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Eine neue Haut

12. Juni 2017

Ich kenne zu wenige Filme von Pedro Almodovar, um einzuschätzen, wie sehr „Die Haut, in der ich wohne“ den gefeierten Spanier widerspiegelt. Um genau zu sein, habe ich genau einen Film davor von Almodovar gesehen und das war „Atame!“. Aber es war mal wieder Zeit für einen guten Psycho-Thriller und beim Netflix-Stöbern fiel mir in der Thriller-Kategorie dieses Bild von Antonio Banderas auf, der hinter einer Frau mit einer merkwürdigen weißen Maske steht, die etwas verstört in die Kamera schaut. Bei dem Bild fiel mir dann auch wieder ein Freund an, der mich irgendwann mal fragte, ob ich „Die Haut, in der ich wohne“ kenne – der Film sei nämlich krass und krank (um das jetzt mal grob zu zitieren). Da ich ja gerade auf solche „Empfehlungen“ immer sehr gerne höre, war es dann mal Zeit, sich mehr mit Almodovar und seinem Haut-Film auseinander zu setzen.

Wir lernen den Chirurgen Robert Ledgard (Banderas) kennen, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, eine neue, robustere Haut durch Genmanipulation zu entwickeln. Er verlor seine Frau durch einen Autounfall, bei dem ihre Haut so schwer verbrannt wurde, dass sie ihren eigenen Anblick nicht ertragen konnte und sich deswegen umbrachte. In seinem abgeschiedenen Anwesen führt Ledgard unautorisierte Experimente durch – am lebenden Objekt: Eingesperrt in ein Zimmer seiner Villa lebt die junge Vera (Elena Anaya), deren Gesicht wie das von Roberts toter Frau aussieht (Experimenten sei Dank). Doch natürlich nagt schon nach kurzer Zeit die brennende Frage: Wer ist Vera? Warum ist sie Roberts Gefangene? Und wieso hat sie diese Behandlung „verdient“?

Over-dressed and under-dressed

„Die Haut, in der ich wohne“ fängt – zugegebenermaßen – etwas merkwürdig an. Da taucht dann auf einmal noch der als Tiger verkleidete Sohn Zeca (Roberto Alamo) der Haushälterin Marilia (Marisa Paredes) auf und hält Vera tatsächlich für Roberts Frau Gal, mit der er ein Verhältnis hatte. Als er daraufhin Sex mit ihr hat, bringt Robert ihn um… und löst damit erst so richtig die Geschichte aus. Doch bis zu diesem Punkt ist „Die Haut, in der ich wohne“ ein bisschen gewöhnungsbedürftig… wenn ich nicht die oben erwähnte Empfehlung im Kopf gehabt hätte, wäre ich spätestens mit dem Erscheinen des „Tigers“ schon ausgestiegen. Almodovar bleibt sehr lange bei dieser sehr absurd wirkenden Sequenz… und sie hat ja auch ihre absolute Berechtigung, nur mich hat sie mehr verstört als alles andere. Ich kann das nicht so ganz in Worte fassen, aber ich fand Roberto Alamo furchtbar widerlich – und dann diese Aufmachung und wie er sich auf Vera stürzt. Das war alles sehr unangenehm anzuschauen.

Zumal entsprach „Die Haut, in der ich wohne“ bis zu diesem Augenblick auch noch nicht zu wirklich meinen Erwartungen von einem Thriller. Ja, Veras Schicksal war schon etwas merkwürdig und ja, Roberts Experimente waren nicht legal, aber immerhin ermordete er jetzt keine Frauen wie Buffalo Bill aus „Das Schweigen der Lämmer“ und nutzte deren Haut, um sich seine eigene Haut zu „basteln“. Nein, eigentlich war der Film alles andere als ein Thriller – selbst mit der Ankunft von Zeca, der einfach nur ein perfekter, ekliger Widerling war.

Doch Geduld zahlt sich im Fall von „Die Haut, in der ich wohne“ mehr als nur aus. Mit Zecas Auf- und vor allem seinem Abtreten tun sich die wahren Abgründe des Films erst wirklich auf. In einer äußersten spannenden Rückblende erfahren wir mehr von Roberts Vergangenheit – und damit dreht sich dieser Film gefühlt um 180 Grad. Ich will gar nichts verraten, aber wow… die Dinge, mit denen uns Almodovar konfrontiert, sind schon echt heftig. Ich hatte ja zwischenzeitlich selbst so einige Vermutungen, die jedoch auf unglaubliche Art und Weise zunichte gemacht wurden. Was „Die Haut, in der ich wohne“ abliefert, habe ich so nicht kommen gesehen. Der ganze Film wird dann wirklich ziemlich krank… faszinierend, aber krank. Ich bin sogar fast geneigt, mir den Roman zu besorgen auf dem dieser Film basiert. Aber nur „fast“… denn Almodovar hat mich eigentlich fürs erste auch genug schockiert. „Die Haut, in der ich wohne“ ist ein Film, den muss man auf jeden Fall erst einmal verdauen… hinterfragt man doch irgendwann vor allem Roberts Verhalten, das ich mir bis zum Schluss nie wirklich erklären konnte.

„Die Haut, in der ich wohne“ ist mal ein ganz anderer Thriller – einer, bei dem man sich eigentlich mehr und mehr fragt, wie verrückt jemand sein muss, um sich sowas auszudenken 😉

Wertung: 8 von 10 Punkten (fängt etwas trashig an und wird dann zu einem verrückten Mindfuck von einem Film)

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6 Kommentare leave one →
  1. 12. Juni 2017 14:46

    Ja, der hatte mich auch kalt erwischt und meine Gedanken dazu waren ähnlich.
    Letztendlich einer meiner Lieblings-Almodovars.

    • donpozuelo permalink*
      12. Juni 2017 16:30

      Wie gesagt, ist mein zweiter Almodovar. Aber schon echt verrückt. Kannst du noch was von ihm empfehlen?

      • 12. Juni 2017 16:33

        Ich mag Almodovar in der Regel überhaupt nicht, aber „Fliegende Liebende“ hat mich großartig unterhalten und ist voller herrlich geschmacklosem Humor.

        • donpozuelo permalink*
          13. Juni 2017 21:19

          Muss ich mir auf jeden Fall mal merken…

  2. 18. Juni 2017 17:50

    Oh ja … der Film ist wirklich mächtig speziell und schockierend. Am interessantesten fand ich die Schuldfrage. Man kann eigentlich niemand hier total anprangern. Außer vielleicht den Typ im Tigerkostüm. Alle handeln aus einer moralischen Überzeugung heraus, die man sogar bei ihrem Hintergrund verstehen kann. Auch wenns schlimm ist … hui.

    • donpozuelo permalink*
      18. Juni 2017 19:02

      Stimmt… die Schuldfrage ist wirklich sehr schwammig. Ich überlege ja immer noch, mir mal den Roman zu besorgen.

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