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Das Superschwein

5. Juli 2017

Netflix – das Kino für Zuhause, das Kino für die Hosentasche, das Kino, das den eigentlich Kino-Gang obsolet macht. Denn letztendlich hat man doch alles für Zuhause per Netflix (und nein, das ist jetzt kein von Netflix gesponserter Artikel, ich bin nur noch nicht so lange bei Netflix und immer noch überfordert wie ein kleines Kind im Süßigkeitenladen). Nachdem erst nur Serien produziert wurden, ging man bei Netflix irgendwann über zu Filmen. Und nicht nur eben so kleine Filme, sondern sogar Filme, die in Cannes beim jährlichen Filmfestival gezeigt werden… wie halt Bong Joon-hos „Okja“. Ein Film, der eigentlich ins Kino gehört, aber dann wieder auch nicht. Speziell bei uns wäre das höchstens ein Festival-Film gewesen. Ein asiatischer Film über ein junges Mädchen, das ihrem entführten Superschwein hinterherjagt, ist sicherlich nicht unbedingt ein Kino-Garant. Aber Netflix kann es sich offenbar leisten, auch so etwas hochkarätig besetztes einfach mal eben NICHT ins Kino zu bringen. Vielleicht auch eine Strategie, um noch mehr Leute für den Streaming-Dienst zu gewinnen. Es ist schon ein bisschen verrückt… und ein bisschen traurig, wenn so große, tolle Filme am Ende nur noch fürs Tablet produziert werden. Aber hey, ein guter Film ist ein guter Film, auch wenn man ihn theoretisch auf seinem Telefon gucken könnte… und „Okja“ ist zumindest ein Film, den man nicht verpassen sollte.

Die Story ist einfach erzählt: Lucy Mirando (Tilda Swinton) will mit ihrer Mirando Corporation die Fleischgewinnung revolutionieren. Dafür wurden im Labor „Superschweine“ entwickelt, die mehr Fleisch liefern. 26 dieser Ferkel werden an Bauern in der ganzen Welt verteilt, nach 10 Jahren soll das beste Superschwein gekürt werden. 10 Jahre später finden wir uns dann in Korea wieder, wo die junge Mija (Ahn Seo-hyeon) mit Okja ein wahrhaftiges Riesen-Superschwein herangezüchtet hat. Die Beiden sind unzertrennlich, was es so viel schwerer macht, als Mija ihr Schwein von der Mirando Corporation weggenommen wird. Mit Hilfe einiger Tierschutzaktivisten unter der Führung von Jay (Paul Dano) versucht Mija nun alles, um Okja wieder zurückzubekommen und hilft Jay dabei, die dunklen Machenschaften von Mirando aufzudecken.

Me, myself und Schwein

„Okja“ fühlt sich an, als hätte Wes Anderson seine eigene Version von „Revenge of the Warrior“ gedreht, in dem Tony Jaa die Typen verfolgt und verkloppt, die seinen heiligen Elefanten entführt haben. „Okja“ fühlt sich wie ein recht untypischer Film von Bong Joon-ho an. Ich meine, der Mann hat zuletzt den „Snowpiercer“ durchs Eis gejagt. Aber gut, auf der anderen Seite hat er ja auch mit „The Host“ einen recht amüsanten Monster-Film gedreht. So abwegig ist da ein „Okja“ vielleicht doch nicht. Nur halt diesen Wes-Anderson-Touch hatte ich nun wirklich nicht erwartet.

Das beziehe ich jetzt mal vor allem auf die Darsteller und die Art, wie sie spielen. Was allein schon ein bisschen wie bei Anderson wirkt, ist die schier unglaubliche Fülle an bekannten Namen: Neben der schon erwähnten Tilda Swinton (die einmal mehr großartig ist) und Paul Dano (ebenfalls wieder mal sehr gut) läuft da noch ein Jake Gyllenhaal als egozentrisch-manischer TV-Moderator durch die Gegend. „The Walking Dead“-Star Steven Yeun hat (nach seinem tragischen Ausscheiden aus der Serie) auch Zeit und scheint auch ohne Untote gut zu funktionieren. Und als letztes läuft da noch ganz nebenbei Gustavo Fring a.k.a Giancarlo Esposito durch die Gegend.

Zusammen mit Jung-Darstellerin Ahn Seo-hyeon liefern die sich hier ein Anderson’sches Theaterstück ab. Gerade alle von Mirando in diesem Film spielen so überspitzt theatralisch, das man sich schon fast fragt, ob wir den Film aus Mijas Perspektive sehen, die mit diesen „Fremdlingen“ überhaupt nicht klarkommt. Dagegen wirkt die Welt der Tierschützer dann wieder fast schon wie aus einem Agenten-Film. Es ist eigentlich sehr faszinierend, wie viele verschiedene Töne Bong in „Okja“ anschlägt: der Anfang ist fast schon wie ein Fantasy-Heimatfilm mit Riesenschwein, danach gibt es dann halt das Anderson-Mirando-Theater vermischt mit Agenten-Action. Das Beste daran ist: Genau diese Mischung macht diesen Film so verdammt sehenswert. Ein bisschen Slapstick hier, ein bisschen Drama, ein bisschen Action, ein bisschen (okay, sehr viel) CGI (aber dafür sieht das Schwein auch echt verdammt lebensecht aus).

