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Gutmensch-Horror

5. Mai 2017

Wenn Horror-Filmen ein übermäßiger großer Hype vorausgeht, werde ich mittlerweile sehr, sehr skeptisch – was mich natürlich trotzdem nicht davon abhält, mir diese Filme anzuschauen, immer könnte ja am Hype was dran sein. Nur wurde ich bei den letzten beiden großen Hypes etwas enttäuscht: „It Follows“ fand ich zu gewissen Teilen verdammt gut – das 80er Jahre Flair war toll, die Horror-Momente waren auch verdammt effektiv, aber so insgesamt hat mich der Film nie so richtig von sich überzeugen können. Trotzdem ist es insgesamt ein guter Film gewesen. Wo der Hype meiner Meinung nach überhaupt nicht gerechtfertigt war, war „Don’t Breathe“. Dieser Film war furchtbar – und das leider nicht im guten Sinne. Das war so ein überhyptes Mistding von einem Film, das mich ja nicht zu einer Sekunde wirklich begeistern konnte. Tja, und jetzt steht der nächste Hype vor der Tür: „Get Out“

Chris (Daniel Kaluuya) ist seit fünf Monaten mit Rose (Allison Williams) zuammen – es wird also Zeit, dass Chris die Eltern kennenlernt. Problem ist nur, dass Rose ihren Eltern nicht gesagt hat, dass Chris schwarz ist. Dementsprechend hat der natürlich einige Bedenken, die Südstaaten-Eltern zu treffen. Doch die Eltern Missy (Catherine Keener) und Dean (Bradley Whitford) sind wider Erwarten sehr nett, er hätte sogar ein drittes Mal Obama gewählt, wenn er gekonnt hätte. Es scheint alles so, als ob Chris falsch gelegen hätte. Doch ziemlich schnell muss er erkennen, dass hier auf dem Land doch irgendwas nicht wirklich stimmt.

Er hat zu viele Zwiebeln geschält…

Mein Hype-Fluch wurde endlich gebrochen. Aller guten Dinge sind halt wohl doch drei! „Get Out“ ist ein wirklich unterhaltsamer Streifen, der perfekt diesen Gutmensch-Horror einfängt. Regie-Debütant Jordan Peele geht mit sehr viel Ironie auf eine Thematik ein, die heute präsenter denn je ist. Die vermeintlichen Gutmenschen als Horror-Objekt, die meinen, sie würden etwas Gutes tun, in dem sie durch ihr vermeintlich Gutes, das Objekt ihrer Güte dennoch reduzieren – auf etwas, dem sie helfen müssten, auf etwas, das dankbar sein müsste, darüber, dass sie (die Gutmenschen) ja so furchtbar nett zu ihrem „Objekt der Güte“ sind. Und schon lange war das süffisant bösartiger und ironisch schmerzhafter dargestellt als in „Get Out“.

Es gibt eine Szene, in der Gäste der Familie (alles wohlhabende Weiße, meist auch ältere Leute) Chris für sein Schwarz-Sein loben und ihm sonst was erzählen. Das ist eine der besten Szenen im ganzen Film, denn Peele vermischt hier wahrscheinlich so ziemlich alle Floskeln, die er selbst als Afroamerikaner schon an den Kopf geworfen bekommen hat. Gleichzeitig wirkt diese Szene einfach auch so, als wären diese Gutmenschen alle gleichzeitig durch irgendeine Art Gehirnwäsche gegangen: das nette Lächeln, die Offenherzigkeit, all das wirkt fremd, falsch, egal, wie sehr man sich wünschen würde, es stimmte alles.

Doch dafür baut Peele einfach von Anfang an eine extrem unheimliche Stimmung auf. Mit seiner Ankunft im Haus der Eltern seiner Freundin spürt Chris (und auch wir Zuschauer), dass hier etwas nicht stimmt. Und was „Get Out“ dabei wirklich großartig macht, ist die Tatsache, dass Peele diese Atmosphäre des Unbehagens auch die ganze Zeit aufrecht erhalten kann. Es schwingt einfach immer irgendwas mit, es ist etwas, das man nicht wirklich greifen kann, aber es ist da, lauert im Verborgenen und wartet nur darauf, dass wir unachtsam werden. „Get Out“ schafft all das ohne billige Jump-Scares oder andere blöde Tricks der Branche. Und das macht diesen Film wirklich zu einem Erlebnis.

