Skip to content

Verführende Betrügerin

9. Januar 2017

Park Chan-wook gehört für mich zu den Regisseuren, denen ich blind vertraue. Wer am Stück bislang nur großartige Filme abgeliefert hat, der verdient ein solches Vorvertrauen. Außerdem sind ja jetzt nach seinem letzten Film „Stoker“ auch schon drei Jahre vergangen, da interessiert man sich natürlich doppelt und dreifach dafür, was der Mann, der uns „Oldboy“ und Co. beschert hat, als nächstes bringt. Und wie gesagt, da Park Chan-wook allein schon reicht, wusste ich so gut wie gar nicht, was mich bei „The Handmaiden“ erwartet (der deutsche Titel „Die Taschendiebin“ ergibt sich wohl daher, dass es schon einen koreanischen Film mit dem deutschen Titel „Das Hausmädchen“ gibt).

Im Korea der 1930er Jahre wird die junge Sookee (Kim Tae-ri) die persönliche Dienerin von Fräulein Hideko (Kim Min-hee), die mit ihrem Onkel auf einem abgeschiedenen Anwesen seit ihrer Kindheit lebt. Doch Sookee ist nicht nur als Dienerin auf dem Anwesen. Gemeinsam mit dem Graf Fujiwara (Ha Jung-woo), ein Heiratsschwindler, will sie an das Geld der Dame Hideko. Anfangs läuft auch alles noch nach Plan, doch dann entwickelt Sookee Gefühle für die Dame des Hauses…

Lady Taschendiebin

Jetzt sind wir von Park Chan-wook vor allem knallharte Rachefilme gewohnt, so ein Kostümdrama wie „The Handmaiden“ ist da mal was ganz anderes, was ganz Neues. Und mit „The Handmaiden“ könnte es vielen wahrscheinlich ähnlich gehen wie mit „I’m A Cyborg But That’s Okay“: Es sind beides eher ungewohntere Filme, weil sie eben mal nicht nur auf Gewalt und Rache aus sind. Es sind beides Filme, bei denen sich Park Chan-wook auf für ihn ungewöhnliches Terrain stürzt und einfach mal etwas anderes ausprobiert. Gerade deswegen mag ich beide Filme, denn immer nur das Ewig-Gleiche von einem Regisseur zu sehen, wird auf Dauer langweilig. Aber man muss sich halt darauf einlassen können…

Macht man das, erwartet einen ein unheimlich vielschichtiger und interessanter Film voller merkwürdiger Charaktere, spannenden Wendungen und einem zugegebenermaßen etwas gewöhnungsbedürftigen Humor. Und das ist etwas, das ich gleich zu Beginn loswerden muss: Der Humor von „The Handmaiden“ war manchmal einfach echt merkwürdig, weil er an bestimmten Stellen einfach irgendwie unpassend war und den sonst sehr ernsten Film so gezwungen auflockern wollte. Vielleicht liegt das auch nur an der deutschen Synchronisation, aber es war manchmal echt komisch – als wenn der Film so zwischenzeitlich einen Aussetzer hätte und versucht, die Geschichte als lockere Betrüger-Komödie zu sehen. Das ist wirklich so ein Kritik-Punkt, den ich mit „The Handmaiden“ habe, aber gut… der Rest war überzeugend genug, das ich mich damit nicht zu lange auseinander setzen, aber es doch kurz einmal erwähnt haben möchte.

Aufgeteilt in drei Teile erzählt Park Chan-wook die Geschichte dieser Betrügerei, die in jedem Teil eine neue und vor allem interessante Wendung nimmt. Mit jedem neuen Teil kommt ein kleiner Perspektivenwechsel, der uns bekannte Szenen noch einmal vorführt, nur um sie in ein ganz anderes Bild zu stellen. Die Geschichte geht so immer wieder geschickt neue Wege und baut ein herrlich intrigantes Netz aus Lügen und Betrügereien auf. Jetzt ist davon nichts so unglaublich und so unvorhersehbar wie man es vielleicht von anderen Werken von Park Chan-wook gewohnt ist, aber das muss ja auch nicht immer so sein. Hauptsache, die Geschichte bleibt spannend und das ist in „The Handmaiden“ absolut der Fall – auch wenn man einiges halt vorhersehen kann.

Dazu ist „The Handmaiden“ auch noch belebt durch enorm starke Charaktere, die alle allein dadurch extrem interessant sind, dass man nie wirklich alles über sie weiß. Park Chan-wook lässt uns über viele kleine Details lange im Dunkeln. Jeder hat in diesem Anwesen seine dunklen Geheimnisse… allen voran Hidekos alter Onkel, der eine merkwürdige Eigenart hat und durch den der ganze Film dann am Ende doch noch ein wenig von der altbekannten Park’schen Brutalität einatmet.

Es darf auch nicht unerwähnt bleiben, dass „The Handmaiden“ einmal mehr fantastisch aussieht. Wie schon in „Stoker“ schwelgt Park Chan-wook in schönen Bildern von schönen Menschen in einer schönen Umgebung. Und dieses Anwesen – das japanischen Stil mit europäischem mischt – ist an sich schon faszinierend. Mit seinen tausend Fluren, den verschiedenen Zimmern und dem großen Park eigentlich der perfekte Ort für einen altmodischen Gruselfilm oder eben so ein kleines, aber feines Betrüger-Drama wie „The Handmaiden“.

„The Handmaiden“ – oder halt bei uns „Die Taschendiebin“ – ist ein etwas anderer Park-Chan-wook-Film und dann wieder doch nicht. Wie auch sonst fasziniert, begeistert und schockiert der Regisseur durch cleveres Geschichten-Erzählen… was bei ihm auch wunderbar als Kostüm-Drama funktioniert (nur die Sache mit dem Humor halt nicht so ganz… naja, okay und die Sexszenen, die ich bisher noch unerwähnt ließ, wirken auch etwas verklemmt)

Wertung: 8 von 10 Punkten (ein opulenter Film voller Geheimnisse)

Advertisements
3 Kommentare leave one →
  1. 9. Januar 2017 11:12

    Freue mich schon sehr auf den Film. Läuft hier leider bislang nur in einem Kino am anderen Ende der Stadt *grummel*

    • donpozuelo permalink*
      9. Januar 2017 11:30

      Ja, selbst für Berliner Verhältnisse ist es eher schwierig, an den Film zu kommen. Hat leider keinen großen Start – ich drücke dir die Daumen, dass du es trotzdem schaffst.

Trackbacks

  1. Tarantino auf koreanisch, anyone? Kritik: Die Taschendiebin. – filmexe

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: