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Fleischwolf

9. Dezember 2016

Auf der Suche nach den letzten Filmen, die ich dieses Jahr noch in meine Top 10 der besten Filme des Jahres nehmen könnte, muss ich mich jetzt so langsam beeilen. Der Dezember ist nicht mehr so lang, die Zeit wird knapp… und dabei habe ich noch so einige Kandidaten, die ich gerne gesehen hätte. Ich habe schon mal vorsichtig vorab Bilanz gezogen und immerhin brav über 50 Filme dieses Jahr im Kino gesehen – also nicht mein bestes Jahr, was Kinogänge anging, aber auch nicht mein schlechtestes. Trotzdem verpasst man ja immer wieder mal Filme, die man eigentlich gerne im Kino geguckt hätte… einer, der definitiv ganz oben auf meiner Liste stand, war Jeremy Saulniers „Green Room“.

Die Punkband „The Ain’t Rights“ spielt in einer abgewrackten Nazi-Bar mitten im Nirgendwo – Geldprobleme. Blöd nur, dass sie ihren Gig dann mit „Nazi Punks Fuck Off“ anfangen – zwar eine gute, legitime Botschaft, aber nicht bei dem Publikum. Trotzdem überstehen Sam (Alia Shawkat), Pat (Anton Yelchin) und ihre Band irgendwie das Konzert und wollen sich gerade verabschieden, als sie im Green Room der Bar Zeuge eines Mordes werden. Die Nazis wollen sie natürlich nicht gehen lassen, die Band wird unfreiwillig zu Geiselnehmern und verbarrikadieren sich in dem kleinen Raum – ohne Ausweg. Denn draußen wartet Nazi-Anführer Darcy (Patrick Stewart) mit seinen Anhängern…

Keine Zugabe bei dem Publikum

Heilige Scheiße, was für ein Film! Dieser Film ist wie Punk selbst: er kommt auf dich zu in wilden, unvorhergesehenen Schüben. Dieser Film ist wirklich ein unangenehm anzuschauendes, kleines Meisterstück in Sachen „Ein Ort, eine Handlung“. Dieser Film ist brutal, heftig brutal… und doch kein Film, der sich nur darauf ausruht. „Green Room“ ist wie Home Invasion, nur irgendwie ganz anders. Pat und Co. sind nicht in ihrem Haus und wollen trotzdem raus – nur wartet in den Fluren, in den Gängen das Grauen.

Jeremy Saulnier gelingt das Kunststück, aus „Green Room“ kein bloßes Schlachtfest werden zu lassen. Kein „bloßes“ wohlgemerkt, denn mein Titel „Fleischwolf“ passt dennoch ganz gut zum Film. Die Ausbrüche von Gewalt, die einem immer mal wieder das Zugucken arg erschweren, sind ziemlich heftig. Unschön anzuschauen – dank gutem Effekt-Make-Up! Sie kommen auch extrem unerwartet – und das ist ein Punkt, den ich sehr an „Green Room“ schätze: Saulnier bleibt da unangenehm realistisch. Hier lauert die Kamera nicht hinter einer Ecke und lässt uns darauf warten, dass die Band ins offene Messer rennt. Nein, wir verfallen mit der Band in Panik und plötzlich passiert einfach alles so extrem schnell. Darcys Nazis haben ihre Befehle und fackeln nicht lange rum… und so hat man sich gerade hinter seinen Händen versteckt und hofft, dass sich alles ein wenig beruhigt – prompt schlägt Saulnier wieder zu. Er erschafft so eine unheimliche Atmosphäre, in der man sich in dem ausweglosen Green Room fast schon wieder wohl fühlt, weil man doch nicht weiß, was einen draußen erwartet. Die Ausweglosigkeit ist es, die „Green Room“ so nervenaufreibend macht. Man sitzt einfach irgendwann wie gebannt da, fassunglos, hilflos, sprachlos.

Aber wie schon gesagt, ist „Green Room“ nicht nur Schlachtfest, sondern auch bestückt mit einer Menge guter Darsteller. Allen voran natürlich Anton Yelchin, der leider kurz nach der Premiere des Films starb. Yelchins Pat (wie auch alle anderen) spielen diese Verzweiflung, die Panik, die Ausweglosigkeit verdammt gut und überzeugend. Zusammen mit ihm, „Arrested Developments“ Alia Shawkat, Imogen Poots und den anderen Band-Mitgliedern haben wir mal nicht dieses typische Panik-Team. Die versuchen schon noch Herr der Lage zu werden, versuchen sich Mut zu zusprechen, ruhig zu bleiben. Auch wenn Saulnier keine große Einleitung für die einzelnen Charaktere hat, hat man doch das Gefühl, sie ausreichend zu kennen. Und irgendwann fiebert man einfach nur noch verzweifelt mit ihnen mit, weil man sich wünscht, sie kommen aus dieser Hölle raus. Eine Hölle – angeführt von einem hervorragend kaltem Patrick Stewart, der von außen wie der nette Mann von nebenan aussieht, aber innerlich ein Monstrum ist.

„Green Room“ hat mich wirklich umgehauen und ehrlich gesagt auch kalt erwischt. Ich wusste, das mich ein heftiger Film erwartet, aber nicht, dass es so ein guter Film ist, der immer wieder überrascht, immer wieder gekonnt das Tempo wechselt und die ganze Zeit so eine Spannung verbreitet, das man gefühlt erst wieder Luft holt, wenn der Abspann läuft.

Wertung: 9 von 10 Punkten (ein krasser, heftiger Film – Saulnier muss ich mir dringend als Regisseur merken)

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3 Kommentare leave one →
  1. 9. Dezember 2016 20:15

    Der Film fing gut an und hatte seine Momente, verlor aber zunehmend. Patrick Stewart war als Darcy Banker durchaus gut, das Konstrukt wie man der armen Kids habhaft werden könnte war mir jedoch zu unlogisch und kompliziert. Schade um die guten Darsteller.
    Ich habe auch echte Probleme mit der ewigen Stigmatisierung von Skinheads als Immer-Rechtsradikale. Ist einfach ermüdend und stimmt ja so auch nicht. Gibt schließlich eine große Redskinscommunity.

    • donpozuelo permalink*
      9. Dezember 2016 22:52

      Echt? Für mich gewann der mehr und mehr. Und die Kids fand ich eigentlich auch ziemlich gut. Aber ja, ich verstehe, was du meinst, wenn du von dem Habhaft-Werden sprichst. Das war wirklich etwas arg kompliziert. Aber es sollte ja auch alles später wie ein Unfall aussehen.

Trackbacks

  1. 2016 | Going To The Movies

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