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Des Teufels Baby!

31. Mai 2017

Was ich an alten Klassikern so mag, ist tatsächlich die Erzählweise. Gerade bei alten Filmen merkt man immer noch sehr deutlich, wie sehr einige Regisseure Film wie Theater behandeln. Da gibt es lange Szenen, in denen es keinen einzigen Schnitt gibt. Da spürt man noch förmlich, wie die Darsteller wirklich agieren. Ich habe jetzt mal wieder seit Ewigkeiten „Rosemary’s Baby“ von Roman Polanski geschaut und da gibt es eine Szene, in der sich Mia Farrow und John Cassavetes unterhalten. Die Kamera bewegt sich dabei kein Stück, sie ist nur stiller Betrachter, die Arbeit liegt bei den beiden Darstellern davor. Und irgendwie kam mir genau bei dieser sehr langen Szene, in der gerade Mia Farrow einiges durchlebt, dieser Theater-Gedanke. Heutzutage wären selbst in dieser Szene Nahaufnahmen, Totalen, verspielte Kamera-Winkel und was nicht alles. Wenn ein Film heute so eine emotionale Dialogszene mal nicht schneidet (ich denke da vor allem an dich, „Me and Earl and The Dying Girl“), dann empfindet wir das schon als künstlerischen Kniff, während es da eine Zeit gab, da war das einfach so Gang und Gäbe.

Ich weiß, das klingt jetzt wieder ein bisschen so, als würde sich der alte Mann vor seinen Computer setzen und sich darüber beschweren, dass der moderne Film viel zu hektisch geworden ist. Aber vielleicht ist manipulativ eher das passende Wort. Filmemacher sind an einem Punkt angekommen, wo sie viel mehr noch durch Schnitt und andere technische Möglichkeiten unsere Empfindungen beeinflussen können. Bei Polanskis „Rosemary’s Baby“ sind da noch wirklich die Schauspieler gefragt.

„Rosemary’s Baby“ erzählt die Geschichte von Rosemary (Mia Farrow) und ihrem Mann Guy (John Cassavetes), ein erfolgloser Schauspieler, die in eine neue Wohnung einziehen – und das in einem Haus mit einer unheimlichen Geschichte. Kaum eingezogen trifft das junge Pärchen auch schon auf die Nachbarn – an vorderster Front ist da das alte Ehe-Paar Minnie (Ruth Gordon) und Roman (Sidney Blackmer), die sich mehr und mehr zu echten Nervensägen etablieren. Dann wird Rosemary schwanger – allerdings hat sie eine merkwürdige Vision von sich, wie sie von einem unheimlichen Wesen begattet wird, während Guy, Minnie, Roman und der Rest der Nachbarn zusehen. Für Rosemary steht fest, die Nachbarn gehören einem Kult an, doch hat sie niemanden, mit dem sie darüber reden kann.

Ich ohne Netflix und Co.

„Rosemary’s Baby“ ist immer noch ein großartiger Film – und vor allem ein großartiges Charakter-Drama. Das Bemerkenswerte ist für mich nach wie vor, wie wenig offensichtliche Schock-Momente Polanski braucht, um diesen Horror-Film dennoch so unheimlich erscheinen zu lassen. Gut, es gibt diese eine merkwürdige Vision, aber die ist – gerade heute betrachtet – fast schon ein bisschen amüsant anzusehen, wenn da das Monster auftaucht (das man zum Glück nie vollständig sieht). Vielmehr funktioniert der Film über den langsamen Zerfall von Mia Farrow, die von der naiv-glücklichen Hausfrau zu einem paranoiden Wrack wird… und nur wir als Zuschauer haben ein Gespür dafür, dass hier wirklich was im Argen liegt. So leiden wir dann gefühlt gleich doppelt so sehr mit der zarten Mia Farrow mit, die vor unseren Augen immer dünner, immer blasser, immer wahnsinniger zu werden scheint.

Gekonnt in den Wahnsinn getrieben wird sie dabei vor allem von einer umwerfend guten Ruth Gordon, die die perfekte nervige Nachbarin spielt… und irgendwie der perfekte „Bösewicht“. Es ist so ein bisschen wie mit Harry Potters Dolores Umbridge: Das Böse kann auch klein und rosa sein und einem trotzdem einen kalten Schauer über den Rücken fahren lassen. Und Ruth Gordon ist so super in diesem Film. Man will sie eigentlich auch gar nicht verurteilen, weil sie so nett ist – aufdringlich, aber nett. Man möchte das alles Rosemarys Paranoia zu schieben und einfach hoffen, dass die nette Dame von nebenan einfach nur das ist: die nette Dame von nebenan. Natürlich spielt da auch gut Sidney Blackmer als ihr Ehemann Roman mit rein, der Minnie ein bisschen ausgleicht. Sie sind unglaublich gut zusammen.

Schau mal, wer da klingelt…

Hier zeigt sich dann einfach auch in den Darstellern, wie gut Polanski diese unheimliche Atmosphäre aufbaut und immer weiter ausbaut. Er braucht dafür kein gruseliges Ambiente, bei ihm wird das schöne Zuhause zum absoluten Horror… und tatsächlich musste ich viel an „The Devil’s Advocat“ denken, bei dem mir komischerweise vorher nie aufgefallen war, wie sehr der sich doch an „Rosemary’s Baby“ vergreift – gerade die ganze Geschichte mit Charlize Therons Charakter.

Alles in allem ist „Rosemary’s Baby“ ein Klassiker des Horror-Films, der gekonnt zeigt, wie Horror ohne Blut und Gedärme bestens funktionieren kann. Vielleicht wirkt er heute etwas langatmig, aber von seiner Faszination hat dieses Horror-Drama nichts verloren.

Wertung: 10 von 10 Punkten (ich glaube, ich kann netten alten Omas nie wieder vertrauen 😉 )

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5 Kommentare leave one →
  1. 1. Juni 2017 07:37

    1. Das ausgezählte Geburtstdatum ist auch meines (wenn natürlich auch das Jahr nicht stimmt, aber gruselig fand ich’s) – AH!
    2. Du kannst doch NIEMANDEM!!! trauen
    3. Wenn es um ungeschnittene Dialoge geht, fällt mir „Hunger“ von Steve McQueen ein (Die Szene mit dem Priester)
    4. Rosemary’s Baby ist einer der besten Filme überhaupt, die einen zum Fürchten bringen
    5. Danke für die Erinnerung an diese filmische Glanzstück

    • donpozuelo permalink*
      1. Juni 2017 11:05

      1. Das ist sehr unheimlich.
      2. Stimmt. Habe ich ja schon durch Akte X gelernt.
      3. „Hunger“ muss ich unbedingt noch sehen.
      4. Stimmt.
      5. Gern geschehen.

  2. 1. Juni 2017 07:43

    Klassiker! Ein Grusel-Film ohne Blut und die Auflösung am Ende ist sehr wirkungsvoll

    • donpozuelo permalink*
      1. Juni 2017 11:06

      Das Ende fand ich damals schon krass und finde es heute noch extrem gut.

Trackbacks

  1. John Locke ist der Teufel (?) | Going To The Movies

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