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Höhenangst

23. November 2016

Ich muss ja gestehen, dass ich immer nicht so ein großer Fan von Filmlisten bin, die mir jetzt die besten Filme aller Zeiten auflisten wollen. Ist zwar immer ganz nett, sowas mal zu lesen, aber es ist dann halt auch nur eine subjektive Liste, bei der man sicherlich einige Sachen gut findet, andere nicht oder auch gleich noch etwas vermisst. Aber es gibt sie nun einmal… und gerade bei alten Klassikern ist sich die Filmwelt ja schon recht einig, was da irgendwo in die Top 10 oder Top 3 gehört. Bis vor nicht all zu langer Zeit stand Orson Welles‘ „Citizen Kane“ auf Platz 1 – ein nachvollziehbarer Platz, wie ich finde. Vor allem wenn man bedenkt, wie sehr Welles in diesem Film die Mittel seiner Zeit verwendet und verbessert und damit zum Allgemeingut gemacht hat, wie sehr er auch vom rein Erzählerischen andere Wege gegangen ist. Wenn ich „Citizen Kane“ sehe, kommt mir das immer ein bisschen vor wie in einem Filmkurs, in dem halt alle Filmmittel erläutert werden. Das soll jetzt „Citizen Kane“ auf keinen Fall schlecht reden, sondern vielmehr zeigen, dass ich durchaus verstehen kann, warum man ihn so lange immer auf Platz 1 hatte.

Doch erstaunlicherweise wurde der Film auf einigen Listen vom Thron gestoßen. Musste Platz für einen anderen Film machen. Einen Film, der jetzt nicht unbedingt damit angeben kann, alles technisch Mögliche seiner Zeit gekonnt unter einen Hut gebracht zu haben – auch wenn er ebenfalls ein paar spannende Neuerungen hervorgebracht hat. Dieser neue Platz 1 ist vielmehr etwas ganz anderes… ein Film, der nahezu hypnotisch wirkt, der auch ohne stark ausgeprägte Handlung funktioniert, der einfach so perfekt Stimmung aufbaut und auch nach wiederholtem Male schauen, nichts von seinen Schauwerten und Spannungsmomenten verliert.

Und nach so viel langer Rede kommen wir dann endlich zu Alfred Hitchcocks „Vertigo“, in dem James Stewart als Scottie, ein pensionierter Polizist, der wegen seiner Höhenangst den Dienst quittiert hat (zumal deswegen bei einer anfänglichen Jagd über den Dächern von San Francisco auch ein anderer Beamter starb). Als Scottie von seinem alten Schulfreund Gavin (Tom Helmore) gebeten wird, seine Frau Madeline (Kim Novak) zu beschatten, nimmt Scottie den Fall nur widerwillig an. Scottie findet heraus, dass sich Madeline besonders für die längst verstorbene Carlotta Valdes interessiert – ohne zu wissen, dass sie ihre eigene Urgroßmutter ist, die sich in den Tod stürzte. Je länger Scottie an dem Fall arbeitet, desto näher kommt er auch Madeline – doch diese Liebe ist nur von kurzer Dauer, als Madeline sich in den Tod stürzt und Scottie sie aufgrund seiner Höhenangst nicht retten kann. Er verfällt in Depressionen, landet in der Irrenanstalt – und kaum ist er wieder draußen, trifft er auf Judy, die der verstorbenen Madeline bis aufs Haar gleicht (und was nicht passt, versucht Scottie zu ändern).

Blondinnen bevorzugt…

So… das war mal wieder furchtbar lang, tut mir Leid. Aber es ging halt auch irgendwie nicht kürzer, schließlich ist Hitchcocks „Vertigo“ auch vollgestopft mit verschiedenen Genres, sodass es mir immer schwerfällt, „Vertigo“ in eine Schublade zu packen. Denn auch wenn der Film immer gern als Thriller bezeichnet wird, steckt doch so viel mehr darin. Erst fängt es an wie jeder andere Detektiv-Streifen auch – in teilweise langen Einstellungen (ohne Dialog oder Monolog) verfolgen wir gemeinsam mit James Stewart Kim Novak. Dann wird’s unheimlich und mysteriös. Gekonnt spielt Hitchcock hier damit, uns und Scottie zu verwirren: Ist Madeline jetzt besessen von dem Geist ihrer Urgroßmutter oder einfach nur verrückt oder was ist das los? Danach wird aus dem Gruselfilm ein Drama, dass sich nach der Offenbarung des gemeinen Plots, dem Scottie (und auch wir) zum Opfer gefallen ist, noch einmal komplett dreht und eine ganz neue Seite beleuchtet, wobei Hitchcock immer darauf bedacht ist, seine Charaktere noch weiter auszubauen. Zumal hier die Frage nach Schuld und Sühne noch besser greifbar wird… und Hitchcock uns gleichzeitig auch in eine andere Position packt. Jetzt wissen wir nicht mehr genauso viel wie Scottie, sondern mehr… und warten, fassungslos vor Aufregung, wann er wohl dahinter kommt, was hier gespielt wird.

