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REDRUM

24. Oktober 2016

In jungen Jahren habe ich Stephen King verschlungen, als würde es keinen anderen Autoren geben. Der King of Horror hatte mich fest in seinem Griff. Bücher wie „ES“ oder „The Shining“ habe ich innerhalb von wenigen Tagen förmlich inhaliert. Aber an die Filme habe ich mich damals nie getraut. Zum Teil aus Angst, sie könnten mir nur noch mehr Angst einjagen und später zum Teil aus Angst, sie könnten einfach nicht gut genug sein. Und von King-Verfilmungen gibt es ja genügend – sowohl welche, die wirklich gut sind („Die Verurteilten“ oder „Stand By Me“ sind nach wie vor große Favoriten, auch wenn es wahrscheinlich die ungewöhnlichsten King-Geschichten überhaupt sind, weil es halt mal wirklich nicht um Horror geht), aber auch solche, die einfach nur furchtbar sind (man nehme nur, „Under the Dome“, was ja selbst unter Kings eigener Führung zu einem Fiasko wurde). Kann man dann also einem Autor trauen, der mal von einer Verfilmung seines Romanes nicht zufrieden ist? Natürlich, dämliche Frage – immerhin liegen ja des Öfteren Welten zwischen der Vorlage und dem entstandenen Film. Wenn der Film aber mit der Zeit zu einem wahren Klassiker geworden ist, ist die schlechte Kritik des Autoren schon ein bisschen merkwürdig (aber auch immer noch irgendwie verständlich).

Natürlich reden wir von Stanley Kubricks „The Shining“, wenn irgendwo das komische Wort „REDRUM“ steht. Und die meisten werden die Geschichte sofort kennen – die Geschichte von Vater Jack (Jack Nicholson), der mit seiner Frau Wendy (Shelley Duval) und seinem Sohn Danny (Danny Lloyd) für ein paar Monate in das abgeschiedene und für die Winter-Monate still gelegte Overlook Hotel zieht. Doch in diesem Hotel passierten unheimliche Dinge: Der vorherige Hausmeister tötete seine Familie, deren Geister-Zwillinge besonders den kleinen Danny heimsuchen. Aber auch Papa Jack bleibt nicht unberührt und gerät mehr und mehr in den Bann des Hotels, das ihn langsam, aber sicher in den Wahnsinn treibt.

Ein Kaffee könnte ihm jetzt gut tun…

Und wie gesagt, Stephen King mochte diesen Film noch nie, weswegen er selbst ein Remake schrieb, dass es dann aber wohl nur ins Fernsehen schaffte (und das ich mir bis heute nicht angeguckt habe, aber vielleicht irgendwann mal machen werde). Aber was genau hat King dann an Kubrick zu kritisieren??? Nun, wenn man mal Google befragt, findet man mehrere Sachen auf einmal: Angeblich war ihm Jack Nicholson in der Rolle von Anfang an schon zu verrückt, als das der Wandel vom netten Daddy zum Psychopathen wirklich überzeugend wäre. Außerdem war ihm Shelley Duval einfach zu überflüssig, da sie eh nur zum Schreien im Film war. Und dann hätte Kubrick wohl nicht wirklich die böse, unheimliche Natur des Overlook Hotels verstanden.

Ganz schön viel Gemecker, aber stimmt es auch? Nun, wenn man das Buch gelesen hat, kann man King durchaus verstehen. Schließlich geht er doch ganz andere Wege und allein das Finale unterscheidet sich extrem. Bei King geht das Overlook am Ende in Flammen auf, bei Kubrick bleibt es einfach stehen. Aber gut… das sind halt die künstlerischen Entscheidungen eines jeden Regisseurs.

Wo man King aber durchaus Recht geben muss, ist bei den Darstellern. Versteht mich nicht falsch, Jack Nicholson ist superb in dieser Rolle. Ich meine, allein wenn der Mann seine Augenbrauen ein bisschen anhebt und dabei diabolisch grinst, bekommt man schon leichte Gänsehaut. Aber ich muss King schon irgendwie Recht geben: Nicholson wirkt halt von Anfang an ein bisschen manisch, isoliert sich ja dann auch ziemlich schnell von seiner Familie. Man lernt ihn also eigentlich nie so richtig als Familien-Mensch an sich kennen, sondern schon von Anfang an als eine Art Sonderling. Dennoch – und das muss ich hier noch einmal unterstreichen – finde ich Jack Nicholson ist dieser Rolle großartig, weil er es teilweise nur durch seine Mimik schafft, dem Wahnsinn ein Gesicht zu geben.

Was Shelley Duval angeht, bin ich ehrlich gesagt, schon sehr auf Kings Seite. Sie ist eigentlich wirklich nur Kubricks Scream Queen für „The Shining“, das kleine, brave Hausfrauchen. Aber na gut, für den Film ist sie jetzt nicht so wichtig, wichtiger ist der kleine Danny Lloyd, der als Junge mit der Begabung tote Menschen zu sehen (etwas, dass er Haley Joel Osment weit voraus hatte) wirklich überzeugt.

