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Operation Dynamo

28. Juli 2017

Ich muss sagen, ich schäme mich. Ich habe zwar hier und da immer mal von der Schlacht bei Dünkirchen gehört, mir war aber nie bewusst, worum es da ging oder welches Ausmaß diese Schlacht hatte. Doch zum Glück gibt es ja Christopher Nolan, der es sich jetzt zur Aufgabe gemacht hat, mich (und wahrscheinlich noch ein paar andere) mit diesem Ereignis in seinem Film „Dunkirk“ vertraut zu machen. Dabei zweifelte ich seit dem ersten Trailer, ob ein Nolan wirklich der richtige Mann für einen Kriegsfilm sei… und noch kritischer fand ich es, als Nolan dann in einigen Interviews behauptete, „Dunkirk“ wäre kein Kriegsfilm oder ein Antikriegsfilm. Er spielt nunmal zur Zeit des Zweiten Weltkriegs und beschreibt die Ereignisse einer Schlacht – das ist doch dann am Ende schon auch immer noch ein Kriegsfilm. Allerdings ist „Dunkirk“ so viel mehr als nur ein Kriegsfilm. „Dunkirk“ ist wirklich ein Ereignis, das man in einem Kino mit perfekter Soundanlage erleben sollte.

„Dunkirk“ erzählt die Geschichte der Operation Dynamo: britische und französische Truppe sind in der kleinen französischen Stadt Dünkirchen von deutschen Panzern umzingelt, die allerdings dank eines bis heute nicht endgültig geklärten Befehls nicht weiter vorrücken. Mit aller Macht wird nun versucht, die Soldaten zu evakuieren. Die Geschichte entfaltet sich dann im Film auf drei Ebenen: Am Strand von Dünkirchen, wo der junge Soldat Tommy (Fionn Whitehead) versucht, am Leben zu bleiben und vom Strand zu fliehen. In der Luft, wo die Piloten Farrier (Tom Hardy) und Collins (Jack Lowden) versuchen, die Angriffe der deutschen Luftwaffe von den Evakuierungsbooten fernzuhalten. Auf See, wo der Engländer Mr. Dawson (Mark Rylance) dem Befehl der Royal Navy folgt, die auch alle zivilen Boote nach Dünkirchen schickt, um so viele Soldaten wie möglich retten zu können.

Die kurze Ruhe vor dem Sturm

Dieser Film ist wirklich kein Kriegsfilm – also naja, er ist es schon, eben weil er zur Zeit eines Kriegs und einer Schlacht spielt. Doch steht diese Schlacht nie wirklich im Vordergrund. In erster Linie ist „Dunkirk“ ein Suspense-Thriller, ein packendes Survival-Drama, bei dem man sich in jeder der drei Episoden (die ständig ineinander verwoben werden), was wohl als nächstes passiert und wie die Charaktere das überleben können. Was das anbelangt, ist „Dunkirk“ wirklich kein Kriegsfilm. In die Kategorie würde dann doch eher Mel Gibsons „Hacksaw Ridge“ passen – der versuchte uns ja wirklich die Grausamkeiten einer Schlacht explizit vor Augen zu führen. Christopher Nolan ist da sehr viel subtiler und dabei noch wirkungsvoller am Werk.

„Dunkirk“ ist kein Film, den man einfach nur schaut, man erlebt ihn wirklich mit. Ich kann es nicht besser beschreiben, aber Nolan wirft einen als Zuschauer selbst mitten in dieses Geschehen rein. „Dunkirk“ ist bisher für mich, die psychisch und physisch anstrengendste Kino-Vorstellung gewesen, die ich je hatte. Von Minute Eins an – vom ersten Schuß, den man hört – bis zum Ende fordert dieser Film seinen Zuschauer komplett heraus. „Dunkirk“ ist ein anstrengender Film, weil er einem keine Pause zum Durchatmen gibt. Die ganze Zeit dröhnt der wirklich großartige Soundtrack von Hans Zimmer durch den Kinosaal, darin verarbeitet ist immer wieder das Ticken einer Uhr oder das hektische Schlagen eines Herzens. Der Soundtrack dröhnt und wummert, Explosionen dröhnen und wummern – und man fühlt sich wirklich, als wäre man mitten im Geschehen.

