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Das Biest kommt!

30. Januar 2017

Multiple Persönlichkeitsstörung ist in der Psychologie ein kontrovers diskutiertes Thema (wie ich jetzt dank M. Night Shyamalan gelernt habe). Diejenigen, die sich für eine stärkere Anerkennung dieses Krankheitsbildes aussprechen, führen äußerst interessante Fallstudien zutage (was ich jetzt auch dank M. Night Shyamalan weiß). Da hat eine Persönlichkeit dann Diabetes und muss sich Insulin spritzen, während das die anderen gar nicht betrifft. Da könnte eine Persönlichkeit ein Schwergewichtsmeister sein und dreihundert Kilogramm ohne Probleme stemmen können, während die anderen Persönlichkeiten das nicht könnten. Da wird sogar von Blindheit gesprochen, die bei anderen Persönlichkeiten des Patienten nicht besteht. Sprich: Das Gehirn ist in der Lage, Dinge zu erschaffen, die scheinbar unmöglich sind. Ist so eine multiple Persönlichkeitsstörung also der Schlüssel zur nächsten Stufe der menschlichen Evolution? Kann unser Gehirn uns zu mehr machen?

Dieser Frage geht M. Night Shyamalan in seinem neuesten Film nach: „Split“. Kevin (James MacAvoy) entführt drei junge Mädchen, darunter auch Casey (Anya Taylor-Joy). Im Verlauf ihrer Gefangenschaft lernen die Mädchen, dass Kevin verschiedene Persönlichkeiten hat – darunter ein kleiner Junge, ein zwanghafter Reinigungsfanatiker, eine strenge Dame und ein Mode-Designer. Warum sie entführt wurde, erfahren die Mädchen dann auch: Sie sollen als Opfer für das Biest dienen… In einer Nebenhandlung lernen wir dann Kevins Psychiaterin Dr. Fletcher (Betty Buckley) kennen, die uns mehr mit dem Phänomen der multiplen Persönlichkeitsstörung vertraut macht und uns (und ihren Kollegen) klar machen möchte, dass hier dieser bereits angesprochene Evolutionssprung deutlich wird.

Auf diesem Bild sind über 20 Persönlichkeiten…

Naja, „Split“ also. Ich hätte ja wirklich nicht gedacht, dass ich einem M. Night Shyamalan noch einmal eine Chance geben würde. Immerhin ist es schon eine Weile her, dass ich dem Mann vertraut habe – wer so brutal mit dem Herrn der Elemente umgeht, verdient eigentlich kein Vertrauen mehr. Was mich tatsächlich eher gereizt hat, war mal wieder Produzent Jason Blum, der ja schon so einige kleine Horror-Perlen produziert hat – und auch ein paar Nieten. „Split“ siedelt sich irgendwo dazwischen an. Denn der Film hat viele kleine und zwei sehr große Probleme und ist trotzdem auf seine Art und Weise unterhaltsam und tatsächlich mal wieder was von M. Night Shyamalan, wo man mal einen kleinen Blick riskieren kann.

Fangen wir vielleicht mit dem größten Problem an: dem typischen Shyamalan-Twist-Ende, auf dem ja gefühlt alle seine Filme basieren. Leider hat er sich da mit „Split“ etwas verkalkuliert. Da wird diese Entführungsgeschichte aufgebaut und dann auf sehr, sehr merkwürdige Weise zu Ende gedacht. Ich will jetzt hier nichts verraten, aber nach einem schon recht soliden Aufbau der Geschichte hat mich das Ende ziemlich enttäuscht und unbefriedigt zurückgelassen. Es wirkt einfach so unfertig. Und als wenn das nicht genug wäre, knallt Shyamalan NOCH einen zweiten Twist ans Ende, der so komplett zusammenhangslos wirkt. Es gibt eine letzte Szene, die wirkt wie jede Marvel-Post-Credit-Szene. Sie wirkt wie „Oh, ich hätte da noch eine coole Idee, lass uns das mal noch nachdrehen und ans Ende packen!“ Das Interessante daran ist, dass man diese Szene nur versteht, wenn man sich so einigermaßen mit Shyamalans früheren Filmen auskennt. Ich hatte zwei Kollegen neben mir im Kino, denen ich das Ganze erst einmal erklären musste… und selbst dann waren sie nicht besonders begeistert. Es ist zwar eine interessante Idee, die „Split“ mit einem alten Shyamalan-Film verbindet, eine Idee, die tatsächlich kurz neugierig macht, auf das, was da noch kommen könnte. Nur die Art und Weise passte halt so gar nicht zum Film.