„Vertigo“ fängt somit mit einer Sache an und hört am Ende mit etwas ganz anderem auf. Bei jedem anderen Filmemacher hätte das gehörig in die Hose gehen können, aber Hitchcock balanciert den Film einfach von der ersten bis zur letzten Minute gekonnt aus. Und das ist ja längst nicht das Einzige, was „Vertigo“ auszeichnet… da wäre ja dann noch Hitchcocks meisterliches Geschick, Atmosphäre aufzubauen. Sei es durch den großartigen Soundtrack von Bernard Herrmann, der ähnlich hypnotisch ist wie der gesamte Film. Ich rede ja nicht oft über Soundtracks, aber der von „Vertigo“ ist umwerfend – der geht eine perfekte Symbiose mit den Bildern ein, in denen Hitchcock mit Farben spielt, uns mit dem Vertigo-Effekt Scotties Schwindelgefühle perfekt zeigt und an denen man sich im Allgemeinen einfach nicht satt sehen kann.

Ich habe „Vertigo“ jetzt echt schon mehrmals gesehen und kann ihn mir auch immer wieder anschauen, weil es wirklich ein großartiger Film ist. Ich kann schon verstehen, warum „Vertigo“ den Platz 1 hat – wenn ich die Wahl zwischen „Vertigo“ und „Citizen Kane“ hätte, würde ich dann doch Hitchcock vorziehen. Auch wenn ich sagen muss, dass ich Hitchcocks „Das Fenster zum Hof“ ein winzig kleines bisschen mehr mag… 😉

Wertung: 10 von 10 Punkten (ein grandioser, spannender, packender, aufregender, hypnotischer, perfekter Film!!!)

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13 Kommentare leave one →
  1. 23. November 2016 10:47

    Hab den neulich erstmals gesehen und aus irgendeinem Grund hat der mich nicht so richtig gepackt. Hab den zwar trotzdem gut bewertet, weil er natürlich gut ist, aber mir zog der sich zwischendurch zu sehr. Irgendwie so eine Art Hass-Liebe bei mir.

    • donpozuelo permalink*
      23. November 2016 18:09

      Hahaha… beim ersten Mal mochte ich ihn auch nicht so wirklich. Mit der Zeit habe ich ihn aber echt lieben gelernt.

      • 23. November 2016 18:31

        Werde ihm auch sicher noch mal ne Chance geben irgendwann. Ansonsten hat mich Hitchcock bisher ja immer überzeugt.

        • donpozuelo permalink*
          24. November 2016 12:07

          Eben. 😉

  2. 23. November 2016 17:27

    Stimme dem Kommentar von Filmschrott zu: Sehr guter Film, aber nicht perfekt, vor allem wegen der Längen.
    Hätte ich die Wahl zwischen „Citizen Kane“ und „Vertigo“, würde ich mich deutlich für Welles entscheiden. Und was Hitchcock betrifft: Da finde ich persönlich „Cocktail für eine Leiche“ und „Über den Dächern von Nizza“ stärker 😉

    • donpozuelo permalink*
      23. November 2016 18:10

      Okay… danke für den Hinweis. Das sollten mal die nächsten zwei Hitchcock-Filme werden, die ich mir anschaue… 😉

      Und ja, KANE ist auch toll. Die teilen sich für mich irgendwie beide den ersten Platz.

  3. 23. November 2016 17:58

    Ich finde ihn ja schrecklich und Scottie ist ein zutiefst gestörter Mann, aber gut, wenn man das akzeptiert funktioniert er als Psychothriller.

    • donpozuelo permalink*
      23. November 2016 18:12

      Absolut. Scottie ist ein furchtbar gestörter Mann… vollkommen gaga in der Birne.

  4. 25. November 2016 11:40

    Einer von Hitchcocks besten. Kann man wohl ohne Umschweife so sagen. Und wohl der einzige Film, der gleichzeitig auch für einen filmtheoretischen Begriff steht.

    • donpozuelo permalink*
      25. November 2016 13:10

      Danke, endlich mal jemand, der mir voll und ganz zustimmt 😉

  5. 28. November 2016 16:01

    I just don’t get it. Hier kann ich den Klassikerstatus noch weniger nachvollziehen als bei „Gone with the Wind“. Spannungsmoment gleich null, ein unfassbar öder Film, auch und gerade im Vergleich mit anderen Hitchcocks. Nicht viel passiert, und das Wenige ist auch noch behäbig erzählt. Normalerweise kann ich bei ‚Klassikern‘ ja wenigstens nachvollziehen, warum andere Leute darauf abfahren, aber hier…

    • donpozuelo permalink*
      28. November 2016 21:20

      Echt? Öde? Okay… ich kann’s nicht so ganz nachvollziehen. Aber hey, i don’t judge. 😉

      Aber ja, so ist das halt mit den Klassikern. Man muss sie halt zum Glück auch nicht alle mögen.

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  1. Alter Mann, noch ältere Filme | Going To The Movies

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