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Nahtod-Tänzer

7. Juli 2017

Ich gebe es gleich vorweg zu verstehen: Es folgen Spoiler. Ich versuche das ja normalerweise immer zu vermeiden, aber in diesem Fall muss ich hier und da einfach eine Ausnahme machen – verzeiht das bitte!

Ich kann mich noch daran erinnern, als die erste Staffel von „Stranger Things“ zu Ende war. Ich habe sie eine Woche später nochmal geguckt und habe mich dann gefragt, was ich wohl als nächstes schauen könnte. Offensichtlich dachte das Internet ähnlich, tauchten doch dann plötzlich Listen von Serien auf, die man gucken könnte, um nach „Stranger Things“ etwas ähnliches zu sehen. Auf sehr, sehr vielen dieser Listen tauchte ein und dieselbe Serie auf: „The OA“! Doch ich habe bis jetzt gebraucht, um mir die Serie von Brit Marling und Zal Batmanglij anzuschauen… ein merkwürdiges, anstrengendes, aber auch interessantes Ereignis, das mich ein wenig sprach- und ratlos zurückgelassen hat, weswegen ich jetzt einfach mal versuche, irgendwie meine Gedanken zu dieser Serie zu ordnen.

Die Serie fängt noch recht „normal“ an: eine junge Frau (Brit Marling als Prairie Johnson) taucht nach sieben Jahren plötzlich wieder im Haus ihrer Adoptiv-Eltern auf. Als kleines Mädchen war sie blind, doch jetzt kann sie wieder sehen. Statt die Geschichte ihrer Entführung ihren Eltern oder den Medien zu erzählen, sucht sich Prairie fünf Außenseiter, denen sie eine unglaubliche Geschichte erzählt – über Nahtod-Erfahrungen, Tanzbewegungen und Engel.

„The OA“ war nicht das, was ich erwartet hatte. In den ersten zwei Folgen denkt man noch, dass es sich hierbei einfach um eine „normale“ Mystery-Serie handelt. Doch es wird ziemlich schnell klar, dass Brit Marling und Zal Batmanglij sich etwas komplett anderes ausgedacht haben. „The OA“ passt so richtig in keine Schublade, „The OA“ passt nicht einmal wirklich in eine Liste von Serien, die man nach dem Ende von „Stranger Things“ gucken sollte. „Stranger Things“ war ja noch greifbar in seiner Mystery, „The OA“ verlangt von seinem Zuschauer schon eine gewisse Art der Offenheit, denn die Themen Nah-Tod-Erfahrung und Engel nehmen mehr und mehr Überhand.

Ich weiß gar nicht, wie ich es beschreiben soll, was ich beim Gucken gefühlt habe. Es ist eine Mischung aus Faszination, Neugier, Langeweile und Fremdschämen, die einen am Ende mit mehr als nur ein paar Fragen zurücklässt

Die Faszination von „The OA“

Die Serie ist anders. Die Geschichte ist einmal eine ganz andere. Marling und Batmanglij vermischen Prairies Erzählung über ihre Gefangenschaft gekonnt mit den aktuellen Ereignissen. Wie eine kleine Sekten-Führerin zieht sie die kleine Gruppe ihrer Zuschauer in ihren Bann – auch mich als Zuschauer. „The OA“ wirkt weit hergeholt, aber gerade das macht die Faszination auch aus. Es sind mal keine Aliens oder die Regierung, es ist der Versuch eines Mannes, den Tod zu bezwingen. Es ist die ewige Frage, was mit uns nach dem Tod passiert. Kommt da noch was? „The OA“ sagt ganz klar „Ja“, doch lässt die Serie uns geschickt im Dunkeln darüber, was wirklich passiert – wir bekommen nur Augenblick von dem mit, was nach dem Tod passiert. Marling und Batmanglij haben ihre kleine Serie mit acht Folgen aber genau durchdacht und füttern uns gekonnt mit kleinen, faszinierenden Happen… und halten so auch die Neugier aufrecht.

Die „The OA“-Neugierde

Ist das alles Quatsch, was Prairie da erzählt? Ist sie ein glaubwürdiger Erzähler oder ist das, was sie uns da auftischt nur eine Form der Verdrängung? Immer wieder wird Prairie von anderen in Frage gestellt. Denn irgendwo ist die Geschichte, die sie erzählt, zu abgehoben und zu verrückt um wahr zu sein. Aber „The OA“ hat mich extrem neugierig gemacht: Was sind diese NTE-Experiment, die Dr. Hunter Aloysius Percy (Jason Isaacs) da durchführt? Sind seine Gefangenen wirklich Engel? Was hat es mit den Tanzbewegungen auf sich, mit denen sie angeblich andere Dimensionen oder bis zum Saturn reisen können? Was passiert hier wirklich? Ich habe allein schon wegen der Hoffnung auf Antworten weiter geschaut.

„The OA“ und Langeweile

Ich muss aber auch zugeben, dass ich „The OA“ nicht wirklich „bingen“ konnte. Dafür zogen sich die einzelnen Episoden teilweise extrem in die Länge. Ich muss auch gestehen, dass ich bis auf Brit Marlings Charakter keinen wirklichen Bezugspunkt zu den anderen Charakteren hatte. Vielleicht noch am ehesten zu den Menschen in Gefangenschaft, aber von Prairies Zuhörerschaft hatte ich mir dann doch mehr erwartet. Da wurde sich wieder einmal schön bei „The Breakfast Club“ bedient und eine Gruppe von Außenseitern zusammengestellt – nur leider recht plakativ und oberflächlich. Anders als zum Beispiel bei „Stranger Things“ finden die Macher in „The OA“ keine einheitliche Linie, diese Gruppe von Menschen wirklich zusammenwachsen zu lassen. Zwar sind Prairies Zuhörer ihr extrem wichtig, nur werden sie von der Serie nicht unbedingt so behandelt. Dazu dreht sich dann doch zu sehr alles um Prairie und ihre vermeintlichen Fähigkeiten. So schwankt die Serie dann immer wieder zwischen sehr spannenden Phasen und auch sehr langweiligen.