Noch unheimlicher geht es nicht…

Am überzeugendsten finde ich aber dennoch immer noch das Overlook-Hotel selbst. Denn egal, was King auch meint, für mich ist das Overlook mit all seinen unheimlichen Gästen die unheimlichste Präsenz in diesem Film. Das Hotel ist ein Labyrinth und genau so zeigt es uns Kubrick auch. Immer wieder fahren wir mit Danny durch die langen Gänge, immer wieder laufen wir mit Wendy oder Jack durch endlos erscheinenden Flure. Dabei baut Kubrick gekonnt Kleinigkeiten ein: Flure, die ins Nichts führen müssten, Fenster, die nicht da sein dürften (besonders auffällig wird das in der Wohnung der Familie), Türen, die ins Nichts zu führen scheinen. Dazu kommen „Schnittfehler“, die bei einem Kubrick aber definitiv keine sind: Immer wieder auffällig ist dabei, wenn der Koch Wendy und Danny in die Vorratskammer führt – als sie wieder herauskommen, treten sie durch eine andere Tür wieder heraus. Sehr subtil lässt Kubrick das Overlook Hotel zu einem Ort des Unmöglichen werden, der – wenn von seinen Geistern bevölkert – ein Ort des Grauens wird. Der dann nur noch gruseliger wird, wenn Danny zum Beispiel den Zwillingen begegnet, wenn Jack den Geistern begegnet, wenn Wendy am Ende die merkwürdigen Gäste des Hotels sieht – das ist alles Gänsehaut pur.

Dann noch die musikalische Beschallung, die in ihrer schrillen Art so unangenehm wirken kann, dass sich dieses Gefühl auch auf den Rest des Films überträgt. Durch die merkwürdige, elektronische, teils schrill-unmelodische Musik fügt Kubrick „The Shining“ eine unheimliche Note zu, die das Wahnsinnig-Werden in diesem Labyrinth von einem Hotel nur noch mehr unterstreicht.

Ich gebe zu, dass ich King ein bisschen verstehen kann sowie ich jeden verstehen kann, der mit Kubricks „The Shining“ nicht wirklich etwas anfangen kann. Es ist halt wirklich ein eher ungewöhnlicher Horror-Film, aber etwas anderes würde man ja von einem Stanley Kubrick auch nicht erwarten, oder???

Wertung: 10 von 10 Punkten (wenn sich aus den Fahrstühlen das Blut ergießt… immer noch ein absoluter Gänsehaut-Moment für mich)

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14 Kommentare leave one →
  1. 24. Oktober 2016 10:45

    Toller Film und sooooo unheimlich.

    • donpozuelo permalink*
      24. Oktober 2016 10:48

      Ja, oder? Also die Zwillinge erwischen mich jedes Mal… 🙂

      • 24. Oktober 2016 12:53

        Oder die Frau in der Dusche… 😮

        • donpozuelo permalink*
          24. Oktober 2016 14:02

          Ja… das war auch verrückt. Am merkwürdigsten find ich aber immer noch die Szene, wenn Wendy diesen Typen im Hundekostüm sieht… da lässt Kubrick dann mal so ganz kurz den Wahnsinn des Hotels durchblicken.

  2. 30. Oktober 2016 16:44

    Ich war da immer auf Kings Seite was den Film betrifft, auch wenn sein Remake leider auch nicht gut gelungen ist. Es wirkte auf mich immer so, als ob Kubrick den Horror zu sehr gewollt hat und Jack nicht den Spielraum gegeben hat zu ‚mutieren‘ – wie du ja schon geschrieben hast. Das hat mich immer sehr genervt. Das Remake ist aber auch unendlich öde… . Zwar buchgetreuer, aber unendlich langatmig. Habe ich schon unendlich gesagt? Unendlich … . Ich warte noch auf die bessere Verfilmung … irgendwann kommt sie bestimmt.

    • donpozuelo permalink*
      30. Oktober 2016 19:05

      Ja… dass Jack nicht wirklich vom lieben Vater zum Monster wird, hat mir auch gefehlt. Ansonsten fand ich Kubricks Art des Horrors aber ziemlich gut. War und ist mal was anderes.

      Und mit Sicherheit wird’s irgendwann nochmal ein Remake oder sowas geben. Nur noch ein wenig Geduld 😉

  3. 9. November 2016 22:04

    Shining ist ein klasse Film, ich habe ihn schon damals im Kino gesehen und war hin und weg. Das Buch habe ich nachgeholt, und fand es dann bedauerlich daß einige wirklich gute Dinge nicht in Kubricks Version geschafft hatten.
    Der TV Zweiteiler (oder gar Dreiteiler?) ist viel näher am Buch und hat großartige Momente, aber nicht diesen komprimierten Horror des Films. Und natürlich keinen Jack Nicholson 😉
    Trotzdem sieh ihn dir an, ist durchaus sehenswert.

    • donpozuelo permalink*
      9. November 2016 22:09

      Ja. Wollte ich eigentlich auch immer mal machen. Wie du schon sagst, das Buch hat viele tolle Elemente, die Kubrick ignoriert.

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