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Busfahrer-Poesie

28. November 2016

Einen Film über einen Busfahrer zu machen, klingt ziemlich unspektakulär. Ich meine, es sei denn, es ist Sandra Bullock als Busfahrerin in „Speed“. Ansonsten erwarten wir doch nicht sonderlich viel von unserem Busfahrer. Ein Typ oder eine Frau, die den Bus steuert, uns die Tür vor der Nase zuschlägt, wegfährt, obwohl wir heftig gestikulierend gelaufen sind. Kann so ein Busfahrer auch ein Mensch mit Gefühlen sein, mit Ängsten, Sorgen und Problemen, ein Mensch, der Liebe schenkt, Freunde hat? Oder ist so ein Busfahrer einfach nur derjenige, der unerwartet bremst, knurrig seine Fahrgäste anschaut und uns eben die Tür vor der Nase zuschlägt? Nein!!! Busfahrer sind auch nur Menschen… und kein anderer hätte das wohl besser filmisch elegant und poetisch umsetzen können als Jim Jarmusch in seinem neuesten Film „Paterson“.

Darin geht es nämlich um einen Busfahrer in der kleinen Stadt Paterson. Doch dies ist kein gewöhnlicher Busfahrer, also eigentlich schon, denn er fährt Bus. Aber ungewöhnlich ist, dass dieser Busfahrer zufällig genau wie seine Stadt heißt – nämlich Paterson (Adam Driver). Und ungewöhnlich ist auch, dass dieser Busfahrer Gedichte schreibt. In jeder freien Minute – Gedichte über Streichholzkästchen, über Liebe und worüber man sonst noch so Gedichte schreibt. Sieben Tage lang, von Montag bis Montag Morgen begleiten wir Paterson durch sein Leben.

Busfahrer-Liebe

Morgens aufstehen, Müsli-Essen, zur Arbeit gehen, arbeiten! Von der Arbeit nach Hause gehen, Frau herzen, Abendessen, Gassi-gehen, Freunde in der Bar besuchen! Und wieder von vorne. Sieben Tage die Woche. Genau das ist Jim Jarmusch‘ „Paterson“. Wirklich, ich verarsche euch nicht… von Montag bis Montag. Und bei jedem anderen Regisseur hätten daraus die wahrscheinlich langweiligsten zwei Kino-Stunden der Welt werden können. Aber nicht bei einem Jarmusch. Denn der Mann findet selbst noch Poesie in der scheinbar öden Normalität des Alltags. Man muss das Auskosten der einzelnen Momente natürlich mögen, aber ich liebe es, dass sich Jarmusch immer Zeit nimmt, um die Gedanken seiner Charaktere auszuleben. So ein Jarmusch-Film ist wie Mediation… und „Paterson“ ist Mediation dank der Poesie eines Busfahrers.

„Paterson“ hat etwas Hypnotisches an sich: je mehr man sich auf diesen Film einlässt, desto mehr nimmt er dich gefangen. Denn aus der scheinbar öden Darstellung der fast immer gleichen Handlungsabläufe kreiert Jarmusch die Poesie des Alltags. Was anfangs erscheint wie das Ewig-Gleiche ist doch durchsetzt von kleinen, aber feinen Veränderungen. „Paterson“ wird zum Gedicht in Film-Form. Wie ein Gedicht sich durch Reime scheinbar wiederholt oder an bestimmten Stellen vertraut klingt, so tauchen auch in „Paterson“ immer wieder Dopplungen auf. Träumt Patersons Frau (Golshifteh Farahani) von Zwillingen, tauchen auf einmal überall Zwillinge auf. Das Wasser, das fällt aus dem Gedicht eines kleines Mädchens wird zum Wasserfall-Bild in Patersons Wohnung vom Wasserfall in Paterson. Die Geschichten der Fahrgäste finden sich in den Geschichten der Bar-Besucher wieder, in der Paterson jeden Abend sein Bier trinkt. Die Kreise und Schlangenlinien, die Patersons Freundin auf gefühlt alles malt, werden zum Symbol für den ganzen Film. Es wiederholt sich alles und doch ist es nie das exakt Gleiche. Das Reimschema des Films verändert sich, verändert die Umgebung… alles in diesem Film ist in ständiger Bewegung, obwohl sich scheinbar kaum etwas bewegt. Man will dieses Film-Gedicht „Paterson“ am liebsten auswendig können, man will und muss es mehrmals sehen, um Jarmusch‘ Poesie voll und ganz auf sich wirken zu lassen.

Ich weiß, ich gerate arg ins Schwärmen, aber ich kann nicht anders. Aber „Paterson“ ist einfach nur ein wundervoller Film. Sieben Tage Busfahrer-Normalität treffen auf sieben Tage Busfahrer-Unnormalität. Die Welt von „Paterson“ ist ein Gedicht, geschrieben von einem Poeten, der selbst in einer einfachen Streichholzschachtel etwas sieht, um die Liebe zu seiner Frau auszudrücken. Die Welt von „Paterson“ ist bewohnt von Dramatikern, Poeten, Schauspielern – wo selbst aus dem Beziehungsdrama in der Kneipe eine Jarmusch’sche Variante von „Romeo und Julia“ wird. Hier gibt es überall Drama, wo man keines vermuten würde. Es ist eine Welt voll lieblicher Naivität, in der selbst die ganz Harten nur dein Bestes wollen (und sich darum sorgen, dass Patersons Hund nicht entführt wird).

„Paterson“ ist ein wunderschönes Kino-Erlebnis, das den Alltag feiert. Mit „Kylo Ren“-Darsteller Adam Driver ist zudem auch der perfekte Busfahrer-Poet gefunden, der diese Melancholie, die scheinbare Sehnsucht nach mehr, aber auch die Zufriedenheit des Augenblicks in nur einem einzigen Blick darstellen kann.

An dieser Stelle höre ich dann einfach auf. Ich denke, es ist klar geworden, wie sehr ich diesen Film schon nach einem Mal gucken liebe. Schaut ihn euch einfach an, wenn euch „Only Lovers Left Alive“ oder auch nur irgendein Jarmusch-Film gefallen hat, dann werdet ihr „Paterson“ lieben.

Wertung: 10 von 10 Punkten (nach diesem Film möchte man dann auch selbst Gedichte über Streichholzkästchen schreiben)

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6 Kommentare leave one →
  1. 28. November 2016 12:21

    Die Gedichte sind so toll und alles wirkt so leicht und beschaulich und Paterson hat ein Gemüt wie ein Fleischerhund. Ich mag den Film auch total gerne und ich warte auf Deine ersten Poems :))

    • donpozuelo permalink*
      28. November 2016 15:26

      Es gibt tatsächlich schon welche von mir. Altes Zeug aus der Jugend. Aber wer weiß, vielleicht inspiriert mich die nächste Streichholzschachtel auch. 😉

  2. 28. November 2016 14:03

    Oh man. Schöne Kritik. Das mit dem Wasserfall ist mir entgangen, auch wenn ich die Gedichtzeilen noch lange im Kopf hatte.

    • donpozuelo permalink*
      28. November 2016 21:18

      Danke sehr. Ja… das mit dem Wasserfall ist mir irgendwie besonders hängen geblieben.

Trackbacks

  1. Kritik: Paterson – filmexe
  2. 2016 | Going To The Movies

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