Das Fremdschämen

Ich habe es ja schon angesprochen, „The OA“ ist auch ein bisschen Fremdschämen. Vor allem die Tanzbewegungen, die hier am Ende ein Mittel für die angeblichen Engel sind, um Menschen zu heilen oder durch Dimensionen zu reisen. Das sieht dann alles sehr merkwürdig aus, dieser Mix aus Schnaufen, Brüllen und abgehackten Bewegungen ist halt mehr als nur gewöhnungsbedürftig und wirkt in eigentlich sehr angespannten Szenen immer etwas albern. Ich konnte mich auch bis zuletzt nicht daran gewöhnen. Dazu kommt dann noch dieser Aspekt der Engel. Und allein, als das offensichtlich wurde, lag mir „The OA“ etwas schwer im Magen. Ich tue mich da aber einfach auch etwas schwer mit…

Viele, viele Fragen

Das Finale von „The OA“ vereint dann all die eben angesprochenen Punkte in Perfektion mit einander (und lässt die Langeweile weg). Das Finale von „The OA“ war nicht ansatzweise das, was ich erwartet hatte. Und auch hier bin ich wieder unschlüssig, ob ich es wirklich gut finden soll oder nicht. Gerade im Finale wird sehr offensichtlich versucht, Prairies Geschichte als Hirngespinst darzustellen. Das wirkte ein bisschen zu sehr konstruiert. Ist das jetzt die Probe, auf die Prairies Zuhörer gestellt werden, um ihren wahren Glauben an die Engel zu beweisen? Oder ist Prairie wirklich einfach nur verrückt? Es wirkt konstruiert, aber dann passt es auch wieder ziemlich gut als Finale. Man muss sich am Ende selbst entscheiden, was man eher glauben möchte: glaubt man an die Engel oder einfach nur daran, dass sie sich das alles ausgedacht hat?

Ich muss gestehen, ich bin zu diesem Zeitpunkt noch sehr unschlüssig darüber, ob ich eine zweite Staffel wirklich gut finde. „The OA“ ist schon etwas einzigartiges… etwas, das zum Nachdenken anregt, seine Zuschauer gekonnt spaltet, aber dennoch genug liefert, um einen Abschluss zu liefern. Eine zweite Staffel würde das am Ende vielleicht alles nur noch mehr kaputt machen.

Habt ihr „The OA“ gesehen? Wie fandet ihr die Serie? Ich bin immer noch zu sehr hin- und hergerissen. Ich fand sie gut, aber auch anstrengend. Ich fand sie faszinierend, aber auch langweilig. All das mit den Engeln war mir ein bisschen zu „New Age“-y… aber es war immerhin mal was anderes. Ich komme immer noch nicht so ganz klar auf diese Serie…

Wertung: 6 von 10 Punkten (Faszination und eine gewisse Art der Abneigung kämpfen hier ständig gegen einander)

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3 Kommentare leave one →
  1. 19. Juli 2017 21:40

    Das war und ist für mich eine der besten Serien, die ich dieses Jahr gesehen habe 😉 Ich kann deine Kritikpunkte und auch die Pluspunkte alles bestens nachvollziehen, aber trotzdem sehe ich in der Andersartigkeit der Serie was richtig richtig schönes. Welche Serie lässt sich schon auf so kontroverse Themen wie Esoterik, Engel, Schulschießereien etc ein? Das macht keiner. Deswegen mag ich die Stoffe von Marling und Batmanglij so sehr. Hast du mal The Sound of My Voice gesehen? Wollte schon ewig mal darüber schreiben. Der Film hat eine ganz ähnliche Prämisse, bei der man nicht weiß, was wahr oder gelogen ist. Bzw. ob es wahr oder gelogen ist. Aber es ist so geschickt erzählt, dass es verblüffend ist.

    Über das Ende und mögliche Deutungen habe ich auch schon mal bei mir geschrieben … http://miss-booleana.de/2017/01/17/the-oa-deutungen-diskussion-und-das-ende-der-ersten-staffel/ .
    Dass die Gruppe nicht so richtig zusammenwächst würde ich so gar nicht sagen. Ich finde da tut sich schon was. Nur ist es eben kein ganz so weichgespülter Ansatz. Ich halte das sogar für ganz realistisch, dass die Wege der Gruppe nochmal kurz auseinander gehen.

    Die Serie hat einfach bei mir derb einen Stein im Brett, weil sie sich traut so anders zu sein.

    • donpozuelo permalink*
      20. Juli 2017 08:57

      Dass die Serie sich traut, anders zu sein, finde ich auch richtig gut. Es ist auch definitiv eine Serie, die in Erinnerung bleibt, eben weil sie so merkwürdig, fantastisch und irritierend zugleich ist.

      Deinen Artikel habe ich mir tatsächlich nach dem Finale direkt durchgelesen, weil ich mich da noch dran erinnern konnte, dass du den schon lange veröffentlicht hattest. Und ich muss ja auch sagen, dass ich dieses Finale irgendwie sehr cool fand – gerade das komplette Infragestellen hat schon was. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob sie durch eine zweite Staffel nicht alles ein bisschen kaputt machen würden. Obwohl ich mir eine zweite Staffel auf jeden Fall auch anschauen würde.

      Über „The Sound of my Voice“ habe ich bisher nur gelesen.

Trackbacks

  1. Kritik: The OA – Staffel 1 – Filmexe – Blog über Filme und Serien

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