Dazu kommt noch ein großartiger Hauptdarsteller mit Daniel Kaluuya, den einige vielleicht aus der zweiten Folge der ersten Staffel „Black Mirror“ kennen dürften. Man fiebert wirklich mit ihm mit, man ist genau so verwirrt und irritiert von dieser ganzen Situation wie er. Kaluuya spielt einfach verdammt gut, hat aber auch in Catherine Keener und Bradley Whitford zwei tolle „Gegner“, die diesem unscheinbaren Horror ein viel zu freundliches Gesicht verleihen, sodass man nie weiß, ob sie nun involviert sind oder nicht. Ein bisschen verliebt habe ich mich in die charmante Allison Williams und heimlicher Star des Films ist Lil Rel Howery als Chris‘ bester Freund, der ab und an per Telefon dazugeschaltet wird und der die wildesten Theorien verbreitet, was Chris als passieren könnte.

Einziger kleiner Wermutstropfen für mich war dann tatsächlich das Ende. Hier wurde es mir dann ein bisschen zu abgedreht und merkwürdig – auch wenn es von der Story her gepasst hat, war es irgendwie zu krass. Aber wie gesagt, das war mein Empfinden. Trotzdem ist „Get Out“ sehr zu empfehlen… endlich mal wieder ein Horror-Film, der wirklich Angst erzeugt.

Wertung: 8 von 10 Punkten (Hype ist gerechtfertigt)

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8 Kommentare leave one →
  1. 5. Mai 2017 11:27

    „Don’t Breathe“ > „Get Out“

    • donpozuelo permalink*
      5. Mai 2017 11:32

      Nicht wirklich. Mit „Don’t Breathe“ konnte ich gar nichts anfangen. Der war für mich richtiger Filmschrott 😉 Da finde ich „Get Out“ sehr viel besser.

      • 5. Mai 2017 11:45

        „Get Out“ ist auch gut. In der ersten Hälfte. Und dann zerstört er sich selbst durch selbst für einen Horrorfilm unfassbar langweilige Vorhersehbarkeit und Überraschungsarmut. „Dont Breathe“ weiß immerhin von der ersten Sekunde an, was er ist und spielt eben mit diesen Klischees. „Get Out“ hat eine super Idee, baut die gut auf und dann … nix. Mal wieder ein hervorragendes Beispiel für lahmes Horroreinmaleins obwohl viel mehr drin gewesen wäre, wenn man mal die Eier hätte, sich vom Status Quo zu entfernen.

        • donpozuelo permalink*
          5. Mai 2017 11:47

          Das Ende fand ich tatsächlich auch nicht so gut. Aber so und noch viel schlimmer fand ich „Don’t Breathe“.

        • 5. Mai 2017 11:51

          Geschmackssache. Ich habe lieber einen Film, der weiß, was er ist und dies gut nutzt, als einen Film, der eine starke Idee nach der Hälfte komplett in den Sand setzt. Get Out ist sicher nicht schlecht, aber dem Hype wird der nicht im geringsten gerecht. Dafür ist er einfach dann doch wieder zu sehr Fließbandprodukt. Was mir eigentlich beim Hype auch schon hätte klar sein sollen.

  2. 18. Mai 2017 08:14

    Mensch, klasse, dass der Hype-Fluch gebrochen wurde 😉 Bei It Follows ging es mir ähnlich. Ich mochte die Metapher und die Tragweite der Handlung, auch das Retro-Feeling und die seltsamen Momente, wenn das Ding näher kam etc. Aber gegen Ende hat es für mich irgendwie abgenommen. V.A. wie sie versucht haben es in der SChwimmhalle zu bekämpfen fand ich regelrecht dämlich.
    Mensch … Black Mirrors, na klar … daher kenne ich den! Danke fürs erinnern.

    • donpozuelo permalink*
      18. Mai 2017 09:27

      Gerne, gerne… ging mir während des Films aber auch die ganze Zeit so.

      Und ja, „It Follows“ hatte viele gute Momente, aber auch viele sehr merkwürdige… gerade die Schwimmhallen-Szene gehört da auf jeden Fall dazu.

Trackbacks

  1. Kritik: Get Out – filmexe

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