Das Einzige, was für mich nicht so ganz funktioniert hat, war das Ende… denn das Ende ist recht trist und irgendwie hatte ich mir nach dem großartigen Film ein befriedigenderes Ende gewünscht. Aber gut, vielleicht ist auch dieses Ende genau das passende Ende, spiegelt es doch irgendwo ziemlich gut die Realität wider.

Wertung: 8 von 10 Punkten (das Superschwein in einem Super-Film, der eine Kinoleinwand durchaus verdient hätte)

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11 Kommentare leave one →
  1. 5. Juli 2017 12:23

    Zum CGI sag ich mal lieber nix (das Tier war mir gerade am Anfang eigentlich zu cartoonig, um wirklich realistisch zu wirken), aber gestört hat es mich im Film eh nicht, also was solls.

    Ich mochte vor allem das Ende, einfach weil es nun mal konsequent ist. Der Film will ja genau darauf hinweisen, dass diese geldgeilen Arschgeigen nicht von einem Einzelnen in die Schranken gewiesen werden können. Es wäre doch sehr konstruiert gewesen, wenn man die alle selbst auf die Schlachtbank geschickt hätte.

    • donpozuelo permalink*
      6. Juli 2017 08:32

      Ich mochte die Viecher.

      Und ja, was das Ende angeht, gebe ich dir ja auch vollkommen Recht. Aber irgendwie hatte ich mir nach den vielen Aktionen der Tierschützer dann doch am Ende ein bisschen mehr erhofft. Wiederum passt das Ende ja auch so, weil es ja die tatsächliche Realität gut widerspiegelt: Nur weil ein Schwein gerettet wird, das einer Person ans Herz gewachsen ist, werden nicht auf einmal alle Schweine gerettet und die Menschheit formiert sich um zu Vegetariern, die alle Tiere nur noch kuscheln.

      • 6. Juli 2017 11:58

        Ja, die Viecher passten ja dann letztlich so auch in den Film, der sich ja eben zum Teil auch eher cartoonig ist. War aber am Anfang erstmal etwas gewöhnungsbedürftig. Aber ich und CGI werden ohnehin keine Freunde mehr.

        • donpozuelo permalink*
          6. Juli 2017 19:20

          CGI ist halt echt immer so eine Sache, wenn es gut gemacht ist und die Story nicht einfach nur auf das CGI aufgebaut ist, sondern tatsächlich auf Charaktere und Handlung, dann kann ich damit gut leben. Wenn es nur CGI des CGIs wegen gibt, tue ich mich damit auch immer eher schwer.

        • 6. Juli 2017 19:45

          Ja, es ist eher der inflationäre Gebracuh der Technik, der mich nervt. Bei mir ist es aber auch einfach so, dass es mich oft rausreißt. Ein gutes Beispiel war „The Revenant“ und der bekackte Bär. Sah sicher gut aus, hat für mich aber trotzdem nicht im Geringsten funktioniert, weil es mich sofort aus den schönen Bildern gerissen hat, dass da eben dieser unechte Bär rumturnt.

        • donpozuelo permalink*
          7. Juli 2017 08:58

          Das stimmt. Die ganze Bär-Nummer war wirklich etwas schwierig. Ich hätte vor allem damit leben können, wenn sie nicht so unendlich lang gewesen wäre. Weniger ist halt mehr.

        • 7. Juli 2017 11:04

          Nicht in Hollywood von heute.

        • donpozuelo permalink*
          7. Juli 2017 11:12

          Traurig, traurig.

  2. 5. Juli 2017 16:54

    Ich hatte mit dem Ende auch meine Probleme… erstmal fand ich es seltsam, dass die Truppe ohne Probleme in die Anlage eindringen kann (geschenkt), noch schlimmer fand ich, dass auf den deprimierenden Weggang auf den Fleisch-KZ so ein idyllisches Bild zurück in Korea folgte. Naja, Metapher geht über Logik.
    Ich kann allerdings dieses ganze Aufgerege über die Größe des Bildschirms nicht verstehen. Viele – einschließlich ich – schauen Netflix mit Sicherheit auch über ihren Fernseher. Nix mit Tablet oder Smartphone also

    • donpozuelo permalink*
      6. Juli 2017 08:33

      Hahaha… ich gucke Netflix auch hauptsächlich über den Fernseher, aber wie gesagt, gerade so ein Film wie „Okja“ hätte ich schon gerne im Kino gesehen.

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