„Dunkirk“ ist ein audiovisuelles Erlebnis – es ist ein Film, den man vielleicht als den lautesten Stummfilm der Welt bezeichnen könnte. Die Dialoge im Film sind wirklich alle extrem kurz, die Geschichte entfaltet Nolan über die Bilder und halt den schon angesprochenen Soundtrack und das Sound-Design. Wie es sich für einen Nolan gehört, ist hier natürlich Set-Technisch alles echt und nicht CGI… auch eine Tatsache, die man förmlich spürt. Man spürt den Wind, das Meer, die Kälte, die Enge der Schiffe, die Enge der Flugzeuge. Die Macht der Bilder, die Nolan kreiert, ist unglaublich. Das in Verbindung mit der Musik und dem Sound macht aus „Dunkirk“ vielleicht einen der besten Kriegsfilme, der eigentlich kein Kriegsfilm ist.

Das Interessante ist dabei auch, dass sich Nolan nicht auf einen Darsteller konzentriert. Es gibt nicht den EINEN Helden, den EINEN Gewinner oder Verlierer. Sie sind ALLE zusammen in den verschiedenen Ereignissen dieser Schlacht gefangen. Jeder kämpft für sich und für andere – es ist ein perfektes Ensemble, das Nolan auch genau so führt. Sie repräsentieren so letztendlich auch die Gesichtslosigkeit des Krieges – es sind unwissende junge Männer und Jungs gewesen, die für die Oberste nicht mehr als Figuren auf einem Schlachtfeld waren. Da steht keiner heraus! Und dennoch bringt Nolan den Zuschauer so dicht wie möglich an diese Charaktere ran, womit dann auch die Spannung nervenaufreibend bis zur letzten Minute bleibt.

Wertung: 10 von 10 Punkten (der anstrengendste Kriegsfilm überhaupt – und dabei so verdammt bildgewaltig)

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14 Kommentare leave one →
  1. 28. Juli 2017 11:20

    Deinem letzten Absatz kann ich leider gar nicht zustimmen. Wenn du mich fragst, konzentriert sich Nolan leider viel zu wenig auf alle Darsteller bzw. die Charaktere. Keiner in dem Film hat auch nur ansatzweise Charaktertiefe und somit sind sie mir auch alle recht egal. Ja, sie sind in einer beschissenen Situation, aber das reicht einfach nicht. Ich habe nicht mal mehr einen einzigen Namen von irgendeinem Charakter im Kopf. Dadurch geht dann natürlich der Aspekt des Mitfieberns auf Rettung flöten, der das Ganze nochmal auf ein höheres Level gehoben hätte. Hat jetzt in dem Film nicht so sehr gestört, wie es sonst der Fall ist, aber da wäre zumindest auf der Ebene noch viel mehr drin gewesen.

    • donpozuelo permalink*
      28. Juli 2017 17:25

      Okay… interessant. Mir geht es zwar auch wie dir, dass ich mir keinen einzigen Namen gemerkt habe, aber gefesselt hat es mich dann trotzdem. Da fand ich es jetzt auch komischerweise überhaupt nicht schlimm, nichts weiter von den Charakteren zu wissen. Normalerweise gehöre ich ja sonst immer zu denen, die sich wegen zu wenig Charaktertiefe aufregen, aber hier hätte das wahrscheinlich einfach auch den Film zu einem ewig langen Monster werden lassen.

      • 28. Juli 2017 17:57

        Mich stört sowas generell. Hier jetzt nicht so extrem, einfach weil der Film es ganz gut schafft, das Problem zu kaschieren. Aber dadurch kam bei mir nie so recht Spannung auf. Da man dann ja auch noch weiß, wie das ganze ausgeht, hat man dann den Salat.
        Der Film ist natürlich trotzdem toll, aber er hätte eben noch mehr sein können. Der nächste gute Nolan, der direkt wieder überhypet ist.

