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Cyberpunk remastered

3. April 2017

Das erste Mal habe ich „Ghost in the Shell“ auf einer Klassenfahrt im Bus gesehen, auf dem kleinsten Bus-Fernseher der Welt und mit lauten Menschen um mich herum, so dass ich von der Story eigentlich nicht wirklich viel mitbekam. Und dennoch hinterließ der Anime einen sehr bleibenden Eindruck, sah diese Welt und die Charaktere, die sich in ihr bewegten, einfach nur großartig aus. Irgendwann, Jahre später, bin ich dann noch einmal zu dem Film gekommen und konnte ihn endlich in Ruhe schauen, um mich dann auch davon zu überzeugen, dass der Film nicht nur eine tolle Optik hat, sondern auch eine interessante Geschichte darüber, ob eine künstliche Intelligenz eine Seele haben kann und was es überhaupt bedeutet, ein Mensch zu sein, wenn man sein Mensch-Sein durch Technik „verbessern“ kann. Als es dann hieß, eine Live-Action-Version davon kommt ins Kino, war ich erst einmal skeptisch. Nicht weil, Scarlett Johansson die Hauptrolle spielen sollte (oder wegen irgendeinem dieser anderen White-Washing-Argumente), sondern tatsächlich viel mehr wegen Regisseur Rupert Sanders, immerhin war sein „Snow White and the Huntsman“ auch nur sschön anzuschauen, aber ohne eine nennenswert spannende Geschichte. Da hatte ich schon arge Bedenken, ob er das in „Ghost in the Shell“ besser machen würde.

In der nahen Zukunft lässt sich so ziemlich jeder körperlich durch Technik verbessern. Hanka Robotics ist dabei der größte Entwickler, wenn es um diese Cyborg-Zusätze geht. Ihr größter Erfolg ist bisher Major aus der Anti-Terror-Einheit von Sektion 9. Major (Scarlett Johansson) wurde einst Opfer eines Terror-Angriffs. Dank Dr. Ouelet (Juliette Binoche) konnte ihr Gehirn in einen Cyborg-Körper verpflanzt werden. Seitdem arbeitet sie unter Chief Aramaki (Takeshi Kitano) in der Anti-Terror-Einheit. Ihr neuer Einsatz schickt sie und ihren Partner Batou (Pilou Asbaek) auf die Jagd nach einem Terroristen, der Hanka-Entwickler und Professoren ermordet.

Black Widow macht Urlaub

Ich habe extra vor dem Gang ins Kino noch einmal das Original geschaut… und es ist schon beeindruckend, wie gut Mamoru Oshii diese Cyber-Punk-Welt eingefangen hat. Teilweise schweift die Kamera Minutenlang einfach nur über die Stadt, dazu der surreale Soundtrack von Kenji Kawai und man ist sofort wie gefangen von diesem Moloch, den Major ihr Zuhause nennt. Der Anime selbst beeindruckt nicht einmal wegen seiner Story, denn letztendlich wird die so Häppchenweise serviert, der ganze Film wirkt ein bisschen abgehackt: Story, schöne Bilder und Action, immer im Wechsel. Und dennoch gelingt es Oshii daraus, einen nachhaltig beeindruckenden Film zu machen.

Rupert Sanders stößt da einmal mehr an seine Grenzen. Nach diesem Film bin ich echt der Meinung, Sanders sollte immer mit einem zweiten Regisseur zusammenarbeiten. Dabei ist der dann für die Story zuständig und Sanders für die Optik. Denn optisch ist auch die Real-Verfilmung ein absoluter Hingucker. Man merkt, dass sich Sanders wirklich von dem Original und auch ein bisschen von der „Stand Alone Complex“-Serie inspirieren ließ. Man erkennt sofort die ikonischen Bilder aus dem Anime und freut sich irgendwie auch darauf. Wenn er sie weggelassen hätte, wäre man wahrscheinlich einfach zu sehr enttäuscht gewesen. Wenn er zu viel davon genommen hätte, hätte man wieder nörgeln können. Doch ich finde, dass Sanders, was das angeht, eine gute Balance findet – auch wenn seine Kopien immer noch besser sind als das, was er sich selbst dazu gedichtet hat.

Auch die Action orientiert sich größtenteils an dem Original, sieht aber auch phänomenal gut aus. Allerdings hätte ich auf die ein oder andere Zeitlupe verzichten können. Aber Sanders schwelgt offenbar zu gern in seinen eigenen Bildern. Was sein gutes Recht ist, denn – wie gesagt – Bilder liefern, kann der Mann. Obwohl ich es ihm schon ein bisschen übel nehme, wie sehr er den finalen Kampf dann allein schon vom Setting her verändert hat.

