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Found-Footage-Kannibalen

27. Juli 2016

Er ist die Mutter (oder dann doch besser der Vater???) aller Found-Footage-Filme: „Cannibal Holocaust“. Es ist ein Film über vier dumme Menschen, die durch den Amazonas rennen, Eingeborene erschrecken, Schildkröten zerhacken, Eingeborene vergewaltigen und sich am Ende noch wundern, warum sie anschließend selber zerhackt und zerkleinert werden. Das Material, das dieses Team gedreht hat, wird später gefunden und soll die Lust der Menschen nach Sensation im Fernsehen befriedigen, doch der tapferer Professor, der mit Mühe das Material im Urwald sicherstellte, wehrt sich gegen eine Ausstrahlung und gewinnt am Ende zum Glück.

„Cannibal Holocaust“ ist so einer dieser Filme, über den ich schon zig Sachen gelesen hatte: die Tiere im Film wurden alle tatsächlich getötet und das Ganze dann halt auch gefilmt, Regisseur Ruggero Deodato musste sich den Vorwürfen stellen, sein Film wäre ein Snuff-Film und er hätte wirklich diese Menschen sterben lassen. Dabei hatten alle Beteiligten die Vertragsklausel unterschrieben, sich ein Jahr nach der Premiere des Films nicht in der Öffentlichkeit blicken zu lassen, um „Cannibal Holocaust“ etwas Authentizität zu verleihen. Super…

„Cannibal Holocaust“ ist so einer dieser Filme, den ich jetzt endlich mal gesehen habe… rein aus purer Neugier und weil ein Freund von mir den tatsächlich auf DVD im Regal stehen hatte. „Cannibal Holocaust“ ist aber auch die Art von Film, die ich jetzt nicht noch ein zweites Mal schauen muss. Gleichzeitig ist „Cannibal Holocaust“ aber auch einer dieser Filme, der wirklich nur durch seine Schockmomente lebt und ansonsten eher schwer zu ertragen ist – weil er bis dahin eigentlich ziemlich langsam vor sich hineiert.

Wer hat Hunger???

Dafür sind die Schockmomente selbst heute noch ziemlich heftig und ich kann nach wie vor ganz gut verstehen, warum der Film auf dem Index steht. Interessant fand ich dann nur, dass der Film ja, wenn man denn so weit gehen wollte, doch den Versuch startet, eine Botschaft zu vermitteln. Botschaft, fragt ihr völlig zurecht, bei so einem Film??? Nun, wenn man die Zwischensequenzen nimmt, dann verurteilt der Professor der das Material des Filmteams gefunden hat, das Gezeigte aufs Schärfste, doch das TV-Studio will das Material zeigen. Erst nachdem er den hohen Bossen das ganze Filmmaterial gezeigt hat, willigen sie ein. Will uns „Cannibal Holocaust“ also damit zeigen, wie weit uns die Sensationsgier schon damals getrieben hat? Immerhin denken die fiktiven Macher, sie würden mit ihrem Material aus Vergewaltigung, Mord und Menschenfressern einen Oscar bekommen – sie selbst suchen immer wieder das Spektakel, ohne an die Konsequenzen zu denken. Sie selbst haben keinerlei Achtung vor den Stämmen und ihren Traditionen, sie trampeln nur wie bekloppt durch den Urwald in der Hoffnung auf krasse Bilder.

Dementsprechend könnte man „Cannibal Holocaust“ also schon eine Botschaft unterjubeln… aber das wäre für mich jetzt irgendwie auch so als würde ich „A Serbian Film“ oder „Antichrist“ eine tiefere Bedeutung zuschreiben wollen. Und ja, die Regisseure beider Filme haben ihren Filmen eine tiefere Bedeutung zugeschrieben, aber naja… die geht unter all dem Ekel dann auch schnell mal verloren. Und letztendlich gehört „Cannibal Holocaust“ da vielleicht auch nicht so ganz in die Kategorie, in die ich die eben genannten Filme stecken würde… schließlich ist „Cannibal Holocaust“ in der Tradition der Mondo-Filme gedreht worden, einem Genre, dem sich vorwiegend italienische Regisseure widmeten und angeblich wahre Sitten und Bräuche aus der ganzen Welt darstellten, um so eine Art von Zivilisationskritik zu üben. Das Ganze war immer sehr authentisch in seiner Darstellung von Gewalt und Sex… und „Cannibal Holocaust“ liefert nun genau das.

Das Einzige, was ich vielleicht noch halbwegs erwähnenswert finde, ist halt die Tatsache, dass wir es hier mit einem Urfilm des Found-Footage zu tun haben. Und an diesem Film sieht man all die Macharten, die spätere Found-Footage-Filme in sich tragen – insbesondere der Tatsache, dass die harten Sachen alle fünf Minuten vor Schluss passieren und man sich bis dahin durch einen inhaltlich sehr leeren Film kämpfen muss. Und wie in jedem späteren Found-Footage-Film haben die Charaktere natürlich immer nur die Kamera im Sinn. Statt um ihr Leben zu rennen, wird auch hier immer noch ordentlich drauf gehalten…

Tja… damit kann ich dann auch endlich „Cannibal Holocaust“ von meiner Liste streichen. Einmal reicht, vielen Dank. Ich gucke jetzt erst mal ne Folge „Glücksbärchis“…

Wertung: 4 von 10 Punkten (Found-Footage-Ursprung der ekligen Art, für den zu viele Tiere draufgehen mussten)

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10 Kommentare leave one →
  1. 27. Juli 2016 09:22

    Hab ich auch mal vor x Jahren gesehen. Zwecks Sensationsgeilheit. Nix anderes. Du hast das schon ganz treffend beschrieben. Kann der Sorte Film aber ansonsten nichts ab.

    • donpozuelo permalink*
      27. Juli 2016 16:21

      Ja, ich hab’s halt auch wirklich nur geguckt, um es mal gesehen zu haben. Ist jetzt auch nicht so mein Genre… aber gut, wenigstens habe ich so wieder einen „Klassiker“ von meiner Liste streichen können 😀

  2. 27. Juli 2016 20:39

    „Schwer zu ertragen“ ist genau die richtige Beschreibung für den Film

  3. 28. Juli 2016 02:19

    Ich habe den auch nur geguckt, um ihn von der Liste streichen zu können. Eigenartige Mischung aus Langeweile und Ekel. Bin hartgesotten, aber das mit der Schildkröte ging gar nicht. Hatte mich dann versucht von dem Bild zu befreien und angefangen Vergewaltigungen zu zählen.

    • donpozuelo permalink*
      28. Juli 2016 09:43

      Das mit der Schildkröte war wirklich sehr widerlich… und viel von dem Rest danach auch.

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