So, jetzt habe ich viel über das Ende gequatscht, aber zum Glück besteht „Split“ nicht nur aus dem Ende. Allerdings ist die Geschichte, die zum Ende führt, auch nicht immer so packend, wie sie hätte sein können. Es gibt aber letztendlich doch einen Grund, warum man „Split“ auch ein wenig loben muss… nur hat dieser Grund nur wenig mit Shyamalan oder seinem Geschichten-Erzählen zu tun. Das Lob gilt einzig und allein dem wirklich großartigen James McAvoy. Er hat ja schon in furchtbaren Filmen wie „Victor Frankenstein“ gezeigt, dass er selbst in einem miesen Film wunderbar schauspielern kann. Jetzt ist „Split“ kein furchtbar mieser Film, aber auch kein wirklich guter. Und trotzdem ist er allein wegen McAvoy sehenswert. Denn McAvoy ist großartig, aber das hatte ich ja schon erwähnt. Die verschiedenen Persönlichkeiten, die er spielt, sind interessant, geheimnisvoll, irritierend und faszinierend zugleich. Und jede von ihnen hat ihren ganz eigenen Charakter, die McAvoy allesamt wunderbar ausgearbeitet hat. Es macht unheimlich viel Spaß, ihm zu zusehen. Man ist gespannt, was wohl als nächstes kommt und man entwickelt seine Favoriten, nur um von denen dann auch hinters Licht geführt zu werden. Anya Taylor-Joy, die ich bislang nur aus „The Witch“ kenne, war als Emo-Kid ganz okay, aber auch nicht so berauschend… und ihre beiden Co-Darstellerinnen sind nur Beiwerk, das man ziemlich schnell vernachlässigt.

Insgesamt ist „Split“ ein etwas unausgegorener Shyamalan, aber dank McAvoy einer, den man sich durchaus mal anschauen kann. Bleibt nur die Frage, warum es unbedingt 23 Persönlichkeiten sein mussten, wenn wir am Ende doch nur eine Handvoll davon zu sehen bekommen?

Wertung: 6 von 10 Punkten (McAvoy stellt sie alle in den Schatten, selbst die merkwürdige Geschichte)

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6 Kommentare leave one →
  1. 30. Januar 2017 07:25

    Evtl. SPOILER für alle, die Split noch nicht gesehen haben

    Würdest du das Ende wirklich als Twist bezeichnen?
    Immerhin spricht der Film in den ersten 25 Minuten von der Verwandlung und dass die drei Mädels zur Opferung entführt wurde. Wir sehen sogar ein gezeichnetes Bild der 24. Persönlicheit. Ganz abgesehen davon, dass auch der Trailer und die Poster aus diesem Ende die Spannung ziehen. Genau das ist die Bedrohung, mit der der Film die gesamte Zeit spielt. Als Zuschauer fragt man sich vll. ob das Monster nun wirklich exisitiert oder nicht, weil wir in unserer Welt nicht an das Übersinnliche glauben. Im Filmuniversum wird daraus aber kein Hehl gemacht und mit offenen Karten gespielt. Genau darum geht es auch in den Ausführungen der Psychiaterin, wenn sie erzählt, dass der Mensch eine neue Evolutionsstufe erreicht hat, etc. Darüberhinaus sehen wir in zahlreichen Rückblenden, dass die beiden eine Gemeinsamkeit haben und sie (wahrscheinlich) deswegen überleben wird. Auch hier hofft man vielleicht, dass der Film einen anders überraschen wird, aber im Endeffekt läuft Split schnurrstracks eine gerade Linie entlang und verschleiert das noch nichtmal.
    Über die allerletzte Szene lässt sich diskutieren, aber im Endeffekt ändert diese nichts am zuvor gesehenen Film, weswegen ich auch das nicht als Twist betiteln würde, sondern nur als Überraschung. Aber je nach Definition ließe ich mich im Gegensazt zum eigentlichen Ende an dieser Stelle darauf ein. Denn die Sache mit dem Monster ist alles, aber nur kein Twist. Wenn sich alles im Kopf des mädels abgespielt hätte, um den Missbrauch zu verarbeiten und sie in Wirklichkeit die 23 Persönlichkeiten gehabt hätte, das wäre ein Twist gewesen, aber nicht das Monster, von dem fast von Anfang an erzählt wird.

    • donpozuelo permalink*
      30. Januar 2017 07:31

      Okay. Vielleicht ist Twist das falsche Wort. Ich wollte damit auch nicht auf das Biest an sich anspielen, sondern auf sie und die Art und Weise, wie und warum sie überlebt. Ja, da wurde drauf hingearbeitet, aber dieser Moment, wenn sie sich ihm quasi unbewusst offenbart, fand ich schon extrem merkwürdig. Wie gesagt, ich hätte mir da ein bisschen mehr Finesse gewünscht… das wirkte auf mich recht plump.

      Die letzte Szene würde ich dann schon als Twist bezeichnen, bekommt der Film dadurch doch noch einmal eine ganze andere Bedeutung.

  2. 31. Januar 2017 21:34

    23 weil, ist doch diese mystische Zahl und so… 😉

    • donpozuelo permalink*
      31. Januar 2017 23:12

      In der alten Illuminaten-Tradition habe ich das noch gar nicht betrachtet 😉

Trackbacks

  1. Kritik: Split – filmexe

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