Das größte Problem an diesem „Ghost in the Shell“ ist die Story. Sanders hat neben dem Anime wohl auch einmal zu viel „RoboCop“ geguckt und konzentriert sich wesentlich mehr auf Majors Suche nach ihrer eigenen Vergangenheit, was dann irgendwie mit ihrem aktuellen Fall in Verbindung gebracht wird. Dadurch darf dann Scarlett Johansson auch zwischendurch (und leider viel zu offensichtlich) die Frage stellen, wie viel Mensch sie denn jetzt noch ist. Das war viel zu plakativ, viel zu sehr nach dem Motto „Ich muss es jetzt so gestalten, damit auch jeder Zuschauer die Frage mitbekommt“. Ganz ehrlich, da hätte ich mir echt mehr erhofft – zumal man ja die Story wirklich aus dem Original oder eine aus der Serie hätte nehmen können. Deswegen braucht Sanders einfach einen zweiten Regisseur, der ihm Charakter-Entwicklung und Geschichte abnimmt.

Den Hulk hat sie schon vergessen…

Was ich aber auch noch positiv erwähnen muss, sind die Darsteller. Scarlett Johansson passt wirklich gut in die Rolle, obwohl ich (gerade bei einem der Flur-Kämpfe) ein absolutes Black-Widow-Déjà-vu hatte (aber das war bestimmt nur ein Fehler in der Matrix). Tatsächlich am besten gefallen hat mir aber Pilou Asbaek als Majors Partner Batou, der hat wirklich perfekt gepasst. Takeshi Kitano war halt einfach mal wieder Takeshi Kitano. Der Mann muss nur still in der Ecke sitzen und ist schon großartig.

 

Alles in allem hat mir das Remake dann doch recht gut gefallen, auch wenn es keineswegs fehlerfrei ist. Natürlich werden Fans bei so einem Klassiker immer irgendwas zu meckern haben und das ist auch hier der Fall, aber wenn man das mal beiseite legen kann, ist ein durchaus unterhaltsamer Film entstanden – der natürlich nicht hätte sein müssen, aber scheinbar bekommt man eine neue Generation nur so dazu, alte Klassiker wieder zu entdecken.

Wertung: 7 von 10 Punkten (Cyberpunk wurde gekonnt remastered, mehr oder weniger)

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11 Kommentare leave one →
  1. 3. April 2017 14:48

    Ich hatte schon einen Verriss erwartet, aber nun bin ich beruhigt 🙂

    • donpozuelo permalink*
      3. April 2017 14:53

      Hahaha… warum denn? Nein. Alles gut. Kann man sich echt angucken.

      • 3. April 2017 14:56

        Weil Du so ein Fanboy bist und bei Comicverfilmungen so kritisch :))

        • donpozuelo permalink*
          3. April 2017 15:20

          Ja… okay. Ich gestehe, ich hatte von mir selbst einen Verriss erwartet, aber zum Glück kam es nicht dazu 😉

  2. 3. April 2017 17:27

    Bei mir wird der wohl nicht so gut wegkommen. Die starken Szenen, wie du auch schreibst, entstammen dem Original und richtig enttäuscht war ich von den Figuren und der Story. Scarlett Johannsson zeigt hier auch keine Glanzleistung mit dem immer und ewig gleichem Gesichtsausdruck. Zwischendurch musste ich sogar einmal laut auflachen, als Batou in Zeitlupe seine Waffe bereit macht und um sich schießt. Spätestens da war er verloren.

    • donpozuelo permalink*
      3. April 2017 17:37

      Hmm… schade. Ich mochte gerade Batou echt gern. Johansson fand ich gut. Den ewiggleichen Gesichtsausdruck hatte Major im Original ja auch 😉

      Die Story ist wirklich eher schwach, den Rest fand ich sonst soweit okay.

      • 3. April 2017 17:44

        Ja, ich weiß. Und ihr wurde ja auch nicht viel „Ghost“ zugestanden, von daher sogar nachvollziehbar. Mir hätte aber genau deshalb eine Änderung nach hinten hin sehr gefallen. Eine Schauspielerin, die es nur mit ihrer Stimme vermag, einen ganzen Film („Her“) für sich einzunehmen, so einseitig zu sehen schmerzt schon etwas. Batou an sich mochte ich auch gern, nur zwischendurch waren da mal ein bis zwei Zeitlupen, die im Pathos schwammen.

        • donpozuelo permalink*
          4. April 2017 08:43

          Dein Johansson-Problem hat eine einfache Lösung: Man hätte halt einfach einen Regisseur gebraucht, der seine Darsteller führen kann. Sanders kann halt schöne Bild, aber Schauspieler inspirieren, geht scheinbar über seine Fähigkeiten hinaus.

  3. 8. April 2017 12:49

    Bei der Flur-Kampfszene war ich auch in Gedanken bei Black Widow…

    • donpozuelo permalink*
      9. April 2017 20:23

      Sehr gut, dann war ich also nicht der einzige 😉

Trackbacks

  1. Animes in Hollywood sind immernoch eine schlechte Idee. Kritik – Ghost in the Shell – filmexe

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