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Random Sunday #6: The Teleportation Accident

19. März 2017

Ich bin ein begeisterter Leser von Listen! Vor allem Listen zum Thema „Bücher, die man gelesen haben muss“ oder „Bücher, von denen du noch nie was gehört hast, die du aber unbedingt lesen musst!“. So zwei-, dreimal pro Jahr überkommt mich die Lust nach solchen Listen und ich verbringe dann ein wenig Zeit damit, solche Listen nach neuem Lesestoff zu durchforsten und meine Amazon-Wunschliste mit zig neuen Titeln aufzufrischen. Dadurch wird meine Liste immer länger und länger und ich weiß bei vielen Titeln schon gar nicht mehr, warum ich sie drauf habe. Ich weiß nur, dass sie mich irgendwann mal interessiert haben. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich mir dann mal ein Buch rausgepickt, dass vor Ewigkeiten auf meiner Liste landete und mittlerweile ziemlich weit unten stand… aber allein der Name und die Prämisse zeigten mir dann wieder, warum ich es ursprünglich aufgenommen hatte: „The Teleportation Accident“ von Ned Beauman.

Wir befinden uns in den 30er Jahren, mitten in Berlin. Der Theater-Setdesigner Egon Loeser ist von zwei Dingen besessen: zum einem wäre da der venezianische Theaterbauer Lavinci, der irgendwann im 17. Jahrhundert einen Apparat baute, der Teleportation für ein Theaterstück möglich machen sollte. Leider ging das Ganze nach hinten los, die Maschine zerstörte bei der Premiere das ganze Theater und Lavinci. Zum anderen wäre da die junge Adele Hitler (nicht mit Adolf verwandt), die Egon unbedingt ins Bett kriegen möchte. Doch vor ihm ist gefühlt halb Berlin dran. Da Adele seine größere Obsession wird, folgt er ihr erst nach Paris, dann nach L.A., wo ihn dann auch wieder das Thema der Teleportation einholt. Denn ein Professor steht hier kurz vor einem Durchbruch…

„The Teleportation Accident“ ist ein umwerfendes Buch, ein Buch, das ich nicht mehr aus der Hand legen konnte, weil es mich einfach so unglaublich fasziniert hat. Allein die Tatsache, dass unser Protagonist einfach nur aus seinen niederen Trieben heraus agiert und es ihm die ganze Zeit nur um Sex geht, ist schon recht außergewöhnlich. Dazu muss man aber auch sagen, dass Ned Beaumans Egon Loeser ein sehr merkwürdiger Mensch ist, von dem man nie so ganz weiß, ob man ihn nun sympathisch finden soll oder nicht. Und meistens tendierte ich eher zu „nicht“: Er ist ein egoistischer Mensch, ein neiderfüllter Mensch, ein ignoranter Mensch, der sich um die Geschehnisse um sich herum nicht schert. Daraus ergründet aber auch eine gewisse Faszination: Wie kann ein Mensch so stur-blind durchs Leben gehen? Wie kann ein Mensch im Berlin der 30er Jahre den Aufstieg der Nazis „versäumen“? Wie kann ein Mensch einer Bücherverbrennung beiwohnen und denken, es wäre ein Kunst-Projekt (und dann macht er auch noch fröhlich mit, weil er all die verhassten – weil erfolgreicher als er – Autoren ins Feuer werfen darf)? Egon Loeser ist ein ungewöhnlicher „Held“ für diese Geschichte, die aber zum Glück selbst einfach ungewöhnlich ist.

Ned Beauman spielt mit so ziemlich jedem Genre, das er finden kann – und das verdammt gut. Die Berliner-Jahre sind Historien-Drama, ein Blick auf die Gesellschaft kurz vor dem Zusammenbrechen. Die L.A.-Jahre sind eine Mischung aus Pulp Fiction, Krimi-Roman, Verschwörungsroman. Gewürzt mit einer Prise Spionage und einer äußerst interessanten Faszination für den Autoren H.P. Lovecraft. Beauman schafft es immer wieder, ein bisschen Fantastisches in diesen Roman einfließen zu lassen – so glaubt die Regierun zum Beispiel, dass die Werke von Lovecraft echt sind. Nur zwei Seiten später hinterfragt man das Ganze schon wieder. „The Teleportation Accident“ spielt unglaublich gut mit unseren Erwartungen und mit den Genres. Man kann einfach nicht aufhören zu lesen, einfach nur, weil man wissen will, was dann nun stimmt und was nicht.

Dazu hat dieser Roman einfach mal das großartigste Ende, das ich bislang gelesen habe. Was einfach mal zeigt, dass „The Teleportation Accident“ bis zum letzten Wort zu überraschen vermag. Ned Beauman gehört auf jeden Fall für mich jetzt zu den Autoren, die ich im Auge behalte. Wer also mal wieder etwas sehr Frisches, Aufregendes und Unerwartetes lesen möchte, dem kann ich „The Teleportation Accident“ wirklich nur wärmstens empfehlen. Von Liebe, Leid, Spionage, Betrug, über Verschwörungen, wahre Geschichte, erfundene Geschichte bis hin zu Science-Fiction und Fantasy ist wirklich alles in einem so guten Mix dabei!

Übrigens, der deutsche Titel zu „The Teleportation Accident“ ist ein klein wenig klobiger und unaussprechlicher als irgendwas sonst: „Egon Loesers erstaunlicher Mechanismus zur beinahe augenblicklichen Beförderung eines Menschen von Ort zu Ort“. Wer auf die intelligente Idee gekommen ist, aus dem Original-Titel so ein Monster von einem Titel zu machen, gehört eingesperrt.

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4 Kommentare leave one →
  1. 19. März 2017 13:39

    Oh ja Listen liebe ich auch und Ned Beaumans wunderbaren Roman ebenfalls. Der ist wirklich empfehlenswert 🙂

    • donpozuelo permalink*
      19. März 2017 14:14

      Kannst du von Beauman noch was empfehlen?

      • 19. März 2017 14:27

        Habe bislang nur den Teleportation Accident gelesen, Boxer / Beetle klang aber auch interessant und liegt noch auf meiner Wunschliste.

        • donpozuelo permalink*
          19. März 2017 15:41

          Okay. Ja, ich werde ihn auf jeden Fall weiter verfolgen.

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