        • donpozuelo permalink*
          30. Juli 2017 20:12

          Findest du, dass der überhypet wird? Ich habe eher das Gefühl, dass der wieder genau die Lager aufmacht wie alle anderen Nolan-Filme auch: Die Nolan-Fanboys vs. die Nolan-Hater, von denen ich letztens sogar gelesen habe, dass sie sich aufregen, es wäre keine starke Frauenrolle in dem Film…

        • 30. Juli 2017 21:14

          Ja, wird er, denn die Nolan-Fanboys zücken aus Prinzip die 11 von 10, egal was der Mann macht und schmeißen mit „Perfektionen“ um sich und das Lager erscheint mir (noch) größer zu sein, als das der Hater.Generell wäre es toll, wenn alle mal auf dem Teppich blieben und den Film als das sehen was er ist: Gut, aber mit auffallenden Schwächen.

  2. 28. Juli 2017 17:20

    Ob ich 10 Punkte geben werde, weiß ich nicht, aber ich fand diesen Film endlich mal wieder richtig gut. Gerade die Beliebigkeit der Protagonisten hat es diesmal gebracht.
    Kann Filmschrott da nicht verstehen.
    Jede andere Herangehensweise, hätte den Film ruiniert und wäre dem Thema nicht gerecht geworden.
    Die Briten sind einfach mal um ihr Leben gerannt. Alle. Und sie hatten so viel Schwein, dass Hitler den Haltebefehl gegeben hatte…sonst hätte niemand überlebt.
    Ich finde das hat Nolan gut eingefangen, mit nur wenig Pathos und Selbstbeweihräucherung.
    Die Vertiefung einzelner Charakter, hätte da nur das Große Ganze kaputt gemacht. 🙂

    • donpozuelo permalink*
      28. Juli 2017 17:28

      Danke… ja, geht mir genauso wie dir. Noch mehr auf die Charaktere einzugehen, hätte den Film wahrscheinlich wirklich kaputt gemacht. Weil man dann Gefahr gelaufen wäre, zu viel von diesem Pathos reinzupacken.

  3. 30. Juli 2017 14:39

    Wow, das nenne ich mal Begeisterung. Habe den Eindruck, dass Hans Zimmer mir diesen etwas vermiest, es würde mich stark wundern, wenn nicht, aber der Rest hört sich excellent an! Und dafür muss man Nolan einfach lieben, er ist ein Regisseur der Atmosphäre und muss sich nicht billiger Hilfsmittel bedienen, um eine Geschichte zu visualisieren und zu erzählen.

    • donpozuelo permalink*
      30. Juli 2017 20:11

      Absolut. Nolan weiß mit Atmosphäre umzugehen. Und was Zimmer angeht: Da bin ich für gewöhnlich auch sehr skeptisch und vorsichtig, aber dieses Mal hat er sich mit dem Sound-Design und der Musik wirklich selbst übertroffen.

  4. 7. August 2017 08:19

    Unglaublicher Film und wirklich spannend von der ersten bis zur letzten Minute. Und das, obwohl keine der Figuren groß erklärt wird und sie einfach einige der tausenden sind.

    • donpozuelo permalink*
      8. August 2017 20:49

      Danke. Sehe ich genau so. Das halt wirklich die Figuren nicht so stark ausgebaut sind und die Story einen trotzdem so fesselt, finde ich echt sehr bemerkenswert.

  5. 10. August 2017 13:00

    Schöne Kritik. Vor allem deinen letzten Absatz mochte ich, da ich es genauso sah. Es gibt hier keine(n) Helden. Nolan hat das perfekt hervorgehoben. Ein wirklich starker Film, der äußerst intensiv (nach)wirkt.

    Ich konnte ihm nur leider keine volle Punktzahl geben, denn verglichen mit beispielsweise Nolans „Inception“ muss er sich dahinter anstellen.

    • donpozuelo permalink*
      10. August 2017 13:35

      Danke. Freut mich immer sehr. Und ja, diesem Film eine Heldenfigur voranzustellen, hätte am Ende nicht so gut funktioniert. Am ehesten kommt da für mich noch Tom Hardys Fliegerpilot in Frage.

      Und ja… was die Reihenfolge seine Filme angeht, würde ich mich jetzt auch noch schwer tun 😀

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