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Krank vor Liebe

12. Juli 2017

Eine Zeitlang waren es die Franzosen, die den Markt mit Horror-Filmen überfluteten (jetzt haben sie die Komödien wieder für sich gefunden), im Moment sind es die Spanier. Während die Franzosen es gerne besonders blutig und abgedreht mochten (ich sage nur „Frontier(s)“), stehen die Spanier ja mehr auf das Subtile. Zwar wird es bei ihnen auch extrem blutig, aber in den meisten Fällen erzählen sie dazu auch noch eine spannende und packende Geschichte. So auch die beiden Regisseure Juan Fernando Andrés und Esteban Roel, die mit „Shrew’s Nest“ ihr Debüt abgeben.

Der Film erzählt von Montse (Macarena Gómez), die nach dem Tod ihrer Mutter auf ihre kleine Schwester (Nadia de Santiago) aufpassen musste. Und seit dem Tod des Vaters hat Montse die elterliche Wohnung nie wieder verlassen. Ihre ganze Welt besteht nur aus ihrer Wohnung und ihrer Schwester… doch diese Welt wird bald gehörig durcheinander gewirbelt, als sie eines Tages ihren Nachbarn Carlos (Hugo Silva) verletzt vor ihrer Tür findet. Nur widerwillig gewährt sie ihm Einlass… und ahnt nicht, wie sehr sich dadurch ihr Leben und das ihrer Schwester (und auch das von Carlos) ändern wird.

Schminken muss sie noch lernen

Die erste halbe Stunde von „Shrew’s Nest“ ist ein bisschen irreführend. Vielleicht ist es schon irreführend zu behaupten, das Ganze wäre ein Horror-Film. Denn so erwartet man irgendwann unheimliche Wesen, die aus dunklen Ecken hervorgekrochen kommen und Montse, ihre Schwester und Carlos quälen. Auf all das wartet man in diesem Film jedoch vergeblich. Bis auf die Tatsache, dass Montse dann und wann ihr Vater erscheint, der sie ständig belehrt, gibt es auch keine Geister. „Shrew’s Nest“ ist die andere Art von Horror… die ohne Monster und Gespenster, die, in der die menschliche Psyche einmal mehr als Wurzel allen Übels offenbart wird. Naja, zumindest so was in die Richtung.

Wie gesagt, „Shrew’s Nest“ beginnt als Psycho-Drama, bei dem wir erst einmal ausloten, wie die Verhältnisse zwischen den beiden Frauen sind. Dabei gibt uns der Film erst einmal nicht besonders viel, woran wir uns orientieren können – außer halt den Darstellungen der beiden Frauen. Macarena Gómez überzeugt dabei als Psycho-Mama-Ersatz, bei der man sich immer wieder fragt, was sie eigentlich genau von ihrer kleinen Schwester will. Die wiederum will einfach nur das, was wohl jede 18-Jährige möchte: ein bisschen mehr Freiheit, ein bisschen weniger Drama zuhause. Klingt alles noch nicht nach subtilem Horror, richtig? Richtig.

Ich war auch ein bisschen verwirrt darüber, dass sich „Shrew’s Nest“ so extrem langsam entwickelt. Selbst als Nachbar Carlos von Montse gerettet wird, passiert erst einmal noch nicht viel. Außer dass sich der Film in eine Richtung entwickelt, von der man vermuten könnte, es würde sich bald alles in ein handfestes Eifersuchtsdrama entwickeln, bei dem beide Frauen um die Gunst von Carlos kämpfen. Und doch drehen uns die Regisseure Andrés und Roel einmal mehr eine lange Nase, führen uns gekonnt auf eine falsche Fährte, bevor sie dann Montse (immer noch nicht so richtig erklärten) Wahnsinn freien Lauf lassen.

Und was soll ich sagen??? Wenn Montse dann so richtig aufdreht, wird auf einmal ein ganz anderer Film aus „Shrew’s Nest“. Dann drehen die beiden Regisseure nämlich ordentlich auf… und dann wird aus „Shrew’s Nest“ ein so richtiger merkwürdig-kranker Film, der mir auf eine noch merkwürdigere und krankere Art und Weise gefallen hat. Wahrscheinlich ist es wirklich so, dass die spanischen Autoren und Regisseure diese abstrusen Geschichten trotzdem noch spannend verpacken können. Zwar hebt „Shrew’s Nest“ teilweise ganz schön ab und verliert sich zum Ende hin ein bisschen zu krass in seiner kleinen Gewalt-Orgie, aber ich finde dank der zwei großartigen Hauptdarstellerinnen nimmt man das alles noch in Kauf. Zumal man in diesem Film auch immer noch danach hungert, die Auflösung zu bekommen – die dann halt wieder ziemlich harter Tobak ist.

„Shrew’s Nest“ ist so eine wirre Mischung aus Familien-Drama, vielleicht auch ein bisschen Coming-Of-Age-Story, Psycho-Terror á la „Misery“ und einer guten Portion mehr Gewalt als nur einem abgehakten Bein (wie halt bei „Misery“ gesehen). Allerdings muss man der Geschichte halt einfach eine Chance geben, in Fahrt zu kommen… aber dann wird man dafür ganz gut belohnt. Auch wenn „Shrew’s Nest“ wieder eher so die Art von Film ist, die zwar einen harten Plottwist hat, der aber 1) irgendwann etwas vorhersehbar ist und 2) beim zweiten Mal gucken wahrscheinlich eher albern wirkt. Deswegen kann man sich diesen Film wohl auch wirklich nur einmal angucken… aber bei diesem ersten Mal ist er wenigstens noch wirklich interessant.

Wertung: 6 von 10 Punkten (solche Mieter wünsche ich keinem)

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2 Kommentare leave one →
  1. 15. Juli 2017 00:41

    Den hab ich auch schon ewig im Regal stehen, weil ich ihn damals als Geheimtipp empfunden habe… jetzt sollte ich ihn wohl langsam mal von seiner Folie befreien 😄

    • donpozuelo permalink*
      16. Juli 2017 21:13

      Kannst du auf jeden Fall mal machen. Wenn er eh schon so lange im Regal steht 😀

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