immer sehr unentschlossen, aber auf eine diffuse Art. Mit der Besetzung habe ich eigentlich die größten Probleme.

    Wednesday und Mad Sweeney wiederum sind großartig. Einfach wunderbar.

    • donpozuelo permalink*
      30. August 2017 15:27

      Ja. Ich mag die Serien-Laura auch nicht und das ist großartig. Finde es auch super, dass sie ihre Geschichte mehr ausgebaut haben. Das passt ziemlich gut.

      Shadow in der Serie macht mich auch nicht so wirklich glücklich. Aber naja… man kann nicht alles haben. Zum Glück funktioniert ja alles andere so gut.

      Ich bin auch schon wahnsinnig gespannt, wie es weitergehen wird… auch wenn ich es ja schon weiß. Aber die Serie ist einfach toll.

  2. 4. September 2017 21:23

    Oh man, da kann ich dir nur in allen Punkten recht geben. Ich wünsche mir auch, dass es mit Hannibal vielleicht doch noch weitergeht (obwohl man zugeben muss, dass Staffel 3 irgendwie auch wieder ein perfektes Ende hat) und ich finde American Gods – die Serie extrem gut. Ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass die Serie besser gelungen ist als das Buch, weil die ausgedehnten „Coming to america“-Szenen für mich irgendwie gelungener und konsequenter sind.
    Shadow stört mich weniger, aber mit dem Look von Wednesday tue ich mich etwas schwer. In meiner Vorstellung war er ein hell-grau-haariger Typ mit einem dicken Rauschebart. Naja. Man kann nicht alles haben XD Dafür spielt er es genial. Und bei Laura Moon stört mich, dass ihr Charakter so derb negativ ausgelegt wurde. Es ist ja schön, dass die fehlenden weiblichen Charaktere im Buch etwas ausgeglichen wurden, aber ob das so passieren musste?

    • donpozuelo permalink*
      5. September 2017 09:09

      Ja, ich muss auch sagen, dass ich die ganzen „Coming to America“-Sachen in der Serie wirklich sehr, sehr mag. Ich hatte echt Angst, dass sie das extrem verkürzen oder komplett weglassen würden.

      Wednesday find ich super. Da habe ich wirklich mehr Probleme mit Shadow… und ja, dass Laura extrem negativ gezeichnet ist, ist wirklich etwas anstrengend. Es ist so eine Hassliebe, die ich zu dieser Figur entwickele, die eigentlich irgendwo auch ziemlich cool ist.

      Was Hannibal angeht: Ja, das Ende war schon cool, aber ich hätte trotzdem gerne noch die ganze „Das Schweigen der Lämmer“-Story gesehen.

      • 5. September 2017 09:17

        Ja vor Allem Clarice hätte ich auch gern gesehen. Es gibt ja immer mal wiedee Gerede, dass es doch noch was wird. Also vergessen hat Fuller es scheinbar nicht.

        • donpozuelo permalink*
          5. September 2017 09:24

          Clarice und Will mit Hannibal. Das wäre wirklich cool gewesen. Ein kleines bisschen glaube ich auch noch dran. Selbst Mads Mikkelsen hat ja gesagt, er würde es wieder machen. Von daher… Netflix kommt bestimmt noch zur Vernunft 😀

Trackbacks

  1. American Gods – Staffel 1 – Kritik – Filmexe – Blog über Filme und Serien

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